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Der Fluch der Ein-Kind-Politik: Chinas Bevölkerung überaltert. Foto: dpa
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Männerüberschuss, Frauenmangel, Vergreisung China propagiert die Drei-Kind-Familie

Die brachiale Durchsetzung der Ein-Kind-Politik vor 40 Jahren zwingt die Volksrepublik zu immer neuen Korrekturen seiner Bevölkerungsplanung. Ein Kommentar.

Dies ist eine Konterrevolution. Aber sie kommt im Gewand einer liberalen Wohltat daher. China erlaubt die Drei-Kinder-Familie. Mehr noch: Das Regime, das den Nachwuchs vor wenigen Jahren mit brachialen Methoden auf ein Kind begrenzt hatte, ermuntert Paare nun dazu, drei Kinder zu haben.

Was die Partei am Montag verkündete, ist die dritte Korrektur einer diktatorischen Bevölkerungspolitik, die unsagbares Leid verursacht und zu unzähligen Tötungen von Föten und Babys geführt hatte. Es wird nicht die letzte bleiben.

Natürlich verbindet das Regime den Kurswechsel nicht mit einer Entschuldigung an die Menschen, die Tragödien erdulden mussten. Es feiert sich als eine Macht, die mehr Freiheit gewährt.  

Das Maßschneidern ist gescheitert

Dabei ist China eher ein Beispiel, das die Grenzen und Abgründe allen Bemühens um eine maßgeschneiderte Gesellschaftssteuerung von oben aufzeigt. 1980 hatte China seinen Bürgern die Ein-Kind-Politik oktroyiert und mit brutaler Macht durchgesetzt.

Es war ein diktatorischer Akt des „Social Engineering“. Die Urheber priesen ihn jedoch als eine vernunftorientierte Antwort auf die Bevölkerungsexplosion an. In China wie in anderen Entwicklungsländern bremste die Geburtenrate damals den Weg aus der Massenarmut. Selbst wenn ein Land ein hohes Wirtschaftswachstum erzielte, half das den Massen wenig, solange die Bevölkerungszahl ähnlich schnell oder gar schneller wuchs. Pro Kopf war dann nicht mehr zu verteilen als zuvor. So ein Land blieb in der Massenarmut gefangen.

Erfolg beim Weg aus der Massenarmut

In China stoppte die Partei das Bevölkerungswachstum. Im Gegensatz zu vielen anderen Entwicklungsländern in Asien und Afrika wuchs der Lebensstandard vieler Menschen über die Jahre beträchtlich. Peking ließ sich für diesen Erfolg feiern.

Doch längst zeigen sich die Schattenseiten dieses angeblich maßgeschneiderten Wegs. Chinas „Social Engineering“ ließ es an Behutsamkeit fehlen und justierte die möglichen Stellschrauben viel zu grob. Das hat dem Land einen Überhang an Alten beschert, der inzwischen das Wirtschaftswachstum begrenzt, die Volksrepublik auf enorme Probleme bei der Altersversorgung zusteuern lässt und die imperialen Träume der Führung zur Illusion machen könnte. 2025 werden bereits deutlich über 20 Prozent der Gesellschaft über 60 sein.

Zu viele Männer finden keine Partnerin

Der Männerüberschuss und der Mangel an heiratswilligen und gebärfähigen Frauen erschwert den Kurswechsel zusätzlich. Auch dies ist eine Folge der Ein-Kind-Politik. Weil ein männlicher Nachkomme der Wunsch vieler Paare war und hohe Strafen drohten, wenn der Staat erfuhr, dass eine Familie ein zweites Kind hatte, wurden weibliche Föten in Massen abgetrieben und weibliche Babys nach der Geburt getötet.

Derzeit liegt der Reproduktionsfaktor in China bei 1,3. Um die Bevölkerungszahl stabil zu halten und eine natürliche Alters- und Geschlechterverteilung zu erreichen, wäre ein Wert von 2,1 erforderlich.

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2013 rang sich die Partei zur ersten offiziellen Korrektur der Ein-Kind-Politik durch. Eltern, die selbst in Ein-Kind-Familien aufgewachsen waren, durften zwei Kinder haben.

2016 folgte der nächste Schritt. Alle Verheirateten dürfen seither zwei Kinder haben. Doch diese Lockerungen genügten nicht, um die verhängnisvolle Kurve der Demographie in die gewünschte Richtung zu wenden.

Verbieten ist leichter als stimulieren

Die Lehre für Diktaturen: Unerwünschtes Bevölkerungswachstum kann man zwar auch nicht lückenlos verhindern, aber durch ein Klima der Angst stark reduzieren. Mehr Kinder lassen sich dagegen nicht von oben dekretieren.

Es braucht starke Anreize – und ab einem gewissen Lebensstandard wirken ideelle Anreize stärker als materielle. Der Staat, das erfahren auch freie Gesellschaften wie die deutsche, ist dann wohl nicht die effektivste Instanz, um den Wunsch nach vielen Kindern zu stimulieren.

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