Der Protest gegen die umstrittenen Rodungen im Hambacher Forst läuft schon seit Jahren. Foto: Roland Weihrauch/picture alliance
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Nach Attacke gegen Manager Säure-Anschlag weckt Furcht vor Terror

Nach der lebensgefährlichen Attacke gegen einen Manager des Energieunternehmens Innogy geraten auch linksextreme Waldschützer unter Verdacht.

Der Fall ist mysteriös und weckt die Sorge, linksextremer Terror kehre zurück. Am Sonntagmorgen haben zwei bislang unbekannte Täter in der Kleinstadt Haan, östlich von Düsseldorf gelegen, einen Spitzenmanager attackiert und schwer verletzt. Bernhard Günther, Finanzvorstand des in Essen ansässigen Energieunternehmens Innogy SE, wurde in einem Park überfallen und auf dem Boden liegend mit Säure, womöglich Schwefelsäure, übergossen. Es seien Kopf und Kleidung „von einer konzentrierten Säure“ getroffen worden, sagte am Montag die Wuppertaler Staatsanwaltschaft. Der 51-jährige Manager konnte noch zu seinem nicht weit entfernten Haus laufen. Rettungskräfte brachten Günther per Hubschrauber in eine Spezialklinik. Lebensgefahr besteht nach Angaben der Polizei seit Sonntagabend nicht mehr.

Das Verbrechen erschüttert Innogy und den Mutterkonzern RWE. „Wir sind tief geschockt“, sagte am Sonntag der Vorstandsvorsitzende von Innogy, Uwe Tigges. „Die unfassbare Attacke auf Bernhard Günther hat uns zutiefst getroffen“, äußerte am Montag der Chef des Essener Energieriesen RWE, Rolf Martin Schmitz. Der Konzern sei „bestürzt und entsetzt über die schreckliche Tat“.

Das Opfer ist noch nicht vernehmungsfähig

Die Düsseldorfer Polizei richtete eine Mordkommission ein, „MK Säure“. Auf die Frage nach möglichen Hintergründen des Angriffs war am Montag die klassische Antwort zu hören, „wir ermitteln in alle Richtungen“. Die Polizei fahndet nach zwei Männern im Alter von 20 bis 30 Jahren. Zunächst war von südländischem Aussehen die Rede. „Das ist aber wacklig“, meinte die Wuppertaler Staatsanwältin Dorothea Tumeltshammer, zuständig für Ermittlungen zu Kapitalverbrechen, dem Tagesspiegel. Die Ermittlungen seien „zäh und schwierig“, da sich bislang keine Augenzeugen gemeldet hätten und Günther nicht vernehmungsfähig sei. Er habe sich nur gegenüber den Rettungskräften kurz äußern können.

Sicherheitskreise nannten am Montag denkbare Szenarien zu den Hintergründen der Tat. Es könnte ein rein kriminelle Geschichte sein, aber auch ein linksterroristischer Anschlag, hieß es. Ein Experte sagte, er fühle sich an die Attentate der Roten Armee Fraktion auf das Führungspersonal der deutschen Wirtschaft erinnert. Die linksextremen Terroristen hatten mehrere Top-Manager ermordet, darunter Hanns Martin Schleyer. Ein RAF-Kommando entführte 1977 den Arbeitgeberpräsidenten und erschoss ihn nach sechswöchiger Geiselhaft. Im Fall Günther wird nun der Verdacht geäußert, linksextreme Gegner des von RWE betriebenen Braunkohletagebaus Hambach (bei Köln) könnten zugeschlagen haben. Bei den Gesprächen mit den Sicherheitskreisen war allerdings zu spüren, dass die Prioritäten schwanken. Mal hielten Experten einen terroristischen Hintergrund des Angriffs für wahrscheinlich, dann war eher von einem mutmaßlich unpolitischen Tatmotiv die Rede.

Auch der Streit um den Hambacher Forst könnte eine Rolle spielen

Polizei und Staatsanwaltschaft prüfen auch, ob Günther privat oder beruflich Feinde hat. Und ob er schon einmal Opfer eines Gewaltverbrechens geworden ist. Das „Handelsblatt“ berichtete am Montag, Günther sei vor wenigen Jahren, als er noch Finanzvorstand bei RWE war, beim Joggen attackiert und zusammengeschlagen worden. Staatsanwältin Tumeltshammer sagte jedoch, dazu sei bislang keine Akte zu finden. Sollte es sich allerdings „nur“ um eine Körperverletzung gehandelt haben, seien die Unterlagen nach fünf Jahren gelöscht worden.

Dass Linksextremisten Günther überfallen haben könnten, ist bislang nur eine Hypothese. Sicherheitsexperten verweisen auf die gewaltsamen Proteste gegen die Rodung des Hambacher Forsts. Das Waldgebiet muss seit 1978 Stück für Stück dem gigantischen und weiter wachsenden Braunkohletagebau weichen. Umweltschützer protestieren seit Jahren, Aktivisten verschanzen sich in Camps und besetzen Bäume, in die Behausungen gebastelt werden. Polizisten und Mitarbeiter von RWE wurden attackiert. Für ihn sei eine Grenze überschritten, „wenn vermummte Gestalten mit Molotowcocktails bewaffnet sind und Autofenster mit Baseballschlägern zertrümmern“, sagte im Juli 2016 der damalige Vorstandsvorsitzende von RWE und Innogy, Peter Terium, der „FAZ“. Er sprach auch von Drohungen gegen die eigene Familie.

Der harte Kern besteht aus 150 Leuten

Hinweise, dass auch Günther unter Druck gesetzt wurde, gebe es bislang nicht, sagte Staatsanwältin Tumeltshammer. In Sicherheitskreisen ist zu hören, Günthers Unternehmen Innogy sollte wegen seiner Orientierung auf Windkraft weniger im Visier militanter Umweltschützer sein als RWE. Andererseits dominierten im Hambacher Forst inzwischen Besetzer, denen nicht der Wald wichtig sei, sondern „Revolution um der Revolution willen“ . Der harte Kern seien 150 Leute, darunter Linksextremisten aus Südeuropa.

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