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Angehende KFZ-Mechatroniker bereiten im Bereich Fahrzeugtechnik an den Berufsbildenden Schulen Anhalt-Bitterfeld unter der Leitung von Berufsschullehrer Thomas Arnold (l.) eine Fahrzeugdiagnose vor. Foto: dpa
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Neue Chancen für Risikokinder Die Berufsschulen sollten ein Beispiel geben für mehr

Die Bildungsrepublik braucht einen Neustart, und es gibt ein Vorbild, nach dem dieser gelingen kann. Ein Kommentar.

Wenn wir sagen, für den Bildungsbereich brauchen wir in den kommenden Jahren 200.000 zusätzliche Kräfte, sagt die Industrie: Wir brauchen 200.000 Mechatroniker." Dieser Satz von Kai Maaz, dem federführenden Autor des am Donnerstag veröffentlichten Nationalen Bildungsberichts, zielt ins Herz der "Bildungsrepublik", die Deutschland sein will. Von der hat sich das Land aber immer weiter verabschiedet, nicht zuletzt durch Corona.

Die Kardinalfrage ist, wer die 8,4 Millionen Schüler und Schülerinnen von der Grundschule bis zum Gymnasium unterrichten soll. Und zwar so, dass die Lerndefizite und die sozialen und psychischen Folgen der Pandemie möglichst rasch überwunden werden. Angesichts von Verteilungskämpfen um hoch qualifizierte Fachkräfte kann die Antwort nur lauten: Bildung first! Denn für alles, was beruflich nach der Schule kommt, ist ausschlaggebend, wie viel Bildung, Ausbildungsfähigkeit und Studierfähigkeit die Jugendlichen und jungen Erwachsenen aus der Schule mitgenommen haben.

Bildungslücken bis hin zum funktionalen Analphabetismus

Dafür steht auch einer der wenigen positiven Befunde von "Bildung in Deutschland". Die Quote der Schülerinnen und Schüler, die die Sekundarschulen ohne Abschluss verlassen, hat sich seit dem vorhergehenden Bildungsbericht verringert – von 6,8 auf 5,9 Prozent. Unter anderem, weil sie wegen der Corona-Unsicherheiten auf dem Jobmarkt lieber länger in der Schule blieben. Sicher, rund sechs Prozent Jugendliche, die nach zehn Jahren Schule quasi chancenlos auf der Straße stehen, sind immer noch viel zu viele. Sie haben Bildungslücken bis hin zum funktionalen Analphabetismus und einer ausgeprägten Rechenschwäche.

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Doch diese "Risikoschüler" sind gar nicht so chancenlos. Sie finden zwar in aller Regel keinen betrieblichen Ausbildungsplatz. Stattdessen gehen sie in schulische "berufsvorbereitende Maßnahmen". Und diese Berufsschulen, o Wunder, bringen viele von ihnen doch noch zum Abschluss. Wie der neunte Nationale Bildungsbericht seit 2006 jetzt erstmals zeigt, der Bildungsbiografien von Kitakindern bis ins Erwachsenenalter verfolgt, sind unter den 20-Jährigen nur noch 1,5 Prozent ohne Schulabschluss.
Das bedeutet zum Ersten: Stärkt man die Berufsschulen, hilft man ihnen, die Lücke von gut 13.000 Lehrkräften bis 2030 schnell zu füllen, produzieren sie potenzielle Auszubildende – auch für den Mangelberuf des Mechatronikers. Zum Zweiten muss auch für die allgemeinbildenden Schulen gelten: Die Bildungsrepublik darf der wachsenden Lehrerlücke nicht länger hinterherlaufen.

Es braucht eine Kampagne für das Lehramtsstudium

"Bildung first" würde bedeuten, sofort eine Kampagne für das Lehramtsstudium zu starten, die Studienbedingungen und vor allem die Betreuung in den Praxisphasen massiv zu verbessern, um Abbrüche im Studium und im Referendariat zu minimieren. Gut, dass die Kultusministerkonferenz ein solches Programm für Mangelfächer in Mathe, Informatik und Naturwissenschaften angeschoben hat. An den Unis ist es aber noch nicht angekommen. Zu spät, zu zaghaft: Das muss sich bei dem für 2023 geplanten Länderschwerpunkt zur Lehrkräftegewinnung ändern.

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Zu vieles müsste sich ändern und zu viele haben sich schon vom Traum der Bildungsrepublik Deutschland verabschiedet? Die nur scheinbar chancenlosen Schulversager in der Warteschleife machen es uns vor: Der Neustart kann gelingen. Packen wir es an.

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