Mithilfe des Luftabwehr-Systems Iron Dome versucht Israel, sich vor Angriffen zu schützen. Foto: Jack Guez/AFP
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Naher Osten Warum Israel und die Hamas einen neuen Krieg um Gaza vermeiden wollen

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Extremisten feuern mehr als 150 Raketen auf Israel ab, dessen Luftwaffe schlägt zurück. Jetzt gilt offenbar eine Waffenruhe. Kann das funktionieren?

Keine 24 Stunden dauerte der jüngste Gewaltausbruch am Gazastreifen. Und es sah verdächtig nach dem Beginn eines neuen Krieges aus. Doch Mittwochfrüh dann die Wende: Die Waffen schwiegen. Bis dahin waren mehr als 150 Raketen und Granaten, teils aus iranischer Produktion, aus Gaza in Richtung Israel abgefeuert worden. Die Geschosse verletzten drei Soldaten, trafen den Hof eines leeren Kindergartens und ein Wohnhaus.

Angriffe dieses Ausmaßes hat es seit dem Krieg 2014 nicht mehr gegeben. Israel reagierte entsprechend und griff rund 65 militärische Ziele des Islamischen Dschihad und der Hamas an, darunter Raketen- und Munitionsfabriken, Trainingsgelände und Lagerräume.

Zwar leugneten israelische Minister wie Israel Katz (Energie) und Naftali Bennett (Bildung), dass eine Waffenruhe vereinbart wurde, wie die Hamas erklärte. Doch Tatsache ist, dass die israelische Armee auf die Angriffe in den frühen Morgenstunden am Mittwoch nicht reagierte. Man wolle die Ruhe beibehalten, wenn auch die radikalen Gruppen in Gaza ihren Beschuss einstellen, hieß es aus Verteidigungskreisen.

Diese Zurückhaltung kommt nicht von ungefähr. Israels Regierung hat kein Interesse, die Hamas in Gaza loszuwerden. Denn das hätte zur Folge, entweder selbst die Verantwortung für den Küstenstreifen zu übernehmen oder sich mit noch radikaleren Kräften wie dem Islamischen Dschihad herumschlagen zu müssen.

Sofern die Grenze zu Gaza einigermaßen ruhig bleibt, kann sich die Regierung von Benjamin Netanjahu als Sicherheitsgarant brüsten, ohne sich ernsthaft mit der Zukunft des Landstrichs zu befassen.

Gaza besitzt für den jüdischen Staat keine besondere Priorität. Viel wichtiger – und gefährlicher –ist für Israel momentan die Lage an der Nordgrenze zu Syrien. Dort versucht sich der Erzfeind Iran seit Monaten festzusetzen. In den vergangenen Wochen ist es auch schon mehrfach zu Gefechten gekommen.

Auch deshalb reiste Verteidigungsminister Avigdor Lieberman jetzt nach Russland. Er will die Führung in Moskau als Schutzmacht von Herrscher Baschar al Assad davon überzeugen, dass die Kontrolle an der Grenze wieder in syrische Hände übergeben werden muss.

Hamas-Chef Hanija lässt sich von Anhängern feiern, an einer Konfrontation mit Israel hat er ungeachtet aller Rhetorik kein Interesse. Foto: Mahmud Hams/AFP
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Der Hamas ist ebenfalls nicht an einer militärischen Konfrontation mit Israel gelegen. Denn für die Islamisten steht eine Menge auf dem Spiel. Die Hamas weiß als nüchtern kalkulierende und taktierende Organisation sehr wohl, dass die Kosten eines Krieges in keinem Verhältnis zum Nutzen stehen.

Nach dem Waffengang vor vier Jahren konnten Gazas Herrscher sich noch als Kämpfer gerieren, die dem übermächtigen Gegner letztendlich Stand gehalten hat. Doch machte Israel jetzt Ernst, es bedeutete wohl das Ende der Hamas. Schon 2014 plädierten Hardliner im Kabinett von Netanjahu dafür, das Problem an der Südgrenze endgültig zu lösen – also die Islamisten aus dem Küstenstreifen zu vertreiben, sprich: sie zu stürzen.

Jetzt machen die Nationalreligiösen in der Regierung wieder mächtig Druck. Einige fordern nicht nur einen raschen Militäreinsatz, sondern plädieren sogar dafür, Gaza wieder zu besetzen.

Hinzu kommt: Die Hamas versucht derzeit, die Proteste an der Grenze zu Israel im Zuge des „Marschs der Rückkehr“ für sich zu nutzen. Dazu gehört, die Demonstrationen – ungeachtet der Gewalt – als zivilen und legitimen Widerstand des palästinensischen Volkes zu definieren. Das Kalkül: So gibt es womöglich im Ausland mehr Aufmerksamkeit und Zustimmung für die Aktionen. Ein Krieg mit den „Zionisten“ passte da nicht ins Konzept.

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