Der erste Mensch auf dem Mond. Der rechte Fuß von Neil Armstrong. Foto: AFP
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Neuer Wettlauf im All Wem gehört der Mond?

Es geht nicht nur um wissenschaftliche Erkenntnisse, sondern auch um die Förderung von Rohstoffen. Das Jahr 2020 könnte entscheidend werden.

Am 14. September 1972 kletterte der Astronaut Eugene Cernan in die Landefähre von Apollo 17. Seither hat den Mond kein Mensch mehr betreten. Elf Astronauten setzen vor Cernan ihren Fuß auf den Boden des Erdtrabanten, vier von ihnen sind noch am Leben – alle über 80 Jahre alt. Das zeigt, wie weit in der Geschichte dieses große Abenteuer der Menschheit zurückliegt. Bei den Feiern zum 50. Jahrestag der Apollo-11-Expedition im vergangenen Sommer wurde jedoch deutlich, wie groß noch immer die Faszination ist, die von diesem Abenteuer der Menschheit ausgeht. Neil Armstrong und Buzz Aldrin waren im Juli 1969 die Ersten, die ihren Fuß auf den Boden des Mondes setzten, während Michael Collins in der Kommandokapsel auf einer Umlaufbahn kreiste.

Das Interesse am Mond war zwischenzeitlich erloschen, jetzt ist es wieder da. Im kommenden Jahrzehnt wird es einen neuen Aufbruch geben, Menschen werden wieder auf dem Mond landen. Es sollen noch eine ganze Reihe von wissenschaftlichen Fragen geklärt werden, aber diesmal gibt es darüber hinaus ein beträchtliches wirtschaftliches Interesse. Jede der Raumfahrt-Nationen und ein paar ehrgeizige Superreiche wie SpaceX-Gründer Elon Musk haben bemannte Missionen zum Erdtrabanten wieder zum Ziel ihrer Pläne und Träume erklärt. 2020 wird zum entscheidenden Jahr auf dem Weg.

Vor 50 Jahren machten die Konkurrenten des Kalten Krieges – die USA und die Sowjetunion – den Wettlauf unter sich aus. Als der Sieger feststand, wurde rasch Bilanz gezogen. Die Projekte waren zu teuer. Vor allem jedoch war die entscheidende Frage unbeantwortet geblieben: Was wollen wir eigentlich da? Dieses Mal soll alles anders sein – ökonomischer, nachhaltiger und internationaler. Man werde auf den Mond zurückkehren, um zu bleiben, sagen Nasa-Direktor Jim Bridenstine und Roskosmos-Chef Dmitri Rogosin übereinstimmend. Private Unternehmen sind ausdrücklich erwünscht für die Entwicklung der Technik, im kommerziellen Gütertransport und sogar im Weltraum-Tourismus.

Das Entdecker-Prinzip

Bridenstine gibt sich überzeugt, kein Land sollte die finanziellen Belastungen allein schultern, internationale Zusammenarbeit sei effektiver. Die wissenschaftliche Erforschung des Weltalls ist eine der letzten Sphären, in denen die amerikanisch-russische Kooperation noch funktioniert. Aber in der jetzt bevorstehenden Phase der Eroberung des Mondes wird es nicht nur um Grundlagenforschung und Astro-Wissenschaft, sondern auch – vielleicht sogar vor allem – um die Förderung seiner Rohstoffe gehen.

Da gibt es zum Beispiel das Isotop Helium-3, das ein guter Brennstoff für Fusionskraftwerke wäre. Mit der Gewinnung von Rohstoffen auf dem Mond, so ist die Hoffnung, könnten sich Milliarden-Investitionen in absehbarer Zeit in Milliarden-Gewinne verwandeln. Vor diesem Hintergrund könnte plötzlich aber wieder das alte Entdecker-Prinzip wichtig werden: Wo meine Flagge steht, da ist mein Staatsgebiet. China setzte 2019 ein Signal.

Nach der Landung einer Sonde auf der Rückseite des Mondes wurden ambitionierte Pläne lanciert. Von Siedlungen und Abbauanlagen war die Rede, doch solche Projekte werden mit einiger Sicherheit nicht im kommenden Jahrzehnt starten.

Über die „Lunar Embassy“ eines gewissen Dennis Hope kann man seit fast 40 Jahren Flächen auf dem Mond kaufen, eine rechtliche Grundlage hat das aber nicht. Laut den Weltraumverträgen der Uno gehört der Mond niemandem. Das Weltraumrecht ist inzwischen mehr als nur ein Gegenstand abstrakter akademischer Erörterungen.

