Saudi-Arabiens Kronprinz Mohammad bin Salman. Foto: dpa
© dpa

Nach dem Khashoggi-Mord „Saudi-Arabiens Kronprinz bleibt der starke Mann“

Experte Sebastian Sons im Interview über die Folgen des Mords am saudischen Journalisten Khashoggi und bin Salmans Imageprobleme.

Herr Sons, Konfrontation oder Kompromisse: Was ist vom saudischen Kronprinzen in den nächsten Monaten zu erwarten?

Eine Mischung von beidem. Ich kann mir gut vorstellen, dass der Mord am Regimekritiker Jamal Khashoggi der Königsfamilie klargemacht hat: Wir müssen Mohammed bin Salman einhegen, ihm erfahrene Kräfte an die Seite stellen. Die Stellung des Thronfolgers beruht ja auf seiner Reputation. Das gilt nicht nur für Saudi-Arabien selbst, sondern auch fürs Ausland. Der Golfstaat braucht dringend ausländische Investitionen. Die sind extrem eingebrochen. Doch das Geld ist für die Wirtschaftsreformen unerlässlich. Also muss verloren gegangenes Vertrauen zurückgewonnen werden. Bin Salman wird deshalb womöglich konzessionsbereiter sein, aber sicherlich nicht lammfromm.

Wie kann der Kronprinz sein Image aufpolieren?

Ich sehe vier Punkte. Erstens könnte er etwas in Sachen Menschenrechte tun. Zum Beispiel politische Gefangene freilassen. Zweitens wäre es für bin Salman möglich, im Jemen-Konflikt zu punkten. Dazu müsste sich der 33-Jährige gesprächsbereit zeigen und von seinem unversöhnlichen Kampf gegen den Iran etwas Abstand nehmen. Der dritte Punkt ist die Katar-Krise. Auch da könnte sich eine vorsichtige Annäherung für SaudiArabien von Vorteil erweisen. Gerade in den USA, dem wichtigsten Verbündeten, würde das vermutlich auf Wohlwollen stoßen.

Und der vierte Punkt?

Sein Modernisierungskurs. Der Prinz muss liefern. Die Euphorie lässt nach, Vertrauen geht verloren. Das hängt auch mit dem Mord an Khashoggi zusammen.

Inwiefern?

Viele Saudis sind empört, ja, regelrecht schockiert. Dass einer ihrer Landsleute im geschützten Raum eines Konsulats ums Leben gekommen ist, halten sie für unislamisch und eine Schande für ihre Heimat – obwohl viele nicht glauben, dass der Kronprinz dahintersteckt. Trotzdem stellt das fürs Königshaus ein großes Problem dar, da die Loyalität der Bevölkerung gegenüber den Herrschern die Basis für den Machterhalt bildet. Wenn diese Einheit Schaden nimmt, dann wird es auch für bin Salman persönlich gefährlich.

Wie sehr ist das Vertrauen in die Monarchie erschüttert?

Es bröckelt, vor allem in Teilen der Mittelschicht. Gerade sie hat im Kronprinzen eine Kraft gesehen, die das Land verändern und öffnen kann. Sie haben nach dem Khashoggi-Mord den Eindruck: Wir stehen jetzt mit dem Iran und Nordkorea auf einer Schurkenstufe. Diesen Unmut können viele im Königshaus nachvollziehen. Und ihnen ist klar, dass gegengesteuert werden muss.

Ist das der Grund für die jüngste Kabinettsumbildung?

Ja, und die Botschaft lautet: Wir setzen auf Stabilität, Einheit und Kontinuität. Das zeigt schon die Berufung des früheren Finanzministers Ibrahim al Assaf zum neuen Außenminister. Der Mann gilt auch im Westen als in Wirtschaftsbelangen erfahren. Er soll sicherlich Vertrauen bei ausländischen Investoren wiederherstellen. Die Berufung hat zudem noch eine andere spannende Komponente.

Welche?

Al Assaf gehörte im November 2017 zu jenen Mitgliedern der Elite, die wegen Korruption festgesetzt wurden. Jetzt hat man ihn rehabilitiert, er kehrt in den Schoß der Familie zurück. Dies soll wohl als Signal an all jene verstanden werden, die sich durch bin Salmans aggressiven Regierungsstil ausgegrenzt fühlen. Doch fest steht auch: Trotz der Kabinettsumbildung bleibt der Thronfolger der starke Mann. Er hat keines seiner Ämter verloren. Auch seine Günstlinge haben kaum Einfluss eingebüßt.

Kronprinz bin Salman genießt also nach wie vor das Vertrauen der Entscheider im Herrscherhauses bis hinauf zu König Salman?

Davon gehe ich aus. Ich sehe keinen Riss, der durch das Königshaus geht. Was vor allem darauf gründet, dass er als alternativlos gilt. Und die saudische Königsfamilie weiß genau: Wenn die innere Einheit infrage steht, dann steht die nationale Einheit auf dem Spiel. Falls es interne Zerwürfnisse gibt, dann sollen sie möglichst nicht öffentlich werden.

Das heißt, bin Salman wird wie vorgesehen der künftige König?

Danach sieht es aus. Nichts deutet momentan darauf hin, dass irgendjemand den Kronprinzen ernsthaft herausfordern könnte. Bin Salman hat innerhalb des Königreichs das Khashoggi-Desaster recht gut überstanden.

Angenommen, bin Salman besteigt den Thron – wie sehr wird er Saudi-Arabien und die Region prägen?

Das ist schon jetzt der Fall. Zum ersten Mal in der jüngeren Geschichte seines Landes macht er Politik für die jungen Menschen. Das haben seine Vorgänger versäumt. Die haben am Status quo stur festgehalten. Bin Salman dagegen erweckt bei der Jugend den Eindruck eines modernen Reformers. Sie fühlen sich von ihm verstanden. Diesen inneren Wandel wird bin Salman vorantreiben.

Und regionalpolitisch?

Da wird er wohl seinen anti-iranischen Kurs fortsetzen und deshalb die Nähe zu Donald Trumps Amerika und Benjamin Netanjahus Israel suchen. Dazu gehört auch, Stärke zu zeigen. Da ist er ein echter Populist. Aber wenn bin Salman seine Macht erst einmal gesichert hat, wäre es wünschenswert, dass er auf einen pragmatischen, weniger harschen Kurs umschwenkt. Also zu den Grundprinzipien traditioneller saudischer Außenpolitik zurückkehrt.

Sebastian Sons, Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik. Foto: Mike Wolff Vergrößern
Sebastian Sons, Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik. © Mike Wolff

Sebastian Sons ist Saudi-Arabien-Experte der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik und arbeitet beim Forschungsinstitut Carpo, das den Dialog mit der arabischen Welt fördert.

Zur Startseite