Ein Messtrupp des örtlichen Katasteramtes zog los

Märker, die auf Hügel steigen Ringen um Rekord: Wer hat den höchsten Berg in Brandenburg?

Es muss ordentlich was los sein hier oben. Schmöhl kommt sofort wieder ins Reden und Aufzählen, berichtet von der Funkleitstelle für den Flugverkehr, die es einmal gegeben haben soll. Dass auch diese „Gegend bis 1815 tiefstes Sachsen“ gewesen ist. Spricht über Bundeswehr-Offiziere, mit denen er auf dem Gipfel war, „ich bin dann mit denen übers Schlachtfeld getippelt.“ Über desinteressierte Berliner Schulklassen und seine eigene Überzeugung: „Jedem ist Bildung zu vermitteln – man muss es aber auch wollen.“ Kommt auf seine Burg in Bad Belzig zurück, „die älteste Burgkapelle Brandenburgs ist da drin“.

Je mehr Schmöhl redet, umso mehr verfestigt sich der Eindruck, dass hier ein Mensch am Werk ist, der den verlorenen Hagelberg-Rekord zwar noch ein bisschen bedauert, mehr aber auch nicht. Sein Heimatgefühl, vielleicht sogar ein bisschen Stolz, scheint sich ausschließlich aus Geschichte zu speisen, und die muss bitteschön weitererzählt werden. Es wäre kaum auszudenken, was den Leuten sonst entgehen würde – aus Schmöhls Sicht jedenfalls.

Terra incognita, Uschners Welt

Uschner macht genau dasselbe. Er trinkt gerade Kaffee bei einem altgedienten Heimatchronisten. Neuigkeiten austauschen, mal nach dem Rechten sehen. „Stimmt“, sagt Uschner über den Tisch hinweg, „unser Elbe-Elster-Land, das könnte man fast bezeichnen als Terra incognita, keiner kennt’s bis jetzt. Wäre schade drum.“

Terra incognita, Uschners Welt, ist nach dem Mauerfall erst einmal kein bisschen weit geworden. Sie ist implodiert. „Fast jeder der kleinen Orte hatte vorher seinen Pfarrer“, sagt er. „Die sind dann verschwunden.“ Mit ihnen gingen haufenweise andere Menschen weg, „und dann verschwanden auch die Zehn-Klassen-Schulen aus den Dörfern.“ Es wurde leer. Und weil Potsdam, die Landeshauptstadt, so weit weg ist, schwand auch noch das Interesse der Landesregierung an der Gegend. So sieht es Uschner.

Thomas Schmöhl am Gipfelkreuz des Hagelberges. Foto: Torsten Hampel Vergrößern
Entthront. Thomas Schmöhl am Gipfelkreuz des Hagelberges. © Torsten Hampel

Wie kann man das ändern?, habe er sich gefragt, wie wirkt man dem entgegen? „Auf was könnte man bei uns stoßen, woran sich anknüpfen ließe?“, sagt Uschner. „Wir saßen zusammen im Heimatverein“, 1997 ist das gewesen, und er erinnerte sich an einen alten Artikel im „Heimatkalender“. In dem war von einer Erhebung in der Gegend die Rede, die höher sei als der Bad Belziger Hagelberg. Heideberg heißt sie, sie messe 201,6 Meter, blöderweise liegt der Gipfel aber in Sachsen. Doch könnte es nicht sein, dass sich auf der Brandenburger Seite dieses Berges ein Punkt findet, der immer noch höher ist als die Flunder von Bad Belzig?

Ein Messtrupp des örtlichen Katasteramtes zog los, eine erste Voruntersuchung, suchte solch einen Punkt und fand ihn. 200,8! Bewiesen war damit aber noch nichts. Und es fehlte ein aktueller Abgleich mit dem Hagelberg. Der war weit weg, das Vermessungsvorhaben verschwand erst mal in der Versenkung – bis Uschner zwei Jahre später einen Ausflug nach Bad Belzig machte. „Erste Inaugenscheinnahme“, sagt er. Ein weiteres halbes Jahr später, an einem Samstag im März, wurde vermessen. Das Ergebnis: Der Hagelberg maß 200,3 Meter, war also tatsächlich kleiner. Vor der Rückfahrt machte der Trupp noch Beweisfotos vom Ort des Geschehens. Hartmut Adler, ein Mann vom Katasteramt, schreibt in seinen Erinnerungen an diesen Tag: „Das Fotografieren des ‚Gipfels‘ erschien uns besonders wichtig, denn mit einer Lkw-Fuhre Muttererde und einer Packung Grassamen könnte man den Hagelberg problemlos ‚erhöhen‘.“

Sie hatten den Film gesehen mit Hugh Grant

Das erschien als reale Gefahr. Der Kinofilm „Der Engländer, der auf einen Hügel stieg und von einem Berg herunterkam“ war den Elbe-Elster-Ländern noch in bester Erinnerung. Hugh Grant spielte die Hauptrolle, der Inhalt des Films drehte sich um genau eine solche Hügelaufschüttung. Am Sonntag darauf machte sich die Gruppe auf zum Heideberg, zur korrekten und sorgfältigen Höhenmessung. In der Nähe einer Bank fanden sie wieder einen Punkt auf der Brandenburger Seite des Berges, der höher als der Hagelberg war. Diesmal waren es 201,4 Meter. Zwei Wochen später kam das Fernsehen. Das Fernsehen filmte den 201,4-Meter-Punkt und dessen stolze Entdecker, hatte zuvor aber mit dem Direktor des Landesvermessungsamtes gesprochen. Und der ließ ausrichten, der Punkt sei kein Berg. Der Punkt sei eine topografische Erhebung, die höchste des Landes zwar, doch der eigentliche Berg sei immer noch der Heideberg, und dessen Kuppe war in Sachsen.

Empfindliche Niederlagen wie diese können mutlos machen. Uschner aber hatte sich festgebissen, und am Abend fiel ihm der Kutschenberg ein, zehn Kilometer entfernt, der stehe doch seit Jahr und Tag mit 199,7 Metern in den Karten, und man wisse ja, was man von Karten wie diesen, erstellt zu DDR-Zeiten, zu halten habe. Im Zweifel wenig. Könnte es also nicht sein, dass eine neue Messung da etwas Höheres ergeben würde?

Es konnte sein. Sie schauten nach, vermaßen, 201 Meter, gewonnen! Der „Heimatkalender“ schrieb: „Der Hagelberg war entthront! Außerdem hatten wir unserem Land ein weiteres Mittelgebirge ‚geschenkt‘, denn Höhenzüge mit Gipfelpunkten über 200 Meter zählen als solche.“ Es gab Kaffee und Kuchen.

Es gibt eine Skihütte, aber keinen Ausblick

Der Kutschenberg. Auch eine Endmoräne, wieder die Saale-Eiszeit. Mit Kiefern, Birken und jungen Buchen bewachsen, es gab mal eine Sprungschanze, und auf halber Höhe steht eine verlassene Skihütte. Wer ohne Wanderschuhe hinaufsteigt, kommt ins Rutschen, so steil ist es. Wenn der Hagelberg eine Flunder ist, dann ist der Kutschenberg – ein Berg.

Und wissen Sie was?, sagt Uschner. „Wir sprechen hier ja nordosterländisch. Aber direkt hinter dem Berg geht das los, das mit dem ‚nu‘, das Sächsische. Wir sind hier also auch an einer Dialektgrenze. Und außerdem trinkt halb Berlin das Mineralwasser von hier.“

Zur Startseite