Der Mondvertrag von 1979 beispielsweise untersagt die militärische Nutzung und im Prinzip auch staatliche Souveränitätsansprüche oder privaten Besitz. Die Nutzung von Ressourcen soll unter Aufsicht erfolgen, legte die internationale Gemeinschaft fest. Was das konkret und im Detail bedeutet, ist umstritten. Wie sehen die nächsten Pläne der größten Akteure aus?

USA

Triebwerk einer Artemis-Rakete, die bei künftigen Nasa-Mondflügen genutzt werden soll. Foto: Sean Gardner,Getty Images,AFP Vergrößern
Triebwerk einer Artemis-Rakete, die bei künftigen Nasa-Mondflügen genutzt werden soll. © Sean Gardner,Getty Images,AFP

Die Priorität für die US-Weltraumagentur Nasa hat Präsident Donald Trump bereits 2017 mit der „Space Policy Directive No. 1“ vorgegeben. Sein Vize Mike Pence machte im vergangenen Sommer noch einmal Druck. „Wenn die Nasa nicht imstande ist, US-Astronauten in fünf Jahren auf dem Mond zu landen, dann müssen wir die Organisation ändern, nicht die Mission“, drohte Pence während der Feiern zum Apollo-11-Jubiläum.

Vorausgegangen war eine Warnung der Weltraum-Experten, dass die für 2020 geplante Mondumrundung einer unbemannten US-Sonde wohl auf 2021 verschoben werden müsse. 2024 sollen die ersten Astronauten wieder auf dem Erdtrabanten landen, unter ihnen nach den bisherigen Plänen auch eine Frau. Die Mission heißt Artemis, nach der griechischen Göttin der Jagd und des Mondes.

2021 soll der erste Transport eines Bauteils für ein noch weiter reichendes Projekt, den Lunar Gateway, in eine Mondumlaufbahn erfolgen. Es ist das ehrgeizigste aller derzeitigen Nasa-Programme. Gateway könnte nach den kürzlich vorgestellten Ausbaustufen ähnliche Größenordnungen wie heute die um die Erde kreisende internationale Raumstation ISS erreichen.

Die Station auf der Mondumlaufbahn wäre aber nur von Zeit zu Zeit bewohnt, um als Ausgangsbasis für den Mond und Flüge weiter hinaus ins All zu dienen. Am Projekt Gateway sind eine Reihe von Nationen beteiligt, bisher auch Russland. Doch da drohen Probleme. Kleinere Entwicklungsaufträge hat die Nasa kürzlich an private Unternehmen vergeben.

Entscheidend wird die Frage der Finanzierung. Auf dem Höhepunkt des Apollo-Programms hatte die Nasa faktisch eine Blanko-Vollmacht für das Geldausgeben. Eine unlängst veröffentlichte Studie kommt zu dem Ergebnis, dass Apollo nach heutigen Preisen rund 300 Milliarden Dollar verschlugen hat. Für eine Rückkehr zum Mond brauche es zwischen 20 und 30 Milliarden Dollar, schätzt Nasa-Chef Bridenstine.

Zusätzlich zu den rund 20 Milliarden Dollar für die Weltraumforschung, die aktuell im US-Jahreshaushalt stehen. Die Nasa kann übrigens auf das Erbe des Apollo-Programms zurückgreifen. Das Gebäude für die Montage der Saturn-V-Trägerraketen und der Startkomplex 39B in Cape Canaveral sind noch Einsatzbereit.

RUSSLAND

Russland testet seine schwere Trägerrakete "Angara". Bisher fliegt sie noch nicht zuverlässig. Foto: Anton Novoderezhkin picture alliance / dpa Vergrößern
Russland testet seine schwere Trägerrakete "Angara". Bisher fliegt sie noch nicht zuverlässig. © Anton Novoderezhkin picture alliance / dpa

Die Verantwortlichen der russischen Weltraumagentur haben erst vor wenigen Tagen erneut über ihre Prioritäten im kommenden Jahr beraten. Das Ergebnis ist – zumindest an einigen Positionen – überraschend. Bisher wollte Russland eine entscheidende Komponente, ein Kopplungsmodul, für „Lunar Gateway“ beisteuern. Jetzt überlegt Roskosmos, aus der Kooperation mit den Amerikanern auszusteigen. Roskosmos sei der russische Anteil an Gateway zu gering, schrieb der Kosmos-Journalist Anatoly Zak in seinem Blog. Enger soll dagegen die Kooperation mit China werden.

