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Menschen aus Afghanistan flüchten über den Grenzübergang Chaman nach Pakistan. Foto: dpa/ Jafar Khan
© dpa/ Jafar Khan

Nach dem Abzug der USA Nun sind Afghanistans Nachbarn gefordert

Amerika zieht ab – und hinterlässt Chaos. Jetzt müssen andere Mächte Verantwortung für die Stabilität Afghanistans übernehmen. Das wird hart. Ein Kommentar.

Wozu Afghanistan? Warum hätte eine westliche Koalition, angeführt von den Vereinigten Staaten, 20 Jahre nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 weiter am Hindukusch bleiben sollen? Die Al-Qaida-Terroristen waren längst vertrieben, die Taliban entmachtet, Osama bin Laden getötet worden. Ein Anschlag wie damals war in Amerika nicht mehr verübt worden. Zwei Billionen Dollar hatte der Einsatz gekostet, mehrere zehntausend Menschen waren gestorben, darunter fast 3000 amerikanische Soldaten.

Also nichts wie raus, hieß es seit vielen Jahren in US-Regierungskreisen. Barack Obama sagte, mit dem Aufbau eines Landes müsse zu Hause begonnen werden; Donald Trump einigte sich mit den Taliban auf ein Abzugsdatum; Joe Biden schließlich gab den entsprechenden Befehl; Die entsetzlichen Ereignisse der vergangenen Tage, die Dramen und die Verzweiflung unzähliger Menschen werden am Abzug des Westens nichts ändern. Künftig müssen folglich andere Mächte Verantwortung übernehmen, allen voran Afghanistans Nachbarn. Das wird hart.

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Lange indes dürfte die Genugtuung der Dschihadisten, Amerika eine Lektion erteilt zu haben, nicht anhalten. Nun müssen sie selbst die Müllabfuhr in ihrem Land organisieren, das Krankenhauswesen, den Straßenbau. Das größte Problem aber wird es sein, gegen die noch brutaleren Kämpfer des „Islamischen Staates“ zu bestehen. Pakistan, die Schutzmacht der Taliban, hat zwischen 2002 und 2016 durch eine Serie islamistischer Terroranschläge leidvoll erfahren, wie groß die Gefahr ist. Ein instabiles Afghanistan vergrößert die Operationsräume der Extremisten. Und schon heute leben rund 1,4 Millionen Flüchtlinge aus Afghanistan in Pakistan.

Iran hat 780.000 Flüchtlinge aufgenommen

Froh über die Entwicklung dürfte zunächst auch das Mullah-Regime in Teheran sein. Das Militär des Erzfeindes verschwindet aus ihrer unmittelbaren Nachbarschaft – und damit ein Drohpotenzial. Allerdings sind 780.000 Afghanen in den Iran geflohen. Insbesondere Angehörige der schiitischen Minderheit der Hazara haben aufgrund schmerzhafter historischer Erfahrungen allen Grund, eine erneute Taliban-Herrschaft zu fürchten.

Die Führung in Peking wiederum sieht sich zwar in ihrer Skepsis gegenüber militärischen Interventionen bestätigt, dürfte aber vor kaum etwas größere Angst haben als vor einer Zunahme geografisch frei umherreisender Dschihadisten. Dazu zählen aus Chinas Perspektive in erster Linie muslimische Uiguren. Auch Russland hat kein Interesse daran, dass über die ehemaligen sowjetischen Republiken Turkmenistan, Usbekistan und Tadschikistan, die ebenfalls an Afghanistan grenzen, militante Islamisten ins Land kommen.

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Amerika zieht ab und hinterlässt ein Chaos. Doch bald werden Länder wie China, Iran, Russland und Pakistan merken, dass sie nicht länger auf der Zuschauerbank sitzen und mit dem Finger anklagend in Richtung Washington D.C. zeigen können. Das nützt ihnen nämlich nichts. Sie sind Betroffene des Wandels, Afghanistan ist zu einem wichtigen Teil ihres geostrategischen Interessengebietes geworden. Das mag als unangenehm, unfair oder gemein empfunden werden. Doch es entbindet sie nicht von der Pflicht, nun ihrerseits den Aufbau stabiler politischer Strukturen am Hindukusch zu befördern. Tun sie es nicht, könnten sie das einst bitter bereuen.

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