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Präsident Assad und seine Soldaten konnten die Macht des Regimes sichern, mit tatkräftiger Hilfe Russlands. Foto: AFP/Syrian Presidency
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Moskau wirbt Kämpfer im Nahen Osten an Putins syrische Söldner

Russland lässt im Nahen Osten „Freiwillige“ für den Krieg in der Ukraine rekrutieren. Wer sind diese syrischen Kämpfer – und was nutzen sie Moskau?

Es ist soweit. Russland beginnt damit, in Syrien Kämpfer für den Ukraine-Krieg anzuwerben. Von Zehntausenden „Freiwilligen“ ist die Rede. Experten bezweifeln allerdings, dass Hilfstruppen aus Nahost die militärischen Probleme des Kreml in der Ukraine lösen könnten.

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Russlands Präsident Wladimir Putin hatte vergangene Woche den Einsatz der Syrer angekündigt. In einer vom Fernsehen übertragenen Sitzung des Sicherheitsrates teilte Verteidigungsminister Sergei Schoigu dem Staatschef mit, 16.000 Kämpfer aus Nahost warteten nur darauf, auf russischer Seite in der Ukraine eingesetzt zu werden. Putin forderte den Minister auf, alles zu tun, um die Freiwilligen an die Front zu bringen. „Bitte tun Sie das.“

Nun werden die Hilfstruppen ausgehoben. Wegen der hohen Verluste im Ukraine-Krieg bringe Moskau frische Soldaten aus weit entfernten Landesteilen ins Kampfgebiet und versuche zunehmend, Söldner aus Syrien und von privaten Sicherheitsfirmen zu aktivieren, teilt der britische Militärgeheimdienst jetzt mit.

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Die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte berichtet, die Anwerbung laufe über syrische Regierungsbehörden und den Geheimdienst in der Hauptstadt Damaskus, der Wirtschaftsmetropole Aleppo und anderen Städten.

Bis zu 40.000 „Freiwillige“ sollen sich gemeldet haben

Nach Informationen von Daniel Gerlach kümmern sich allerdings nicht offizielle staatliche Stellen um die Rekrutierung, sondern regimetreue Warlords, die sich selbst als Chefs von Sicherheitsfirmen sehen. „Sie befehligen paramilitärische Truppen, die für bestimmte militärische Missionen an die Regierung ausgeliehen werden. Diese Einheiten operieren außerhalb der regulären Armee“, sagt der Nahostexperte.

Rund 40.000 Männer sollen sich arabischen Medien zufolge bereits als „Freiwillige“ registriert haben. In anderen Berichten ist von einigen Tausend potenziellen Kämpfern die Rede. Den Syrern werden laut der Beobachtungsstelle 1000 Euro für den Kampfeinsatz versprochen. Der Monatssold eines normalen Soldaten beträgt in der Regel 100 bis 150 Dollar.

Putin befürwortet das Anwerben von Kämpfern aus Syrien. Foto: Darko Vojinovic/AP/dpa Vergrößern
Putin befürwortet das Anwerben von Kämpfern aus Syrien. © Darko Vojinovic/AP/dpa

Die oppositionelle Organisation „Syrer für Wahrheit und Gerechtigkeit“ zitiert einen syrischen Behördenvertreter mit den Worten, Namenslisten von Kandidaten würden zur Weitergabe an das russische Militär zusammengestellt. Die Nachrichtenplattform Middle East Eye berichtet, auf einer Facebook-Seite syrischer Militärs werde ebenfalls für den Einsatz in der Ukraine geworben. Offenbar werden ganz konkret Angehörige bestimmter Divisionen angesprochen.

Gesucht würden Kämpfer mit Erfahrung. Der Sold soll nach je nach Ausbildung und militärischen Kenntnissen des Bewerbers bis zu 3000 US-Dollar betragen. Auch seien bereits Gewehre, kugelsichere Westen und andere Ausrüstung an Interessierte verteilt worden. Bisher sind aber noch keine Söldner aus Syrien in der Ukraine aufgetaucht.

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Danny Makki vom Nahost-Institut in Washington schätzt, dass die Anwerber wegen der desolaten Wirtschaftslage nach elf Jahren Krieg in Syrien keine Probleme haben werden, viele Interessenten zu finden. Wenn es aus russischer Sicht schnell gehen müsse, könnten Truppen in kurzer Zeit zusammengestellt werden, schreibt Makki in einer Analyse. Aus Sicht Russlands seien die Syrer billige Söldner.

In der Ukraine stützt sich Russland auch auf Söldner der privaten Sicherheitsfirma Wagner

Neben der regulären Armee setzt Moskau in der Ukraine bisher Mitglieder der berüchtigten privaten Sicherheitsfirma Wagner und Russland-treue Kämpfer aus Tschetschenien ein. Auf ukrainischer Seite haben sich laut der Regierung in Kiew mehr als 20.000 Menschen aus mehr als 50 Ländern für eine „Ausländer-Legion“ im Kampf gegen die russische Invasion gemeldet.

Möglicherweise sind diese „Legionäre“ der Grund dafür, dass Moskau öffentlich über einen Einsatz der Syrer spricht. Schoigus Aussagen über die Nahost-Kämpfer seien offenbar ein Versuch gewesen, den Angaben aus Kiew über die westlichen Ausländer auf der Seite der Ukraine etwas entgegenzusetzen, glaubt Charles Lister vom Nahost-Institut. Er sieht derzeit keine Anzeichen für eine massive Truppenverlegung aus Syrien in die Ukraine.

Die russische Armee kommt offenbar nicht wie geplant bei ihrem Feldzug voran. Foto: Alexander Ermochenko/Reuters Vergrößern
Die russische Armee kommt offenbar nicht wie geplant bei ihrem Feldzug voran. © Alexander Ermochenko/Reuters

Für Moskau wäre ein Einsatz syrischer Hilfstruppen heikel. Zwar könnten Einheiten mit Syrern die Angreifer verstärken. Doch der Kreml kann sich nicht auf die militärische Qualität der Kämpfer aus dem Nahen Osten verlassen. Die syrische Armee stand im Jahr 2016 kurz vor der Niederlage gegen die Aufständischen und wurde nur durch Militärhilfe aus Russland und dem Iran gerettet.

Auch heute verfügt das Regime von Präsident Baschar al Assad nicht über Truppen mit der Expertise und der Ausrüstung, um Putin in der Ukraine den Durchbruch zu ermöglichen.

Syrer einzusetzen, wäre für Moskau ein Eingeständnis der Schwäche

Hinzu kämen andere Probleme. Die Kommunikation und Koordination zwischen den Russen und den Arabern auf den Schlachtfeldern der Ukraine wäre schwierig. Die Syrer würden in einem für sie völlig fremden Land eingesetzt, in dem sie sich nicht auskennen. Außerdem wäre ein Einsatz dieser Kämpfer auf russischer Seite für den Kreml ein Eingeständnis der Schwäche.

Noch etwas spricht nach Einschätzung von Nahost-Experte Gerlach gegen einen massiven Einsatz syrischer Milizionäre in der Ukraine. „Es ist kaum vorstellbar, dass einige Zehntausend Waffenträger des Regimes abgezogen werden. Denn das würde bedeuten, dass ein kritischer Teil der Assad-Truppen das Land verließe. Wäre es so, die Russen könnten ihren Einsatz in Syrien vergessen.“

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