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Die unabhängigen Alandinseln zwischen Schweden und Finnland gehörten einst zu Russland. Foto: Alessandro RAMPAZZO /AFP
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„Militärische Achillesferse“ Finnland äußert Sorge um neutrales Archipel

Elias Huuhtanen - AFP

Die Alandinseln gelten seit dem 19. Jahrhundert als unabhängig. Bei einer russischen Invasion könnte das Landstück die Verteidigung Finnlands beeinträchtigen.

Im Zuge des Ukraine-Kriegs und der Nato-Beitrittsbestrebungen Finnlands und Schwedens tritt eine Inselgruppe in der Ostsee derzeit in den Vordergrund: die Alandinseln. Das finnische Archipel hat laut internationalen Abkommen seit Mitte des 19. Jahrhunderts einen Sonderstatus militärischer Neutralität, Truppen dürfen dort nicht stationiert werden.

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Im Angesicht der Bedrohung durch Russland warnen Militärexperten, dass dies Finnlands Landesverteidigung massiv beeinträchtigen könnte. "Das ist die Achillesferse der finnischen Verteidigung", sagt Alpo Rusi, Professor und ehemaliger finnischer Präsidentenberater, im Gespräch mit der Nachrichtenagentur AFP.

"Es besteht die Sorge, dass Finnland im Falle eines plötzlichen Angriffs auf Aland militärisch nicht schnell genug reagieren könnte." Die rund 30.000 Inselbewohner sind jedoch weiterhin mehrheitlich gegen jegliche Militärpräsenz.

Die größtenteils schwedischsprachigen Alandinseln gehören heute zu Finnland, genießen politisch aber weitgehende Autonomie. Schweden hatte sie nach einem Krieg mit dem russischen Zarenreich zu Beginn des 19. Jahrhunderts wie auch den Rest des heutigen Finnlands abgetreten.

Helsinki erlangte dann 1917, gut 100 Jahre später, seine Unabhängigkeit von Moskau. Die Alandinseln blieben finnisch, nahmen zu diesem Zeitpunkt jedoch bereits eine Sonderstellung ein.

Neutralität schützt nicht zwangsläufig vor russischem Angriff

Die militärische Neutralität des Archipels geht auf einen Friedensvertrag von 1856 zurück. Damals hatten im Krimkrieg mit Russland Großbritannien und Frankreich die Inseln eingenommen und im Vertrag von Paris die Entmilitarisierung des strategisch wichtigen Ostsee-Gebiets durchgesetzt. Diesen Status überwacht seit dem Zweiten Weltkrieg auch ein zunächst sowjetisches, dann russisches Konsulat in Mariehamn, dem Hauptort der Inselgruppe.

Eine Gruppe von Anwohnern versammelt sich dieser Tage täglich vor dem hohen Metallzaun, der das Konsulat umgibt, um gegen Russlands Krieg in der Ukraine zu demonstrieren. "Sie haben hier nichts zu suchen. Russland ist immer eine Bedrohung", sagt der 71-jährige Demonstrant Mosse Wallen zu AFP.

Auch Experten warnen, dass die Neutralität die Alandinseln eventuell nicht vor einem russischen Angriff schützen würde. "Warum sollten wir auf die Idee vertrauen, dass die Truppen nicht so schnell wie möglich die Kontrolle über Aland übernehmen würden?", sagt Charly Salonius-Pasternak, Forscher am Finnischen Institut für Internationale Angelegenheiten. Im Juni ergab eine Umfrage, dass 58 Prozent der Finnen eine Militärpräsenz auf Aland befürworten.

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Die Aländer hingegen wollen ihren Sonderstatus bewahren und haben die Idee einer Beendigung der Entmilitarisierung bisher entschieden abgelehnt. "Warum sollten wir das ändern? Ich denke, es ist ein stabilisierender Faktor im Ostseeraum, dass wir entmilitarisiert sind", sagte die aländische Regierungschefin Veronica Thornroos zu AFP.

Finnland beteuert Beibehaltung von Sonderstatus

"Wir haben immer gedacht: 'Wer will uns schon angreifen, wenn wir nichts haben, was sich zu erobern lohnt?'", sagt der 81-jährige Aländer Ulf Grussner. Mit dem Ukraine-Krieg seien daran zwar Zweifel aufgekommen, er sei aber dennoch weiterhin für eine Beibehaltung der militärischen Neutralität der Inseln.

Die finnische Regierung gibt an, sie habe keine Absicht, den Sonderstatus von Aland anzutasten. Sia Spiliopoulou Akermark, Direktorin des Aland Peace Institute, führt an, dass dies ohnehin schwierig wäre. Der Aland-Status müsse ganzheitlich als "komplexer Knoten" aus Autonomie, kulturellen Garantien und Entmilitarisierung betrachtet werden. (AFP)

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