Saharaui demonstrieren für die Freiheit der Westsahara. Sie möchten auf ihr Schicksal, in der Wüste im Südwesten von Algerien, aufmerksam machen. Foto: REUTERS
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Migration in Afrika Die vergessenen Flüchtlinge der Saharaui

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Seit 1991 dürfen 160.000 Saharaui-Nomaden in Afrika nicht zurück nach Hause. Ihr Schicksal erregt kaum internationale Aufmerksamkeit. Eine Kolumne.

Es wird ja gerne so getan, als überlagere das Thema Flüchtlinge alles andere, als würde über gar nichts mehr sonst geredet und als raube es die noch verbliebenen politischen Energien. Eine hohe Präsenz wird niemand bestreiten, nur kreisen die Gespräche um die immergleichen Fragen. Etwa die, wie denn künftig weniger Menschen über das Mittelmeer nach Europa kommen und was die nordafrikanischen Staaten dazu beitragen können. Und je mehr darüber diskutiert wird, desto weniger wird auffallen, dass es vergessene Konflikte gibt. Wie den um ein kleines Volk, das einfach im Staub der Wüste sitzengelassen wurde.

Die Saharaui waren ohnehin schon dabei, in Vergessenheit zu geraten. Das europäische Geschacher um Aufnahme und Verteilung von Flüchtlingen trübt ihre Aussichten nun noch mehr. Dabei wollen die Saharaui gar nicht nach Europa. Sondern nur dahin zurück, wo sie herkamen.

Als Spanien 1975 die Westsahara verließ, besetzten Marokko und Mauretanien das Land, auch angezogen durch Phosphatfelder, die weltweit zu den größten zählen. Die Saharaui, ein muslimisches Nomadenvolk, kämpften um ihr Land, wurden aber vertrieben und fanden schließlich auf algerischem Gebiet Zuflucht, mitten in der Sahara. Hier leben nun etwa 160.000 Flüchtlinge. Seit 1991 gibt es einen Waffenstillstand zwischen der Befreiungsarmee der Saharaui und Marokko. Und es hätte mittels UN-Resolution längst ein Referendum über die Westsahara geben sollen, das den Saharaui ihr Land hätte zurückbringen können. Nur kam es bisher nicht zustande. Und wo soll der Druck herkommen, es durchzuführen?

Es gibt wenig, womit die Saharaui auf sich aufmerksam machen könnten. Ihre Lage ist ernst, aber eben nicht völlig katastrophal. Die meisten von ihnen sind auf Nahrungsmittelspenden des Welternährungsprogramms angewiesen. Krankheiten wie Diabetes nehmen zu. In den Flüchtlingslagern sind aus Zelten Lehmhütten geworden. Wenn mal ein Schulgebäude gebaut wird, hält es nur ein paar Jahre. „Die Lehmziegel saugen sich bei heftigen Regenfällen voll, und wenn sie wieder trocknen und ein Sandsturm kommt, bröseln sie wie Kekse“, sagt Dietmar Kappe, Sprecher der Uno-Flüchtlingshilfe, die sich immer wieder mit Projekten für die Saharaui engagiert hat.

Marokko kann mit der Westsahara machen, was es will

Doch das alles reicht noch nicht, um international Aufmerksamkeit zu erregen. In der UN-Mission Minurso, die den Waffenstillstand überwachen soll und jährlich 54 Millionen US-Dollar kostet, sind auch Militärbeobachter der Bundeswehr tätig, bis zu vier. Sie berichten von keinen großen Auffälligkeiten. „Die Sicherheitslage ist konstant relativ ruhig“, sagt ein Sprecher des Einsatzführungskommandos der Bundeswehr. Das ist einerseits gut. Andererseits zementiert es den Status quo. Denn die scheinbare Ruhe sendet das Signal aus: Geht doch, gibt Schlimmeres.

Marokko hat dagegen an den Bodenschätzen der Westsahara verdient und das Land fleißig besiedelt. Das Zustandekommen eines Referendums scheitert immer wieder an der Frage, wer denn überhaupt wahlberechtigt ist. Und um die Saharaui von ihrem Herkunftsland fern zu halten, hat Marokko in Etappen eine 2.500 Kilometer lange Mauer gebaut und das Grenzgebiet vermint. Marokko kann mit der Westsahara machen, was es will. Denn mit Marokko will sich niemand anlegen. Doch nicht wegen 160 000 Nomaden.

Gerade hat Marokko ein neues Fischereiabkommen mit der EU abschließen dürfen. Die Küsten der Westsahara eingeschlossen. Dabei hatte der Europäische Gerichtshof entschieden, dass das Fischereiabkommen nur gelte, wenn es die Westsahara ausklammere. Die EU-Kommission scheint das nicht beeindruckt zu haben. Es gehe um Arbeitsplätze und die wirtschaftliche Entwicklung der Westsahara. Ein entscheidender Faktor ist zudem, dass Marokko Durchgangsland für Flüchtlinge auf dem Weg nach Europa ist. Das stärkt Marokkos Position, trotz der Berichte, wonach der nordafrikanische Staat Flüchtlinge zurück in die Wüste deportiert hätte.

So bleiben die Saharaui weiter in ihren Flüchtlingssiedlungen sitzen, die schon zu lange bestehen, um noch provisorisch zu sein, aber als Bleibe auch nicht von Dauer sein sollen. „Die Argumente sind versteinert“, sagt Ingunde Fühlau, die mehrere Jahre für die UN-Mission Minurso in leitender Position gearbeitet hat.

Flucht ist ein Wort, das nach Tempo, nach schnellem Aufbruch und Rennen klingt. Doch die Geschichte der Saharauis zeigt, wie die Zeit quälend vergeht und doch nichts Neues bringt.

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