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Angela Merkel winkt zum Abschied. Foto: Odd Andersen/AFP POOL/dpa
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Merkel, Merz, Kurz und Kühnert Von Zapfenstreich bis Paukenschlag – eine Woche der politischen Übergänge

Abschiede und Neuanfänge in der Politik gehen mit Ritualen einher. Sie dienen der Vergewisserung darüber, wer wir sind und wer wir sein wollen. Ein Kommentar.


Am Donnerstagabend nahm die Kanzlerin den Großen Zapfenstreich ab, die Ehrung zum Ende ihres Amtes. Wohl kein anderes Ritual im Staat ist derart traditionssatt. Den Bläsern und behelmten Uniformträgern des Wachbataillons der Bundeswehr setzte Angela Merkel ihre beschwingten Lieder entgegen, und spielte dem Zapfenstreich einen Streich - von Nina Hagens Ost-Song über den vergessenen Farbfilm zu Hildegard Knefs Rosenballade, und am Abschluss, wieder ernst, den Lobpreis Gottes.

Von A bis Z, von Ampel bis Zapfenstreich war die vergangene Woche eine Woche der Übergänge und der dazugehörigen alten und neuen Rituale, der rites de passage, wie die Ethnologie sie nennt. Sie markieren den Wechsel von einem Stadium des Lebens ins andere, vom Kind zum Erwachsenen, von ledig zu verheiratet, von uneingeweiht zu eingeweiht, vom alten Jahr zum neuen.

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Politische Übergänge entstehen bei Kandidatur und Kür, bei Ehrungen im Amt und beim Abschied. Jede der Phasen hat ihre formalen Rituale, etwa Amtseide, Reden, Jahresfeiern oder die Verleihung von Orden und Bundesverdienstkreuzen.

Jedes Ritual enthält seine Symbole, Flaggen, Farben, Embleme, Klänge, Urkunden. Rituale dienen der Vergewisserung des Selbstverständnisses: Wir sagen uns selber, wer wir sind, waren, sein wollen, sein sollen.

Zu Ankündigungen gehört längst das digitale Zwitscherkonzert auf Twitter

Doch auch Übergangsrituale selber befinden sich immer im fließenden Übergang, und ihre Metamorphosen gehören zu Machtwechseln, Generationenwechseln, Paradigmenwechseln. Diese Woche war das eindrucksvoll zu beobachten.

Friedrich Merz und zwei seiner Rivalen kandidieren für den Parteivorsitz der CDU, das Zeremoniell des Triells fand am Mittwoch als öffentliche Debatte vor Kameras statt, Moderatoren sind hier zu Zeremonienmeistern geworden, und lassen auch Fragen ausgewählter Repräsentanten der Bevölkerung zu.

[Lesen Sie auch: Hier spricht der Arrangeur von Merkels Zapfenstreich-Song (T+)]

Kevin Kühnert soll gekürt werden zum Generalsekretär der SPD, Katja Kipping zur Berliner Sozialsenatorin. Bei ihr war dabei die Rede vom „Paukenschlag“, wie er, herausgelöst aus dem Reservoir des Rituellen, metaphorisch verwendet wird. Zu solchen Ankündigungen gehört längst das rituelle Twittern, das An- und Abschwellen eines kollektiven, digitalen Zwitscherkonzerts ohne Dirigenten.

Paukenschläge auch aus Österreich - im Schatten des Zapfenstreichs der Kanzlerin

Gleich mehrere Paukenschläge ertönten in Österreich, wo sich nicht nur der Ex-Kanzler Sebastian Kurz von allen politischen Ämtern verabschiedete, sondern auch sein Nachfolger und der Finanzminister – der Verdacht der Korruption scheint sie zu treiben.

Das feierlichste Ritual, das die deutsche Politik kennt: Der Zapfenstreich zum Abschied von Kanzlerin Merkel. Foto: REUTERS Vergrößern
Das feierlichste Ritual, das die deutsche Politik kennt: Der Zapfenstreich zum Abschied von Kanzlerin Merkel. © REUTERS

Womöglich hatte Kurz just den Windschatten des Großen Zapfenstreichs ausgesucht und den kleinsten Nenner für öffentliche Übergangsrituale bemüht, der zur Verfügung steht, die Verlautbarung. Was einmal der reitende Bote mit Brief und Siegel war, der eine Demission zum Hof brachte, das hat die knappe, dialoglose Pressekonferenz übernommen.

Hier verlieh Kurz seinem Schritt selber Sinn, eh andere es tun. Der Abschied verdanke sich, erklärte er, seinem Übergang in die Vaterschaft. Und Kurz skizzierte sich selber: „Ich bin weder ein Heiliger noch ein Verbrecher.“ Er schleicht sich.

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Was für ein Kontrast zum Abschiedsritual von Angela Merkel. Wunderbar konnte sie durch ihre Individualisierung des militärischen Übergangsrituals von 1873, ein Ritual aus Trommelwirbeln, Uniformen, Befehlen, Flötentrillern und Fackelschein eben den Wandel illustrieren, für den sie einstand.

Sie wies auf ihre unaufgeregte Fusion von Ost und West, ihre äußeren Zugeständnisse an Konventionen und den kühnen Bruch mit ihnen, sowie auf ihre Selbstbehauptung als weiblicher Kopf der politischen Elite des Landes.

Nicht zuletzt demonstrierte die im Gehen begriffene Kanzlerin das durch ihre Rede, ihren Appell an das kritische, demokratische Bewusstsein. Mit diesen Mahnungen schob sie den verdienten Nimbus als Queen of Democracy so elegant wie nüchtern beiseite. Im Rosenlied von Hildegard Knef heißt es: „Ich möcht´ verstehen, viel sehen, erfahren, bewahren / Mich fern vom Alten neu entfalten.“ Diese Zeilen bringen Angela Merkels rites de passage auf den Punkt.

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