Die Initialen "AH" sind in einem persönlichen Faltzylinder von Adolf Hitler zu sehen. Foto: Matthias Balk/dpa/AFP
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„Nationalsozialismus wieder gesellschaftsfähig“ Erfurter Bischof nennt Versteigerung von Hitlers Zylinder „Skandal“

Scharfe Kritik am Verkauf von Nazi-Devotionalien: „Das Schicksal der Juden berührt hier niemanden mehr“, sagt Bischof Neymeyr.

Der katholische Erfurter Bischof Ulrich Neymeyr hat die Versteigerung von Nazi-Devotionalien durch das Münchner Auktionshaus Hermann Historica scharf kritisiert. „Dass dort am Mittwoch Hitlers Zylinder für 50.000 Euro versteigert wurde, ist für mich ein Skandal“, sagte Neymeyr am Donnerstagabend. Der Verkauf der Kopfbedeckung, die Hitler nur ein einziges Mal trug, beweise zweierlei, so der Bischof: „Das Schicksal der Juden berührt hier niemanden mehr, und der Nationalsozialismus ist wieder gesellschaftsfähig.“

„Hier werden die Verbrechen der Nazis verharmlost“

Neymeyr appellierte beim traditionellen Elisabeth-Empfang des Bistums Erfurt an die Thüringer Politiker, sich dafür einzusetzen, die gegenwärtige Polarisierung der Gesellschaft zu überwinden: „Sie müssen viele Verantwortliche mit einbinden, Sie müssen nach einem Weg suchen, den möglichst viele mitgehen können, und bei alldem müssen Sie den einzelnen Menschen und seine Fragen und Probleme sehen“, sagte er.

Auch der Antisemitismus-Beauftrage der Bundesregierung, Felix Klein, hatte die Versteigerung gerügt. „Hier werden die Verbrechen der Nazis verharmlost. Es wird so getan, als ob mit ganz normalen historischen Kunstgegenständen gehandelt würde“, sagte Klein den Zeitungen der Funke Mediengruppe. „Versteigerungen wie diese bereiten den Boden für Äußerungen, die den Holocaust relativieren. Hier wird wieder einmal eine Rote Linie überschritten“, sagte Klein.

Der Verband der Juden Europas hatte zuvor die Absage der Versteigerung gefordert. „Mit einigen Dingen sollte man einfach keinen Handel treiben“, hatte Rabbi Menachem Margolin von der European Jewish Association in Brüssel in einem Brief an das Auktionshaus geschrieben.

Die Debatte im Vorfeld um die umstrittene Auktion von Gegenständen aus dem Besitz von ranghohen Nationalsozialisten hat nach Einschätzung der Organisatoren die Aufmerksamkeit nur erhöht. „Der gewünschte Effekt ist nach hinten losgegangen“, sagte Bernhard Pacher, Geschäftsführer von Hermann Historica in Grasbrunn bei München. „Es sind Leute darauf aufmerksam geworden, die sonst nie darauf aufmerksam geworden wären.“

130.000 Euro für Luxusausgabe von Hitlers „Mein Kampf“

Bei der Versteigerung vom Mittwoch wurden neben Hitlers Faltzylinder ein Cocktailkleid seiner Gefährtin Eva Braun (4600 Euro) und eine Luxusausgabe von Hitlers „Mein Kampf“ (130.000 Euro) verkauft. Viele Preise – auch für das Kleid und das Buch – waren etwa doppelt so hoch wie erwartet. Insgesamt hätten von mehr als 800 Objekten rund 700 den Besitzer gewechselt. Pacher sprach von einer Verkaufsquote von rund 80 Prozent. „Eine normale Verkaufsquote liegt bei 40 bis 55 Prozent“, sagte er.

Es war nicht die erste Auktion dieser Art bei Hermann Historica. Das Auktionshaus ist seit mehreren Jahren wegen seiner Versteigerungen von Nazi-Gegenständen umstritten. 2016 etwa ging eine Uniformjacke von Hitler für 275.000 Euro an den Höchstbietenden.

Münchner Auktionshaus Hermann Historica wehrt sich gegen Kritik

Pacher wehrte sich gegen die Vorwürfe. „Der mit Abstand größte Teil der Kunden, der bei uns einkauft, sind Museen, staatliche Sammlungen und private Sammler, die sich wirklich akribisch mit dem Thema auseinandersetzen“, hatte er im Vorfeld gesagt. Auch am Abend der Versteigerung bekräftigte er: „Wir wollen keine Kellernazis hervorlocken.“ Soweit er das beurteilen könne, habe dies auch geklappt. An der üblichen Käuferstruktur hat sich nach Pachers Einschätzung nichts geändert.

Für die Käufer sei der Andrang allerdings von Nachteil gewesen. „Sie mussten sehr viel mehr bezahlen als sonst“, sagte Pacher. Die Preise seien etwa um 25 Prozent höher gewesen als bei anderen Auktionen. Für Einlieferer - private Sammler und Händler - wie auch für Hermann Historica - dürfte die Auktion daher lukrativ gewesen sein. Auf jeden verkauften Gegenstand behält das Auktionshaus 25 Prozent des Preises ein, hinzu kommt Pacher zufolge ein zusätzlicher variabler Anteil von bis zu 20 Prozent. (KNA, dpa)

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