Zum Corona-Überblick: Alle Zahlen zu SARS-CoV-2 in Deutschland
"Impfen, impfen, impfen", laute die Devise, sagt Kanzlerin Angela Merkel - aber womit? Foto: dpa
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Merkels Prinzip Hoffnung Das soll nach dem Impfgipfel jetzt besser werden

Während sich die dritte Corona-Welle aufbaut, werden immer noch zu wenig Menschen geimpft. Die Devise laute: "Impfen, impfen, impfen", sagt die Kanzlerin.

Der Kontrast könnte nicht größer sein. Wenige Stunden bevor Kanzlerin und die Länder-Regierungschefs krampfhaft versuchen, der Impfprobleme Herr zu werden, steht Angela Merkel im Schloss Bellevue. 

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier ehrt im Schloss Bellevue die Biontech-Gründer Özlem Türeci und Ugur Sahin mit dem Großen Verdienstkreuz der Bundesrepublik. „Eine ähnlich existenzielle wissenschaftliche Großtat ist in diesem Schloss selten ausgezeichnet worden“, sagt er.

Noch bevor das Coronavirus Europa erreichte, hätten sie das Projekt der Entwicklung eines Impfstoffes mit „Lichtgeschwindigkeit“ gestartet, um einen Impfstoff zu entwickeln, der das Virus eindämmen und Menschenleben retten sollte. 

Was Steinmeier nicht erwähnt: Leider lässt sich das mit der Lichtgeschwindigkeit nicht auch über den Impffortschritt in Deutschland sagen - und auch die Biontech-Chefs können nicht viel mehr Impfstoff herbeizaubern. Von staatlicher Seite ist es versäumt worden, frühzeitig den Aufbau einer Massenproduktion zu unterstützen. 

Ein Überblick, was aus den Impfproblemen folgt und was nun helfen soll.

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Kein Ende des Lockdowns in Sicht  

Der danach stattfindende Impfgipfel kann das Grundproblem nicht lösen. "Die Devise lautet: Impfen, impfen, impfen" sagte Merkel nach den Beratungen. Dafür solle es neben der sprichwörtlichen deutschen Gründlichkeit auf mehr deutsche Flexibilität ankommen. Es gehe um eine schnellstmögliche Kombination der weiterhin wichtigen Impfzentren der Länder und einer schrittweise stärkeren Einbeziehung der Praxen.

Zwar wird in im Beschluss des Impfgipfels verkündet: „Erfreulich ist, dass von Biontech/Pfizer jetzt eine zusätzliche Lieferung von 4 Millionen Dosen Impfstoff für die Europäische Union erfolgt, von denen 580.000 Dosen auf Deutschland entfallen. Diese sollen insbesondere für Hotspots und zur Abwehr von Virusmutanten eingesetzt werden.“

Signal der Gemeinsamkeit: Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) und SPD-Experte Karl Lauterbach gehören verschiedenen Parteien an, warben aber am Freitag beide fürs Impfen. Foto: dpa Vergrößern
Signal der Gemeinsamkeit: Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) und SPD-Experte Karl Lauterbach gehören verschiedenen Parteien an, warben aber am Freitag beide fürs Impfen. © dpa

Doch gemäß EU-Verteilungsschlüssel stehen Deutschland 18,6 Prozent der EU-Dosen zu, das wären demnach 744.000. Es werden also wieder Nebelkerzen geworfen, letztlich verschärft dieses Problem ein anderes.

Ob neue, wieder verschärfte Lockdown-Maßnahmen ergriffen werden, darüber berät eine weitere Bund-Länderrunde am Montag. Hamburg hat schon die Lockerungen zurückgenommen, sicher ist: Ostern wird ähnlich trübe wie 2020. Merkel betont: "Die Situation entwickelt sich schwierig." Deshalb sei es gut, dass eine Notbremse beim letzten Treffen vereinbart worden sei. 

"Wir werden von der Notbremse Gebrauch machen müssen", betont sie mit Blick auf die festgelegte und fast überall wieder überschrittene Grenze von 100 Neuninfektionen je 100 000 Einwohner in sieben Tagen - dann könnte es wieder zu verschärften Kontaktbeschränkungen und eine Rücknahme von Lockerungen etwa im Handel kommen. Auch Friseure fürchten neue Schließungen.

Erhielten vom Bundespräsidenten das Große Verdienstkreuz mit Stern: Ugur Sahin und seine Frau Özlem Türeci, die Gründer des Mainzer Corona-Impfstoff-Entwicklers Biontech. Foto: dpa Vergrößern
Erhielten vom Bundespräsidenten das Große Verdienstkreuz mit Stern: Ugur Sahin und seine Frau Özlem Türeci, die Gründer des Mainzer Corona-Impfstoff-Entwicklers Biontech. © dpa

„Wir müssen zurück in den Lockdown“, sagte auch der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach vor dem Gipfel bereits bei einer Pressekonferenz mit Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU).

