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Gegen den Militärputsch. Demonstrantinnen in Khartoum protestieren mit einem Porträt des gestürzten Premiers Abdalla Hamdok. Foto: AFP
© AFP

Nach dem Putsch Der Sudan befindet sich am Scheideweg

Johannes Dieterich

Die Putschisten haben den Widerstand im Sudan noch nicht brechen können. Noch immer protestieren Hundertausende.

Die Mobilmachung ist abgeschlossen, die Heere stehen sich gegenüber. Am Samstag zogen Zigtausende, manche sagen sogar Hunderttausende Demonstranten auf die Straßen der sudanesischen Hauptstadt Khartum, argwöhnisch beäugt von Soldaten und Milizionären der verrufenen „Rapid Support Forces“ (RSF), die sich dieses Mal noch weitgehend zurückhielten. Sie erschossen drei Menschen, weit über hundert wurden verletzt. Experten glauben, dass der Welt ein Showdown bevorsteht, der an Bedeutung den Ereignissen auf dem Tiananmen Platz gleichkommen könnte.

Der Sudan liegt an der Schnittstelle zwischen der afrikanischen und der arabischen Welt. Was dort passiert, wird von 1,5 Milliarden Menschen in mehr als 60 Staaten mit angehaltenem Atem verfolgt.

Zwei Gestaltungsmodelle stehen gegeneinander. Auf der einen Seite der Versuch einer demokratischen Gesellschaft, die in ihren ihren Anfängen noch instabil, verwirrend und widersprüchlich ist. Auf der anderen Seite die die Herrschaft der Militärs, die Stabilität und Wohlstand versprechen, und das für eine Minderheit der Bevölkerung auch verwirklichen. Die Sudanesen wissen bereits, was sie von einer Militärjunta zu erwarten haben. Die längste Zeit seiner 65-jährigen Geschichte lebte das Land unter einer Militärdiktatur, in der zumindest seine ranghohen Offiziere und deren Freundinnen und Freunde ein gutes Leben führten. Was eine Demokratie bringen wird, wissen die Sudanes:innen noch nicht. Sie können höchstens davon träumen.

Die Putschisten wollen den Weg einer Demokratisierung nicht gehen

Heute zeichnen sich drei mögliche Ausgänge des Showdowns ab. Entweder halten die Massenproteste und der Generalstreik in den nächsten Wochen an und die Generäle müssen einsehen, dass sie ihr Ziel – die Rettung ihrer uneingeschränkten Herrschaft – wieder erreichen können. Dann bliebe ihnen nur, sich unter dem Druck des eigenen Volkes, der Afrikanischen Union und dem westlichen Ausland wieder in ihre Kasernen zurückzuziehen. Premierminister Abdalla Hamdok würde wieder als Regierungschef eingesetzt, ein Übergang zur Demokratie könnte sich fortsetzen. Der ehemalige Diktator Omar al Bashir würde an den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag ausgeliefert, einigen der Putschistengeneräle drohte das Gefängnis.

Dieser optimistische Ausgang ist leider eher unwahrscheinlich. Die uniformierten Machthaber haben mit ihrem Putsch am vergangenen Montag bereits gezeigt, dass sie den Weg in Richtung Demokratisierung nicht gehen wollen. Das ist die zweite, wahrscheinlichere Möglichkeit des Fortgangs der Ereignisse im Sudan. Die Militärs könnten sich durch das Aufrechterhalten ihrer Gewalt zumindest mittelfristig an der Macht halten.

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Das Wochenende hat gezeigt, dass Soldaten und Milizionäre bereit sind, das Feuer auf Demonstranten zu eröffnen. Das Land würde in den Zustand vor der Entmachtung al Bashirs zurückkehren, nur sein Gesicht wäre ausgetauscht durch das eines nicht weniger brutalen Machthabers. Sudan würde eine klassische Militärdiktatur, ein Paria-Staat zumindest in den Augen der westlichen Welt, aber unterstützt vom ebenfalls diktatorisch regierten Nachbarn Ägypten, den arabischen Ölscheichtümern und wohl auch den russischen Präsidenten Wladimir Putin.

Dieser blutige Weg aus der gegenwärtigen Konfrontation ist durchaus möglich, allerdings wird er wohl nicht einmal von den Putschisten selbst gewünscht. Sie hoffen auf eine dritte Variante. Putschistenchef Abdel Fattah al Burhan kann versuchen, einen gefügigen Zivilisten zu finden, der bereit ist, sich als Nachfolger Hamdoks von den Generälen zum Premierminister einsetzen zu lassen.

Die Ablehnungsfront bröckelt

Da gibt es zum Beispiel Kamil Idriss, den ehemaligen Chef der Weltorganisation für geistiges Eigentum, der einem solchen Angebot gegenüber nicht abgeneigt sein soll. Die Mehrheit der Bevölkerung lehnt den faulen Kompromiss zwar ab, doch weil zumindest ein Teil der Zivilisten und konservative Parteien damit einverstanden sind, bröckelt die Ablehnungsfront. Die Demonstrationen werden kleiner, auch angesichts der zunehmenden wirtschaftlichen Not erscheinen die Kosten des Widerstands zu hoch.

Eine zivile Regierung, die den Militärs nicht die Macht streitig macht, kann die verbleibende Übergangszeit bis zu den Wahlen in zwei Jahren leiten. Die Generäle regieren aus dem Hintergrund. Dann kommt die Abstimmung, deren Ausgang die Militärs generalstabsmäßig vorbereiten. Der Sudan würde in diesem Fall eine dem Schein nach eine zivile Demokratie – allerdings aus dem Hintergrund von Offizieren gelenkt, die ihre Macht auch aus ihrem Einfluss in der Wirtschaft, in Hunderten von Staatsbetrieben, beziehen.

Die Afrikanische Union und das westliche Ausland, so die Hoffnung der Militärs, würden ihren Boykott dann allmählich aufgeben. Schließlich wollen sie das strategisch bedeutende Land nicht Putin, den Ölscheichs und dem ägyptischen Diktator überlassen. So könnten die Sudanes:innen um ihre Hoffnungen und die Früchte ihrer Revolution geprellt werden. Aber immerhin herrscht Ruhe, und die Leute mit den Kalaschnikows und den Goldminen-Lizenzen sind zufrieden.

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