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Migranten kommen auf einem Rettungsboot im Hafen von Malaga an. Foto: Jesus Merida/SOPA Images via ZUMA Wire/dpa
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Migranten „Menschen ziehen um, wenn sie in der Heimat keine Chance mehr haben“

Die UN-Sonderbeauftragte Louise Arbour über Fehlinformationen, Mythen und Vorurteile über Migration – und was sich von Umzügen lernen lässt.

Kürzlich haben sich alle UN-Mitgliedsländer, außer den USA, auf einen Welt-Migrationsvertrag geeinigt. Was dürfen wir vom „Global Compact For Migration“ erwarten?

Wir haben für die Verhandlungen in den Vereinten Nationen 18 Monate gebraucht, weitgehend ohne dass die Medien das verfolgt hätten. Beteiligt waren im wesentlichen Diplomaten und Fachleute, praktisch all die große Erfahrung, die es zu dem Thema in den UN gibt. Das heißt, wir konnten nüchtern und mit viel Wissen debattieren – anders also als in den regionaln und nationalen Debatten. Stereotypen und Fehlinformationen sind beim Thema Migration einfach überwältigend. Ich hoffe, was wir verhandelt haben, wird daran auf Dauer etwas ändern. 

Was meinen Sie? 

Eine Menge Umfragen zeigen, dass viele überhaupt nicht wissen, was Migration ist und bewirkt. Die Angst zum Beispiel, dass Einwanderer den Alteingesessenen die Arbeitsplätze wegnehmen oder die Sozialsysteme missbrauchen. Oder die Geschichte des “illegalen” oder irregulären Migranten. Wenn wir uns über die letzten 20 Jahre jene 258 Millionen Menschen weltweit ansehen, die keine Flüchtlinge sind, aber außerhalb ihrer Herkunftsländer leben, dann stellen wir fest, dass die Mehrheit “irregulär” kam. Die meisten kamen auf legalen Wegen, sind dann aber länger geblieben, Studenten zum Beispiel, deren Visum ablief. Ihr wirtschafticher Beitrag ist offensichtlich, und 85 Prozent davon verbleiben im Aufnahmeland, 15 Prozent dessen, was sie erwirtschaften, hilft durch Rücküberweisungen ihren Heimatländern. Das sind global 600 Milliarden Dollar, das Dreifache der weltweiten Entwicklungshilfe. 48 Prozent derer, die auswandern, sind Frauen und ihre Beschäftigungsrate ist immer höher als die der einheimischen Frauen. All das schafft Wohlstand. Viele reiche Länder wären ohne diese Menschen nicht in der Lage, ihr Wohlstandsniveau zu halten – das ist ökonomische Realität. Die Angst vor Migration ist daher übertrieben und eher der Spiegel allgemeiner Angst. 

Louise Arbour Foto: dpa/Jean Christophe Bott Vergrößern
Louise Arbour © dpa/Jean Christophe Bott

Aber Sie werden auch wissen, was andere Studien sagen: Fakten bewirken praktisch nichts gegen diese Angst, ab und zu eher das Gegenteil. 

Dessen bin ich mir sehr bewusst. Wir haben da eine kulturelle Erosion und eben auch die Angst davor, dass die eigene Regierung die Kontrolle verliert. Wir hoffen, den Regierungen mit dem UN-Migrationspakt etwas an die Hand zu geben, das Migration geordneter und sicherer macht und das Chaos reduziert.

Sie sind Kanadierin, ihr Heimatland gilt als Muster eines erfolgreichen Einwanderungslands. Lässt sich von Kanada lernen? 

Wir Kanadier sind eher bescheiden und ich zögere sowieso, Kanada als Exportmodell zu sehen. Wir hatten in unserer Geschichte nicht viel ungeordnete Migration. Die eine Landgrenze mit den USA hat keine großen Konflikte produziert. Unsere Migration war historisch immer sicher und geordnet. Das gilt sogar für die Aufnahme von Flüchtlingen, die eher einem UN-Resettlementprogramm ähnelt. 

Also, Sie können uns in Europa keinen Tipp geben? 

