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Christiane Woopen von der Forschungsstelle Ethik an der Universität Köln. Foto: Thomas Imo/photothek
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Medizinethikerin Woopen zur Impf-Debatte „Keiner hat die Pflicht, gar kein Risiko für andere Menschen zu sein“

Geimpft? Ungeimpft? „Es gibt keinen Grund, Unterschiede zu machen bei der Zuteilung von Freiheiten“, sagt die Medizinethikerin Christiane Woopen.

Christiane Woopen ist Professorin für Ethik und Theorie der Medizin und Direktorin von CERES an der Universität zu Köln. Bis vor kurzem war sie Vorsitzende des Europäischen Ethikrates.

Frau Woopen, was sagen Sie denen, die wie Kanzleramtschef Braun in Ungeimpften ein Risiko sehen, vor dem es andere zu schützen gilt?
Keiner hat die Pflicht, überhaupt gar kein Risiko für andere Menschen zu sein. Dann dürften wir alle auch nicht Autofahren. Wir haben allerdings die moralische Pflicht, auf die Gesundheit anderer möglichst gut aufzupassen und sie nicht willkürlich zu gefährden.

Könnte eine Impflicht dabei nicht hilfreich wirken?
Wenn jemand einen guten Grund hat, sich nicht impfen zu lassen, dann muss er meines Erachtens andere Dinge dafür in Kauf nehmen. Wenn er beispielsweise bei hohen Inzidenzen ins Restaurant möchte, muss er einen PCR-Test machen lassen. Aber man kann ihn nicht prinzipiell vom Restaurantbesuch ausschließen, zumal er nach einem PCR-Test ein ähnliches Risiko mitbringt wie ein nichtgetesteter Geimpfter.

Warum wird die Impfpflicht in der aktuellen Situation teils kategorisch ausgeschlossen - bei Masern aber ist sie eine Selbstverständlichkeit?
Die Situation ist eine andere: Wenn ich gegen Masern geimpft bin, dann kann ich nicht mehr daran erkranken und kann sie auch nicht mehr auf andere übertragen. Bei Sars-CoV-2 geht es dagegen nur um eine Risikoreduktion. Die ist zwar ganz erheblich, aber es ist nicht ausgeschlossen, dass man sich und eventuell auch andere ansteckt.

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Ist die Impffrage überhaupt eine moralische Frage?
Auf jeden Fall. Es geht wie immer auch hier darum, dass Menschen Verantwortung für ihr Handeln übernehmen müssen. Mit der Entscheidung, ob man sich impfen lässt oder nicht, entscheidet man sich dafür oder dagegen, die eigene Gesundheit und diejenige anderer Menschen zu schützen. Gesundheit beeinflusst erheblich, inwiefern jemand sein Leben so führen kann, dass er es als sinnvoll erfährt - damit ist sie auch ein moralisch bedeutsames Gut.

Sie sprechen vom Einzelnen?

Zum einen. Zum anderen geht es darum, wie man mit der Impfung im gesellschaftlichen Kontext umgeht. Da reden wir über Lebenschancen. Ob ich ins Restaurant darf, ins Kino oder ins Büro, ob ich in Freiheit leben kann - das ist eine genuin moralische Frage. Wie diese Chancen und die Freiheiten von der Politik zugeteilt oder entzogen werden – das ist auch eine Gerechtigkeitsfrage. Bestimmte Menschen - etwa die Ungeimpften - von Lebenschancen auszunehmen, ist ein fundamentaler Eingriff. Der muss verdammt gut begründet werden.

Das heißt?
Wenn es Möglichkeiten gibt, diese Menschen, zum Beispiel durch PCR-Tests nicht von Freiheiten auszuschließen, dann gibt es keine Rechtfertigung für einen Ausschluss. Dann bleibt nur noch zu diskutieren, wer die Tests zahlt.

Jeder hat die moralische Pflicht, sich ernsthaft mit der Frage des Impfens auseinandersetzen, sagt Medizinethikerin Christiane Woopen. Foto: imago images/Gottfried Czepluch Vergrößern
Jeder hat die moralische Pflicht, sich ernsthaft mit der Frage des Impfens auseinandersetzen, sagt Medizinethikerin Christiane Woopen. © imago images/Gottfried Czepluch

