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Mehr als 90.000 Menschen sollen dieses Jahr schon den Darién durchquert haben. Foto: M. Duenas Castaneda/imago/Agencia EFE
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Migration in Südamerika Durch den tödlichen Dschungel in Richtung USA

Der Darién-Urwald zwischen Kolumbien und Panama gehört zu den gefährlichsten Fluchtrouten der Welt – die Menschen riskieren ihr Leben.

Auf dem ersten Handy-Video lacht Miralbert Mariña noch fröhlich in die Kamera. Man sieht den 32-jährigen Venezolaner verwackelt auf einem vollbesetzten Schnellboot, dahinter schemenhaft der Dschungel. „Da dachte ich noch, es sei eine Art Wanderung und in zwei Tagen erledigt“, sagt der ehemalige Militär mit einem bitteren Lächeln. Doch was dann kam, war selbst für ihn als trainierten jungen Mann die Hölle. Mariña spricht vom Darién, der Landenge zwischen Kolumbien und Panama.

Der Darién ist ein undurchdringlicher, Mangrovendschungel, bis heute nicht erschlossen und bewohnt nur von verstreut lebenden Indigenen. Er ist der Flaschenhals, durch den alle Migranten müssen, die von Südamerika kommend in die USA wollen. Eigentlich sollte die Panamericana durch dieses Gebiet gebaut werden, eine gut 100 Kilometer lange Verbindung zwischen Nord- und Südamerika.

Doch die Strecke ist nie fertig geworden. Zum einen, weil der finanzielle Aufwand immens wäre. Denn die Region ist bergig und von Sümpfen durchzogen. Zum anderen würde der Bau einer Verbindungsstraße das Ökosystem gefährden. Deshalb bleibt den Verzweifelten nur der Weg zu Fuß, durch den Tapón del Darién, den „Pfropfen“.

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Seit dem Abflauen der Covid-Pandemie ist die Zahl der Flüchtenden wieder sprunghaft angestiegen. Rund 20.000 Menschen aus aller Herren Länder – vor allem aus den Krisenländern Haiti, Venezuela und Kuba – drängen sich derzeit im kolumbianischen Küstenort Necoclí.

Durch Sümpfe in brütender Hitze und bei Dauerregen

Von dort aus starten die Schnellboote der Schlepper Richtung Capurganá. 80 US-Dollar pro Person kostet die Fahrt; in Capurganá dann sind die Migranten kriminellen Gruppen ausgeliefert, die ihnen – je nach Nationalität und Laune – Passiergebühren von bis zu 200 US-Dollar pro Kopf abknöpfen. Wer einen Führer benötigt, muss noch einmal so viel drauflegen.

Gerade für Frauen und Kinder ist die Tour durch den Urwald lebensgefährlich. Foto: Luis Acosta/AFP Vergrößern
Gerade für Frauen und Kinder ist die Tour durch den Urwald lebensgefährlich. © Luis Acosta/AFP

Danach geht es nur noch zu Fuß weiter. Bei brütender Hitze und tropischem Dauerregen. Durch Sümpfe und über mit spitzen Steinen gepflasterte Hügel. Verfolgt von Moskitos, Schlangen und Kaimanen. Mit dem Tod als dauerndem Begleiter. Oft ist kein trockenes Brennholz aufzutreiben, Nässe und Insektenstiche verursachen schmerzhafte Entzündungen an den Füßen.

Was mit denen passiert, die erschöpft zurückbleiben, weiß keiner. Meist beginnen die Migranten in Gruppen von 25-30 Personen. „Am Ende kommt vielleicht die Hälfte auf der panamaischen Seite an“, erzählt Mariña.

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Dort knöpfen ihnen die Grenzbeamten 20 US-Dollar ab für Registrierung, Transport und Unterbringung im Lager Bajo Chiquito. Der Weitertransport ins nächste, vom UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR verwaltete Lager kostet wieder 25 US-Dollar. Für den Autobus an die costaricanische Grenze werden 80 US-Dollar fällig. Wer kein Geld hat, sitzt fest.

Wer sich Schlepper leisten kann, braucht drei bis vier Tage durch die Hölle

„Es gibt Dinge, die sich in dein Hirn fressen“, erzählt Mariña leise. „Die Wasserleichen, der penetrante, faulige Geruch. Die herumliegenden Kleider und Pässe. Ab und zu findet man ein Kreuz oder ein Skelett, notdürftig zugedeckt mit einem Stofffetzen.“

Wer sich einen Schlepper leisten kann, ist in drei bis vier Tagen durch die Hölle –wenn er nicht unterwegs erschöpft zurückbleibt. Wer zu langsam marschiert, werde zurückgelassen, warnen die Schlepper gleich zu Beginn des Weges. Wer will, dass die Schlepper sein Kind tragen, muss dafür extra bezahlen. Es ist ein lukratives Geschäft mit dem Tod.

Für Mariña, dessen Gruppe sich keinen Schlepper leisten konnte, wurde es eine Odyssee von zehn Tagen. Sie verirrten sich, mussten fauliges Wasser trinken und Fische fangen; drei mal wurden sie überfallen. „Einmal waren es Kolumbianer in Tarnanzügen, das zweite Mal Indigene, das dritte Mal eine panamaische Gang, die lautstark fluchte, weil wir nichts mehr hatten“, erzählt er. Bargeld, Handys, Schmuck – alles war weg.

Die Frauen wurden jedes Mal vergewaltigt. Egal, ob sie schwanger waren, minderjährig oder in Begleitung ihrer Partner.

Mariña ist inzwischen in Honduras und hat eine Facebook-Seite über die Darién-Durchquerung eröffnet. Darauf mahnt er seine Landsleute, den Dschungel nicht auf die leichte Schulter zu nehmen. Vor allem für Frauen und Kinder sei es eine Tortur, warnt er. Wer sich im Dschungel das Bein breche, habe kaum eine Chance auf Überleben. „Ich habe gesehen, wie Kinder in den Armen ihrer Mütter starben“, sagt er.

Für viele Flüchtende wird der Darien zum Grab. Foto: Arnulfo Franco/AP/dpa Vergrößern
Für viele Flüchtende wird der Darien zum Grab. © Arnulfo Franco/AP/dpa

Oft sind es Familien mit Kindern aus Haiti, die Richtung USA wollen

50 Leichen haben die panamaischen Behörden in diesem Jahr schon im Dschungel geborgen und in Massengräbern verscharrt. „Leider haben sie meistens keine Papiere, und wir können nicht viel mehr machen als ihre Finger- und Gebissabdrücke nehmen, für den Fall, dass jemand sie sucht“, sagt José Vicente Pachar, Direktor des Forensikinstituts von Panama.

In diesem Jahr haben Schätzungen zufolge bereits mehr als 90.000 Menschen den Darién durchquert, im Vorjahr waren es nur knapp 6500. Oft sind es Familien mit kleinen Kindern, die den Dschungel zu bezwingen versuchen. Angetrieben von der wirtschaftlichen Not infolge der Pandemie, voller Hoffnung auf eine mildere Migrationspolitik unter US-Präsident Joe Biden. Und dem Wunsch nach einer Zukunft.

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