Was Migrationspolitik sicher braucht, ist politische Führung. Eine gute Führung, die die technischen Fragen so umsetzt, dass sie demokratisch akzeptiert werden. Ich bin zum Beispiel fest davon überzeugt, dass ein sehr inklusives öffentliches Schulsystem Entscheidendes bewirkt. Gute Schulen, die Einwanderer- und einheimischen Kindern etwas bieten, werden zum Motor einer Einwanderungsgesellschaft,  In einem guten öffentlichen Bildungssystem treffen Kinder aller Herkünfte zusammen und wird die Basis für die Zukunft gelegt. 

Die Entwicklung im Westen geht eher den umgekehrten Weg. Erfolgsorientierte Eltern nehmen ihren Nachwuchs aus dem öffentlichen System, weil sie fürchten, der werde durch Kinder mit anderem oder weniger Bildungshintergrund behindert. 

So detailliert haben wir über diese Fragen in den UN nicht debattiert, wir waren eher global orientiert. Wir sagen: Man muss Fremdenhass bekämpfen und das öffentliche Schulsystem für alle attraktiv machen. Es gibt da durchaus Strategien – zum Beispiel wenn eine Schule exzellente Musikausbildung bietet

Warum eigentlich gibt es erst jetzt den Global Compact? Die UN sind mehr als 70 Jahre alt und Migration ist kein Phänomen der letzten 18 Monate? Hat das, was Europa seit 2014/15 als seine Migrationskrise sieht, den Anstoß gegeben? 

Darüber kann man sich in der Tat wundern: Warum hat das so lange gedauert? Ja, offenbar hat es diese Krise gebraucht. Flucht gab es immer, aber in Europa sind die Medien dabei. Diese Krise war eine sehr sichtbare. Und bis dahin hat man Migration und Flucht immer als eine Angelegenheit staatlicher Souveränität gesehen. Das Recht, die eigenen Grenzen zu kontrollieren stand lediglich im Rahmen einiger internationaler Vorschriften, etwa dem Rückweisungsverbot für Flüchtlinge. Europa seit 2015 hat klar gemacht – und der Global Compact tut dies auch – dass die beste Art, eigene Souveränität durchzusetzen, die Kooperation mit anderen Ländern ist, dass das Innenpolitik ist. Wir brauchten dafür anscheinend diese Krise. Aber wir sind mit dem GC nicht am Ende, eher in einer Situation wie 1999 mit dem Erdgipfel in Rio de Janeiro. Jahre später folgte das Klimaabkommen in Paris. 

Wird die Welt, vor allem die Erste, den Weg schaffen, mit Migration rationaler umzugehen und sie sicherer zumachen? 

Ich hoffe es. Es geht ja nicht darum, ob man Migration für gute ode schlecht hält. Es gibt sie. Und es wird mehr davon geben.  Deshalb müssen wir uns dafür engagieren, dass sie besser gemanagt wird. Wir machen dafür Vorschläge, aber kein Land ist gezwungen, sie anzunehmen. 

Haben Sie in New York auch über radikale Konzepte diskutiert, zum Beispiel über die Folgen offener Grenzen? Es gibt ja Untersuchungen, die selbst in diesem Fall keine dramatischen Folgen für die Aufnahmeländer vorhersagen. 

Nein, nein, Science Fiction hat niemand von uns betrieben. Aber im Ernst: Es würde sich lohnen, einmal auf Binnenmobilität, also die innerhalb eines Landes zu schauen, wo es keine Begrenzungen gibt. Im Grunde könnte ganz Minnesota oder North Carolina nach Kalifornien ziehen, schließlich ist das Wetter dort ausgezeichnet. Es tun aber gar nicht so viele. Aus einem einfachen Grund. Menschen ziehen um, wenn sie in ihrer Heimat keine Chance mehr haben, oder auch aus sehr persönlichen, weil sie zum Beispiel heiraten wollen. Auch da brauchen wir einen nüchternen Blick. Genauso wenig will nämlich die ganze Welt nach Europa. Die allermeisten wollen bleiben, wo sie sind. 

Wenn sie dort leben können. 

Genau. Denen, die das nicht können, müssen wir helfen. Nicht nur ihret-, sondern auch unseretwegen.

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