Jede Woche Verzögerung führe wegen des exponentiellen Anstiegs später zu zwei bis drei Wochen längerem Lockdown.

Aufgrund der aktuellen Zahlen werde Deutschland bereits Mitte April wieder mehr als 200 Fälle pro 100.000 Einwohner in sieben Tagen haben. Es könne auch eine Überlastung der Intensivstationen geben.

Lauterbach pocht daher auf eine deutliche zeitliche Spreizung von Erst- und Zweitimpfung, um erstmal mehr Bürger zu immunisieren, bei allen Impfungen ist die Wirkung schon nach der ersten Impfung hoch.

Denn das könnte auch die Infektionszahlen senken - und vielleicht den Endlos-Lockdown etwas früher beenden. „Wir sind am Beginn einer fulminanten dritten Welle“, sagt Lauterbach.

Bei allen Impfungen ist die Wirkung schon nach der ersten Impfung hoch. Dass er und Spahn zusammen auftreten, ist auch ein Signal. Nach den SPD-Attacken gegen Spahns Impfmanagement, will man gemeinsamer agieren. „Die Pandemie ist keine Gelegenheit für Parteipolitik“, so Spahn.

Schnellere Einbindung der Arztpraxen
In der Woche nach Ostern (5. bis 11. April) sollen die Arztpraxen ins Impfgeschehen einsteigen, zwei Wochen früher als bisher geplant. Von den 100.000 Praxen bundesweit könnten nach Schätzungen der Kassenärztlichen Bundesvereinigung rund 50.000 problemlos Impfungen vornehmen:  Neben den Hausärzten kommen auch Frauenärzte, Kinderärzte oder HNO-Ärzte in Frage.

Die Impfzentren der Länder erhalten im April jede Woche 2,25 Millionen Dosen. Die Liefermengen, die darüber hinausgehen, sollen den Praxen zur Verfügung gestellt werden. Vom 5.  April an sind das nach derzeitigen Planungen zunächst etwa eine Million Dosen pro Woche, also etwa 20 pro Praxis, die für eine Impfsprechstunde pro Woche reichen dürften. In der letzten Aprilwoche soll sich die Menge für die Hausärzte verdreifachen auf knapp 3,2 Millionen Dosen.

Berlins Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) im Impfzentrum im ehemaligen Flughafen Tegel.  Foto: dpa Vergrößern
Berlins Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) im Impfzentrum im ehemaligen Flughafen Tegel.  © dpa

In der Anfangsphase sollen die Hausärzte vor allem Patienten mit Vorerkrankungen impfen, die sie gezielt einladen können. Außerdem sollen durch Hausbesuche immobile Patienten geimpft werden. Das heißt: Grundsätzlich soll erst einmal an der Impfreihenfolge festgehalten werden, bei der besonders verletzliche Personengruppen Vorrang haben.

Mit der Einbeziehung der Praxen ist die Hoffnung verbunden, dass die Impfkampagne an Tempo gewinnt. Bis Mitte Juli, so zeigt eine Simulation des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung, könnte es in der erwachsenen Bevölkerung zumindest eine Grundimmunisierung mit einer Erstimpfung geben. Im Laufe des August könnten dann alle durchgeimpft sein. Vorausgesetzt, es läuft alles nach Plan. Und das hängt nicht zuletzt daran, ob Deutschland genügend Impfstoff bekommt.

Die Hoffnung auf mehr Impfstoff
In den nächsten Wochen sollen die gelieferten Impfstoffmengen kontinuierlich steigen. Genaue Prognosen sind schwer, in der Vergangenheit kam es immer wieder zu kurzfristigen Produktionsausfällen. So hat der Hersteller Astrazeneca seine Lieferzusagen für das zweite Quartal vor kurzem reduziert. Deutschland erwarte von diesem Hersteller von April bis Ende Juni etwa 15 Millionen Impfdosen, sagt Gesundheitsminister Jens Spahn. Das sind zwei bis drei Millionen Dosen weniger als ursprünglich erwartet.

Mehr Fahrt kann die Impfkampagne erst dann aufnehmen, wenn neue Impfstoffe zugelassen werden. Doch hier hapert es: Erst ab etwa Mitte April wird mit Lieferungen des neu zugelassenen Impfstoffes von Johnson & Johnson gerechnet, hier soll Deutschland über die EU-Bestellung insgesamt 36,7 Millionen Dosen bekommen. Zudem wurden 74,1 Millionen Dosen des Tübinger Unternehmens Curevac geordert, aber hier ist die Zulassung noch nicht in Sicht.

Haben sich beide mit Astrazeneca impfen lassen: Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) und seine Frau Gerlinde. Foto: imago images/Arnulf Hettrich Vergrößern
Haben sich beide mit Astrazeneca impfen lassen: Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) und seine Frau Gerlinde. © imago images/Arnulf Hettrich

Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) wirbt daher dafür, den Einsatz des in Russland entwickelten Impfstoffs Sputnik V voranzutreiben – das hängt aber von der Zulassung durch die europäische Arzneimittelbehörde EMA ab. Ramelow plädiert dafür, dass die Bundesregierung jetzt schon die Vorverträge fertig mache. Gesundheitsminister Spahn kann sich bei Sputnik V auch einen nationalen Alleingang vorstellen – falls die EMA die Zulassung nicht erteile.