Die Sache mit dem Ausschluss sieht man im Kanzleramt offenbar anders...
Für mich hat das sogar eine noch tiefere Dimension. Es geht hier grundsätzlich um das Verhältnis zwischen Politik und Bürgern. Wenn die Politik in Pandemiezeiten dauerhaft in Grundrechte eingreift, in den Ministerpräsidentenkonferenzen dann aber darüber streitet und schließlich die eine Ministerpräsidentin dies macht und der andere Ministerpräsident etwas anderes - ja, dann müssen doch die Bürgerinnen und Bürger den Eindruck bekommen, das könne man offenbar so oder so oder auch ganz anders sehen. Es entsteht in der Wahrnehmung eine tiefe Diskrepanz zwischen der Größe der Frage, nämlich dem Eingriff in Grundrechte, und der Begründung dafür, die doch einigermaßen beliebig zu sein scheint: Kann man machen, muss man aber nicht. Letztlich wird das Vertrauen in die Zuverlässigkeit politischen Handelns untergraben.

Was müsste anders werden?
Menschen möchten ernst genommen werden von der Politik. Wenn jetzt vor allem darüber geredet wird, welche Anreize man setzt, welche Verbote man erlässt, dann fühlen sich viele Menschen bevormundet und wie Marionetten behandelt. Es gilt aber, mit ihnen zu reden, sie zu überzeugen und ihnen etwa mit aufsuchenden Impfangeboten Gelegenheiten zu verschaffen. Wichtig ist eine gute, transparente Kommunikation mit guten und verständlichen Begründungen, zielgruppenorientiert und in der richtigen Sprache.

Druck auf Nicht-Geimpfte, etwa in Form einer Besserstellung von Geimpften, halten Sie für nicht zielführend?

Es gibt durchaus die Möglichkeit, Ungeimpfte nicht zurückzusetzen. Auch Geimpfte können sich ja infizieren und andere anstecken. Das Risiko ist zwar wesentlich geringer, aber das Risiko infiziert zu sein und andere anzustecken ist nach einem negativen PCR-Test genauso niedrig. Deswegen gibt es keinen Grund zwischen diesen Menschen Unterschiede zu machen und einigen Freiheiten vorzuenthalten.

Niedrigschwellige Impfangebote: Ein Fan vom 1. FC Nürnberg füllt vor dem Spiel gegen Erzgebirge Aue an einem Impfbus ein Formular zur Impfung gegen Covid-19 aus. Foto: dpa/Tim SChamberger Vergrößern
Niedrigschwellige Impfangebote: Ein Fan vom 1. FC Nürnberg füllt vor dem Spiel gegen Erzgebirge Aue an einem Impfbus ein Formular zur Impfung gegen Covid-19 aus. © dpa/Tim SChamberger

Jeder hat die Pflicht, sich ernsthaft mit der Frage des Impfens auseinanderzusetzen

Die Impfbereitschaft lässt zu wünschen übrig, Delta grassiert, die Inzidenz steigt wieder: Warum entdeckt die Politik just in dieser Situation die Moral beim Impfthema, appellieren die Verantwortlichen an „Solidarität“, bitten um „Rücksicht“, sprechen von einer „moralischen Selbstverpflichtung“...
Richtig ist, dass die Delta-Variante uns vor eine große Herausforderung stellt, weil sie deutlich ansteckender ist. Und natürlich ist es wünschenswert, dass sich möglichst viele Menschen impfen lassen. Wenn man das will, dann muss man diese Menschen aber davon überzeugen. Das ist im Moment besonders schwer, denn wir sind ja gerade dabei uns ein wenig zu entspannen und nach der dritten Welle durchzuatmen. Jetzt schon wieder zu sehen, dass sich mit einer vierten Welle eine neue Bedrohung anbahnt, ist emotional schwer zu ertragen. Diese Hürde durch einfühlsame und wertschätzende Kommunikation zu überwinden, durch eine Ansprache, die nicht nur Angst schürt, sondern die Überzeugung zu vermitteln versteht, dass eine Impfung einen sehr verantwortungsvollen, vernünftigen Beitrag zur Bewältigung der Pandemie leistet, das ist das Kunststück.

Impfen ist also ein moralische Frage – das heißt aber im Umkehrschluss nicht, dass sich nicht zu Impfen unmoralisch wäre - verstehe ich Sie richtig?
Eine moralische Pflicht ist, dass sich jeder Einzelne angesichts der gegenwärtigen Situation ernsthaft mit der Frage des Impfens auseinandersetzt und nicht etwa aus beliebigen Gründen sagt: „Och, da hab ich grade keine Lust zu“. Für den Staat ist es eine moralische Pflicht, den Bürgern durch verständliche, wissenschaftlich gestützte Informationen, gute Kommunikation und niedrigschwellige Impfangebote die Möglichkeit zu geben, eine verantwortliche Entscheidung zu treffen.

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