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Erinnerung an die Toten in der City von Stockholm. Foto: Jonathan Nackstrand/AFP
© Jonathan Nackstrand/AFP

Update Mehr als 4000 Coronavirus-Tote in Schweden „Wir sind in einer schrecklichen Situation gelandet“

Die Hälfte aller Covid-19-Toten wird in Schweden aus Altenheimen gemeldet. Hätte ein Lockdown das verhindert? Der kritisierte Staatsepidemiologe bezweifelt das.

Schweden erreicht in der Coronavirus-Krise eine weitere traurige Höchstmarke: Die staatliche Gesundheitsbehörde hat am Montag 4029 Tote nach einer Covid-19-Erkrankung in dem Land mit rund 10,2 Millionen Einwohnern gemeldet - das sind 31 neue Todesfälle seit Sonntag.

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Pro eine Million Einwohner verzeichnet Schweden 392 Tote, deutlich mehr als Norwegen (44), Dänemark (97) und Finnland (55), die sich alle für einen Lockdown entschieden hatten. Auch Deutschland hat mit 100 Verstorbenen pro eine Million deutlich weniger.

Großes Problem in Schweden sind die Senioren- und Pflegeheime. Mehr als die Hälfte aller Todesfälle werden aus solchen Einrichtungen gemeldet.

Die Situation in der Pflege ist inzwischen Gegenstand heftiger Debatten, zumal es wiederholt Berichte gab, dass nicht alle älteren Menschen die medizinische Versorgung bekommen, die sie benötigen. So soll beispielsweise älteren Bewohnern die Gabe von Sauerstoff verwehrt worden sein.

Die ehemalige Staatsepidemiologin Schwedens, Annika Linde, geht nun auf Distanz zu ihrem Nachfolger Anders Tegnell, der die schwedische Regierung in der Coronavirus-Krise berät und sich stets gegen einen Lockdown ausgesprochen hat. Nachdem Linde zuvor den Kurs Tegnells unterstützt hatte, ist sie wegen der hohen Todeszahlen im Vergleich zu den Nachbarländern nun der Meinung, dass die Behörden in der Frühphase der Pandemie strengere Restriktionen hätten erlassen müssen, um das Virus unter Kontrolle zu bringen.

„Ich denke, wir hätten mehr Zeit zur Vorbereitung benötigt. Hätten wir früh einen Lockdown gemacht, hätten wir in dieser Zeit sicherstellen können, dass wir das Notwendige zum Schutz der Schwachen tun können“, sagte Linde dem britischen „Observer“ und zuvor bereits der schwedischen Tageszeitung „Dagens Nyheter“. Linde war Schwedens Chefepidemiologin von 2005 bis 2013. In ihre Amtszeit fielen die Schweinegrippe und die Sars-Epidemie.

Regierung und Gesundheitsbehörde hatten seit Beginn der Pandemie auf die Vernunft der Bürger gesetzt und an die Bürger appelliert, soziale Kontakte zu minimieren und Abstand zu halten. Menschen über 70 sollen zu Hause bleiben. Kindergärten, Schulen für Kinder unter 16 Jahre und Geschäfte sind geöffnet. Dies gilt unter Auflagen auch für die Gastronomie.

Versammlungen sind bis zu 50 Personen erlaubt. Die Menschen sollen im Homeoffice arbeiten und bei Symptomen auf jeden Fall zu Hause bleiben. Strikt verboten sind dagegen seit Anfang April Besuche in Alten- und Pflegeheimen, von wo inzwischen der ganz überwiegende Teil der Todesfälle gemeldet wird.

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Der schwedische Ansatz hat international Irritationen und Kritik ausgelöst. Auch im Land ist der Kurs der schwedischen Regierung längst nicht unumstritten; schon seit geraumer Zeit fordern zahlreiche Wissenschaftler einen radikalen Kurswechsel. Löfven und Tegnell wird vorgeworfen, das Leben vieler leichtfertig aufs Spiel zu setzen – unter anderem, um die Wirtschaft zu schützen, die wegen ihrer Abhängigkeit vom Export aber auch massiv von der Coronavirus-Krise betroffen ist.

Steht in der Kritik: Schwedens Staatsepidemiologe Anders Tegnell. Foto: imago images/TT/Jonas Ekstromer Vergrößern
Steht in der Kritik: Schwedens Staatsepidemiologe Anders Tegnell. © imago images/TT/Jonas Ekstromer

Premier Löfven hatte zum zu erwartenden Ausmaß der Pandemie am 3. April der Zeitung DN gesagt, Schweden verfolge die Strategie, den Anstieg der Infektionsfälle zu verzögern, um das Gesundheitssystem nicht zu überlasten. „Aber das beinhaltet zugleich, dass wir weitere Schwerkranke haben werden, die Intensivpflege benötigen, wir werden bedeutend mehr Tote haben. Wir werden mit Tausenden Toten rechnen müssen. Darauf sollten wir uns einstellen.“

Tegnell hatte, wie Löfven, zwar von Beginn an in der Krise betont, wie wichtig es sei, ältere Mitbürger besonders zu schützen. Beide gestanden aber inzwischen ein, dass dies gescheitert sei. Tegnell sagte am Sonntag im schwedischen Radio DN und dem Sender SVT online zufolge: „Es ist eine schreckliche Situation, in der wir gelandet sind, die unsere Gesellschaft wirklich herausfordert.“

Dass Schweden so viel mehr Tote zu beklagen habe als die Nachbarländer nannte Tegnell eine „extrem beklagenswerte Situation“. Gleichzeitig äußerte er die Hoffnung, dass die Pandemie die anderen Landesteile nicht so heftig treffen werde wie die Region der Hauptstadt Stockholm. Von dort wird mit 1936 knapp die Hälfte aller Todesfälle und mit rund 11.200 rund ein Drittel der insgesamt gut 33.500 bestätigten Infektionen des Landes gemeldet.

Über die Schwächen und Probleme des Pflegesystems in Schweden werde seit vielen Jahren diskutiert, sagte Tegnell. „Aber ich glaube nicht, dass sich jemand hätte vorstellen können, wie fürchterlich deutlich das werden würde.“

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Wie genau es kommen konnte, dass die Heime in Schweden so stark betroffen sind, will die Regierung untersuchen lassen. Experten führen als einen Grund immer wieder fehlende Schutzkleidung zu Beginn der Coronavirus-Krise an. Sozialministerin Lena Hallengren hatte zudem bereits angedeutet, dass die vielen Zeitarbeiter und Aushilfskräfte, die in der Branche ohne feste Verträge arbeiten, eine Rolle dabei spielten, dass sich das Virus so stark ausgebreitet habe. Diese würden jeden Tag andere Ältere versorgen und könnten es sich nicht leisten, zu Hause zu bleiben, wenn sie etwas krank werden.

Tegnell sagte, er glaube nicht, dass ein Lockdown die Ausbreitung in den Pflegeeinrichtungen verhindert hätte. „Ich bezweifele, dass wir sehr viel mehr hätten tun können“, sagte er. „Wie hätten wir das Pflegesystem in wenigen Wochen ändern können?“ Es sei sehr einfach, jetzt mit der Kritik zu kommen, wenn ein Lockdown gemacht worden wäre, hätte man mehr tun können, sagte er mit Blick auf seine Vorgängerin Linde. „Wenn ich die Frage stelle, was genau wir hätten tun können, bekomme ich nicht mehr so viele Antworten.“

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