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Ein stoischer, manchmal selbstgefälliger Realismus

Nachruf auf den Altkanzler Helmut Schmidt - eine unverwechselbare Erscheinung

Sein brüskes Verdikt „Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen“ stellte einen Maßstab der Nüchternheit auf, der ins Mark ihrer Motive und Konzepte schnitt, und die in den Reihen der SPD damals ins Kraut schießende Theoriediskussion parierte er mit dem rhetorischen Handkantenschlag: „mein Gott, man braucht Grundsätze“. Seinen „bewusst abgemagerten Politikbegriff“ nannte das der Parteiintellektuelle Peter Glotz. Ein Wort mit Trauerrand.

Im Übrigen war diese herausragende Gestalt auch – das muss gesagt werden – eine schwierige Natur. Seine unbestreitbaren Fähigkeiten konnten sich mit einem schroffen, reizbaren, hochfahrenden Wesen verbinden. Häufig wirkte er angespannt, angetrieben von der Überzeugung der eigenen Überlegenheit, vor allem in Wirtschaftsfragen. Auch hielt er sich etliches zugute auf seine Unverblümtheit, die an Unhöflichkeit grenzte, und nervte mit seinem Bedeutungspathos. Der „eiserne Kanzler“, der „Generaldirektor der Bundesrepublik“ (Hans-Peter Schwarz) trug gern einen stoischen, von Selbstgefälligkeit nicht freien Realismus zur Schau.

Dabei hatte er mit drastischen Gesundheitsproblemen zu kämpfen – mehrere Ohnmachten in seiner Regierungszeit, zwei Herzinfarkte, Anfälle von Hypochondrie. Um Spott brauchte er sich nicht zu sorgen. „Abkanzler“ höhnte die Opposition, „Le Feldwebel“ spottete man im Ausland, und selbst seine Apostrophierung als „Weltökonom“ galt weniger seiner unbestrittenen wirtschaftspolitischen Kompetenz als der Ironisierung seiner Überheblichkeit. Leicht zu bewundern war er nie.

Auch weil er nicht frei war von der Neigung, den Vorphilosophierer der Nation zu geben, und die Öffentlichkeit reichlich mit Kant-Zitaten oder Verweisen auf den englisch-österreichischen Sozialphilosophen Karl Popper eindeckte. Aber kein anderer Politiker kann auch so wie er in Anspruch nehmen, sich darum bemüht zu haben, der Politik ein nachdenkliches, ethisches Unterfutter zu verschaffen.

„Politik ist pragmatisches Handeln zu sittlichen Zwecken“ hieß die Formel, die er unermüdlich verkündete, und in den siebziger Jahren bemühte er sich ernsthaft um eine programmatisch-nachdenkliche Grundlage für seine Partei. Kritischer Rationalismus und Sozialdemokratie hieß die – längst vergessene – Zauberformel, die bald von Ökologie und alternativem Denken über den Haufen gerannt wurde. Zumal sich in seinen späteren Jahren herausstellte, wie sehr gerade der zeitlebens als Macher und Pragmatiker verschrieene Schmidt vom moralisch-politischem Engagement angetrieben war.

Ein Fundament von Werten

Zu Schmidt gehörte, ausgeprägter als bei anderen Politikern, seine persönliche Welt. Dieser Mann wäre nicht gewesen, was er war, ohne die Lebenswelt, die ihn modelliert hatte, die er hochhielt. In seinem vielleicht persönlichsten Buch, „Weggefährten“ – Ersatz der Autobiografie, die er nicht schreiben wollte –, lässt er eine imponierende Fülle an Freundschaften und Bekanntschaften, an Interessen und Neigungen Revue passieren.

Was für ein Spektrum, was für ein Grat an Einfühlung! Da finden sich Schauspieler wie die Hamburger Theaterprinzipalin Ida Ehre, Schriftsteller wie Siegfried Lenz, Banker, Musiker, Wissenschaftler, da spielt das eigene musikalische Dilettieren als Pianist eine Rolle, das immerhin zu Schallplattenaufnahmen mit Christoph Eschenbach und Justus Franz führte, und die Leidenschaft für den deutschen Expressionismus.

Knapp zwei Stunden nach seiner erneuten Wahl durch den Deutschen Bundestag wird Helmut Schmidt am 15.12.1976 als Bundeskanzler vereidigt. Foto: dpa Vergrößern
Knapp zwei Stunden nach seiner erneuten Wahl durch den Deutschen Bundestag wird Helmut Schmidt am 15.12.1976 als Bundeskanzler vereidigt. © dpa

Und natürlich war Schmidt nicht zu denken ohne die lange, bald siebzig Jahre andauernde Ehe mit seiner 2010 gestorbenen Frau Loki und die Lebensumstände, an denen er durch das ganze Leben hindurch festhielt – das bescheidene Reihenhaus in Hamburg Langenhorn, das schlichte Feriendomizil am Brahmsee.

Die Wichtigkeit dieses Gehäuses des eigenen Lebens für ihn spiegelte sich noch in der Übung, auch die Größen der Politik in das Hamburger Haus einschließlich der Kellerbar zu bitten. Dahinter standen die Prägungen der Herkunft – das Lehrerhaus, aus dem er stammte, die Reformluft der Lichtwarkschule, gehärtet, so darf man annehmen, durch das Generationserlebnis des Krieges. Dazu die Heimatstadt, die ihn fast lyrisch – „Sie schläft, meine Schöne“ – stimmen konnte. Ein Fundament, ein Achtung erheischendes Gefüge von Werten und Bezügen, das diesem langen Leben und dieser komplizierten Persönlichkeit Halt und Festigkeit gab.

„Modell Deutschland“ hieß die Losung, mit der Schmidt 1976 die Bundestagswahl gewann. Ein Modellfall für das, was politische Existenz in Deutschland zu unseren Zeiten sein konnte, war er selbst.

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