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Im Einsatz in der Nacht zu Donnerstag. Foto: REUTERS/Kai Pfaffenbach
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Morde von Hanau „Schlimmster rechter Anschlag seit Wiedervereinigung“

Hochrangiger Sicherheitsexperte warnt, Tat von Tobias Rathjen „auf psychische Störung zu reduzieren“. Dessen Gesinnung sei weit verbreitet und hochgefährlich.

Die Morde von Hanau haben einen rechtsradikalen Hintergrund, das hat Bayerns Innenminister Joachim Herrmann am Donnerstagmittag in einer Telefonschalte der Innenminister von Bund und Ländern bekräftigt. Der 43-jährige Tobias Rathjen habe „eine Reihe überwiegend aus dem Ausland stammender Menschen erschossen“, sagte der CSU-Politiker. Man müsse aufgrund aufgefundener Materialien davon ausgehen, „dass es sich um einen rechtsradikalen, ausländerfeindlichen Hintergrund handelt“.

Tobias Rathjen hatte Mittwochnacht in zwei Shisha-Bars in Hanau insgesamt neun Menschen ermordet. Später fand ihn die Polizei tot in seiner Wohnung in Hanau, daneben die Leiche seiner erschossenen Mutter.

Herrmanns Einschätzung deckt sich mit dem Eindruck der Sicherheitsbehörden, dass Tobias Rathjen habe aus einem rechtsextremen Motiv heraus gehandelt hat. „Das Manifest des Täters hat trotz der Verschwörungstheorien eine klare Sprache“, sagte ein hochrangiger Sicherheitsexperte dem Tagesspiegel.

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Tobias R. forderte in seinem umfangreichen Schreiben, mehrere Völker müssten „komplett vernichtet werden“. Er nennt dann mehr als 20 Staaten, von Marokko über Israel bis zu Philippinen. Außerdem könne er sich „eine Halbierung der Bevölkerungszahl“ in Deutschland vorstellen. Das Manifest ist inzwischen im Internet nicht mehr verfügbar.

Die Tat von Tobias Rathjen auf eine psychische Störung zu reduzieren, „würde sie eher verharmlosen“, sagte der Sicherheitsexperte. Das Manifest passe „in die Kategorie Halle“. Im Oktober 2019 hatte der Judenhasser Stephan Balliet in Halle die vollbesetzte Synagoge attackiert. Als es nicht gelang, die Tür aufzuschießen, tötete Balliet zwei Passanten. Der Täter hinterließ ebenfalls einen Text.

Behörden hatten Täter von Hanau „nicht auf dem Schirm“

Wie auch Balliet hätten die Behörden Tobiar Rathjen „nicht auf dem Schirm gehabt“, sagte der Sicherheitsexperte. Tobias Rathjen sei in keiner Datei vermerkt. Der Mann habe sich offenbar „unerkannt radikalisiert“.

Der Experte warnte ausdrücklich vor der Gefahr, andere Rassisten könnten sich angestachelt fühlen und als Nachahmer auftreten. Der Mix aus Ausländerfeindlichkeit und Verschwörungstheorien sei weit verbreitet, von der AfD und ihren Wählern bis hin zu den Neonazis. Das sei ein „unsägliches Gemisch“, das sich rasend schnell über das Internet verbreite.

Erst vergangene Woche hatte die Polizei zwölf Rechtsextremisten festgenommen, die mit Anschlägen „bürgerkriegsartige Zustände“ herbeiführen wollten, wie es die Bundesanwaltschaft formulierte. Im September 2018 war die rechtsextreme Terrorgruppe „Revolution Chemnitz“ aufgeflogen, die mit Anschlägen in Berlin ebenfalls einen Bürgerkrieg entfachen wollte.

Der Angriff in Hanau sei „der schlimmste seit der Wiedervereinigung“, betonte der Sicherheitsexperte. Tobias Rathjen habe an einem Tag genau so viele Menschen getötet wie der NSU in fast 14 Jahren im Untergrund. Die Neonazis Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos hatten zehn Menschen erschossen, darunter neun Migranten türkischer und griechischer Herkunft. Der Sicherheitsexperte betonte, auch nach dem Anschlag von Tobias R. sei „eine weitere Steigerung der Gewalt“ nicht auszuschließen.

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