Auch Russland hat Probleme, sein ambitioniertes Ziel, bis 2030 einen Kosmonauten auf den Mond zu bringen, zu erreichen. Im nächsten Jahr soll nun endlich nach einigen Fehlschlägen die neue Trägerrakete „Angara“ zuverlässig ins Fliegen gebracht werden. Sie hätte in einer entsprechenden Ausbaustufe ähnliche Parameter wie die Saturn V der Amerikaner, die die Apollomissionen ins All brachte. Im vergangenen Herbst hat Präsident Wladimir Putin den neuen Startplatz „Wostotschny“ im Fernen Osten Russlands besichtigt, der den Weltraumbahnhof Baikonur im Nachbarland Kasachstan zunächst ergänzen und dann vielleicht ablösen soll.

Dort gab es bereits Starts, doch der Ausbau für das Mondprogramm kommt nur schleppend voran. Mit diesem Bauplatz ist auch das größte Problem für Roskosmos-Chef Rogosin verbunden. Der russische Rechnungshof ermittelt wegen Korruption und Verschwendung in gewaltigem Ausmaß. „Die Beschaffungsabläufe sind schlecht, die Preise zu hoch, viele Projekte sind unvollendet oder wurden gestoppt. Mehrere Milliarden sind verloren – gestohlen“, bilanzierte Alexei Kudrin, der Chef des Rechnungshofes schon 2018.

Seither ist viel Personal ausgewechselt worden. 2020 sollen nun alle russischen Mondprojekte, die bislang parallel betrieben wurden, zu einer Gesamtstrategie zusammengeführt werden. An einem neuen Wettlauf zum Mond will sich Roskosmos-Chef Rogosin allerdings nichts beteiligen. Sagt er jedenfalls.

CHINA

China landete 2019 auf der erdabgewandten Seite des Mondes. Foto: Xinhua/dpa Vergrößern
China landete 2019 auf der erdabgewandten Seite des Mondes. © Xinhua/dpa

Mit der Landung von „Chang'e 4“ im „Meer der Ruhe“ begann Anfang 2019 ein neues Kapitel in der Monderkundung – nicht nur für China, sondern weltweit. Erstmals war ein weiches Aufsetzen auf der erdabgewandten Seite geglückt. Der Landeort in der Nähe des Südpols könnte Fragen zur Struktur und Geschichte des Erdbegleiters beantworten. „Chang'e 4“ ist der Abschluss von Phase2 des chinesischen Mondprogramms, zur Mission gehören auch Versuche mit Pflanzen und niederen Tieren. Hintergrund sind neben der prestigeträchtigen wissenschaftlichen Erstleistung, dass künftige langfristige Missionen und auch Stationen auf Mond und Mars wahrscheinlich nur möglich sind, wenn sie die Weltraumfahrer selbst mit Nahrung versorgen und Sauerstoff recyceln können. Die Experimente zeigen die chinesischen Ambitionen deutlich. 2020 soll eine weitere Sonde zum Mond starten und rund zwei Kilogramm Gestein zur Erde zurückbringen.

Bemannt wird es für China zunächst aber nur auf der Erdumlaufbahn konkret. Im Jahr 2020 soll der Bau einer chinesischen Raumstation beginnen. Ein bemannter Flug zum Mond ist erst für die Jahre nach 2030 vorgesehen. Spektakuläre Erfolge sind aber ein wichtiges Thema in der Politik des „Chinesischen Traumes“ von Präsident Xi Jinping. So könnte manches auch schneller gehen, als heute angekündigt.

MUSK UND ANDERE

Elon Musk spricht über seine Visionen vom Mondflug. Foto: David McNew/AFP Vergrößern
Elon Musk spricht über seine Visionen vom Mondflug. © David McNew/AFP

Am nächsten dran an einer bemannten Mission zum Mond – zumindest mit Worten – schien lange der illustre Milliardär Elon Musk. Der Erkenntniswert seiner Projekte ist jetzt schon klar: Er liegt nahe Null. Dafür versprechen sie ein unterhaltsames Spektakel zu werden. Musk will zunächst Menschen zu einem Mondflug verhelfen, die ähnlich reich sind wie er selbst.

Der Erste von ihnen hat die Reisekosten bereits angezahlt. Es ist der Japaner Yusaku Maezawa, der sein Vermögen in der Musikindustrie machte. Versprochen ist ihm jedoch lediglich eine Mondumkreisung. Insgesamt gilt aber das Interesse von Musk mehr dem Mars.

Ambitionen, aber noch einen weiten Weg vor sich, hat auch Indien. Im September 2019 gab es zunächst einen Fehlschlag, als das Landemodul Vikram unkontrolliert auf dem Mond einschlug.

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