Bessere Organisation
Um die Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen, soll in einigen grenznahen Regionen mit Pendelverkehr schneller geimpft werden. Zum einen im Saarland, wo die hoch ansteckende südafrikanischen Virus-Mutante schon deutlich häufiger vorkommt als im Rest der Republik. Zum anderen in Bayern Sachsen und Thüringen an der Grenze zu Tschechien, dem Nachbarland mit dem höchsten Infektionsgeschehen.

Zudem sind vielerorts die Hotlines verstärkt worden. Und Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer bietet mehr Hilfe der Bundeswehr an. In 28 Impfzentren könne sieben Tage die Woche, Tag und Nacht und somit täglich zusätzlich bis zu 20 000 Impfdosen verimpft werden, kündigte sie an.

Astrazeneca-Offensive
Nachdem der Impfstoff für vier Tage wegen der möglichen Verbindung zu Hirn-Thrombosen ausgesetzt worden war, gibt es Sorgen vor Akzeptanzproblemen. Impftermine werden nun nachgeholt. Wegen der sich gerade unter Kindern und Schülern ausbreitenden Mutante B.1.1.7. kommt der Impfung von Erzieherinnen und Lehrern mit Astrazenca eine erhöhte Bedeutung zu.

Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann hat als einer der ersten Spitzenpolitiker eine Corona-Impfung erhalten. Dem 72-Jährigen und seiner Ehefrau Gerlinde wurde die erste Dosis des Wirkstoffs von Astrazeneca verabreicht.

Er sei Gott dankbar, „dass er uns Menschen so etwas Kreatives wie das Impfen gegeben hat“, so Kretschmann.

Auch Merkel will sich mit Astrazeneca impfen lassen. "Ich würde das auf jeden Fall tun“, sagte sie nach dem Impfgipfel, fügte aber hinzu: „Ich möchte aber warten, bis ich dran bin.“

Auch Lauterbach betont, das sei ein Impfstoff, „den ich jederzeit nehme würde“. Angekündigte Proteste gegen seinen Einsatz als Impfarzt führten aber dazu, dass er die dafür geplante Astrazeneca-Impfung noch nicht bekommen konnte.

Arrangieren mit dem Mangel - auch in Berlin

Im April werden die Impfstoffmengen noch knapp sein. "Daher bleibt es notwendig, zunächst die besonders gefährdeten Personen entsprechend der Empfehlung der Ständigen Impfkommission zur Impfreihenfolge zu impfen", betonen Bund und Länder im Beschlusspapier des Impfgipfels.

In Berlin befürchten Senat, Ärzte und Hilfsorganisationen, dass sich die "Astrazeneca-Stopp-Lücke" nur schwer abarbeiten lasse - mehr als 6000 Termine waren in den letzten Tagen ausgefallen. Berlins sechs Impfzentren sind nun von 9 bis 19 Uhr im Vollbetrieb offen, zuvor wurde in den Zentren Tempelhof und Wedding nur halbtags gearbeitet.

Anfangs wurde er belächelt, nun könnte er auch in Deutschland zum Einsatz kommen: der russische Impfstoff Sputnik V. Foto: imago images/Fotoarena Vergrößern
Anfangs wurde er belächelt, nun könnte er auch in Deutschland zum Einsatz kommen: der russische Impfstoff Sputnik V. © imago images/Fotoarena

Dennoch werden insgesamt nicht, wie von den Hilfsorganisationen erwartet, 10.000 Menschen am Tag geimpft. Die Zahlen für Buchungen von Terminen seien nach der Entscheidung, den britisch-schwedischen Impfstoff wieder zuzulassen, noch nicht sehr hoch. „Es sieht noch nicht so aus, dass das Impfzentrum voll wird“, sagt Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) .

Täglich 10.000 Impfungen werden allenfalls erreicht, wenn die Einsätze in den Kliniken hinzugezählt werden. An der Charité werden an diesem Wochenende 13.000 von 19.000 Mitarbeitern mindestens mit der ersten Impfdosis versorgt sein. Laut der  Gesundheitssenatorin müssen die niedergelassenen Ärzte bei Corona-Impfungen einbezogen werden, wenn es ernsthafte Fortschritte geben solle: „Wir haben in Berlin ein Modellprojekt mit 137 Praxen. Das ist viel zu wenig. Ich möchte, dass alle Arztpraxen impfen können“, sagte Kalayci. Zuvor hatte sie die Bundesregierung aufgefordert, die Corona-Impfungen schnell zur „Regelversorgung“, also zur üblichen Behandlung in den Praxen zu erklären.

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