Einweihung des Mahnmals 2012. Sein Schöpfer Dani Karavan (links neben der Kanzlerin) begrüßt einen NS-Überlebenden. Foto: Wolfgang Kumm/dpa
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Mahnmal in Tiergarten Sinti und Roma sehen Gedenkort durch die Bahn bedroht

Seit acht Jahren steht es endlich - bedroht jetzt ein Bauvorhaben der Bahn das Mahnmal der Sinti und Roma? Die fürchten das und wehren sich.

Seit 2012 erinnert ein Mahnmal an die Verfolgung, Entrechtung und Ermordung von Sinti und Roma unter dem NS-Regime. Jetzt sieht die Minderheit den lange umkämpfte Ort in unmittelbarer Nähe des Bundestags im Berliner Tiergarten in Gefahr. Unter dem Slogan „Unser Mahnmal ist unantastbar“  fordern die Stiftungsrätinnen und -räte der Hildegard-Lagrenne-Stiftung, die sich für Bildung und Teilhabe von Sinti und Roma einsetzt: „Kein Handeln einer Verwaltung darf diesen, für das gemeinsame Leben notwendige ungehinderte Fließen der kulturellen Erinnerung behindern.“ In dem Aufruf, der die Unterschriften der früheren Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth (CDU), des langjährigen SPD-Bundestagsabgeordneten Gert Weisskirchen und der früheren Kanzlergattin und heutigen Landtagsabgeordneten Doris Schröder-Köpf trägt, heißt es weiter: „Das Erinnern an den Völkermord verträgt keine Unterbrechung. Es muss unauslöschlich im Gedächtnis bleiben. Wer die Ruhe stört, die von diesem Ort der Besinnung ausgeht, ermordet die unschuldigen Opfer ein weiteres Mal.“

"Rechtsnachfolgerin der Reichsbahn, die Menschen ins KZ brachte"

Schäden und Ruhestörung am Gedenkort drohen nach Meinung der Kritikerinnen durch den Bau der neuen S-Bahn-Linie 21, mit dem die Deutsche Bahn Berlins Hauptbahnhof mit dem Potsdamer Platz verbinden will. Eine Streckenführung und Baustelle nahe am Bundestag hat dessen Baukommission bereits abgelehnt. Wenn beides jetzt unterirdisch Richtung Mahnmal verlegt wird, befürchtet auch die Berliner Verkehrssenatorin Regine Günther, werde es den Ort „schwer beeinträchtigen und belasten“, wie sie kürzlich im Abgeordnetenhaus sagte. Die DB hingegen versichert, das Mahnmal werde durch die Bauarbeiten nicht angetastet.  Ein erstes Gespräch blieb ergebnislos. An diesem Freitag will man sich erneut treffen.

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Vertreterinnen und Vertreter der Sinti und Roma zeigen sich kompromisslos – aus gutem Grund, wie Romeo Franz erläutert, baden-württtembergischer Europaabgeordneter der Grünen: „Eingriffe an Teilen würden das Mahnmal als Ganzes zerstören“, sagte Franz, der Berufsmusiker ist, dem Tagesspiegel. Er hat das Klangbild „Mare manuschenge“ (romanes für „Unseren Menschen“) dafür komponiert, das Bäume und Stellwände einbezieht, „das ganze Areal“. Tagelang habe er damals mit Dani Karavan an einer Installation getüftelt, „damit es die Wirkung hat, die es heute hat“.

Franz erinnert auch an die spirituelle Dimension des Orts – „das ist ein Grab für uns, es ist heilig“ und an die historische: „37 Jahre Kampf für die Anerkennung der Vernichtung, dann weitere zwanzig Jahre Kampf für das Mahnmal. Und jetzt, da es seit acht Jahren steht, würde die Deutsche Bahn, die Rechtsnachfolgerin der Reichsbahn, die die Menschen in die KZs transportierte, es zerstören oder für die nächsten zehn Jahre sperren?“

Künstler Karavan will sein Werk notfalls besetzen

Die Deutsche Bahn hatte Ende Mai betont, sie sei sich "der herausragenden Bedeutung der Gedenkorte für die Opfer des nationalsozialistischen Völkermordes nahe dem Reichstag und dem Brandenburger Tor bewusst". Man sei auch "noch in einer frühen Planungsphase", erklärte der Konzernbevollmächtigte Alexander Kaczmarek, und "zuversichtlich, dass wir, wie zuvor mit der Baukommission des Deutschen Bundestags für den Bereich des Reichstagsgebäudes, gemeinsam zu einer guten Lösung kommen". Das Denkmal werde "nicht angetastet", auch während der Bauarbeiten für die neue City-S-Bahn werde "immer ein Zugang zum Denkmal möglich sein". Für die unterschiedlichen Varianten einer Trasse würden die Ergebnisse einer Besprechung mit der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas berücksichtigt, die die Gedenkorte für die NS-Opfer im Berliner Zentrum betreut.

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Mit Dani Karavan, sagt Franz, hat er wegen der Befürchtungen von Sinti und Roma erst in dieser Woche Kontakt gehabt. Dabei hat der Bildhauer, der im Dezember 90 Jahre alt wird, angekündigt, sein Werk und das Gedenken notfalls selbst zu verteidigen: „Wenn es jemand wagt, einen Teil des künstlerischen Ensembles des Denkmals zu berühren, werde ich persönlich kommen und es mit meinem Körper schützen, den Angreifer verklagen und einen internationalen Skandal auslösen", erklärte Karavan. "Gerade im aktuellen Kontext rassistischer Übergriffe würde jede Beschädigung des Denkmals Sinti und Roma verletzen." "Eine Straßenbahnlinie", so Karavan, „kann bewegt werden, aber kein Kunstwerk.“ 

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