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Das Lagertor von Auschwitz, aufgenommen 2019. Foto: JANEK SKARZYNSKI/AFP
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Literatur über den Holocaust In Worten überleben

75 Jahre Befreiung von Auschwitz: Was autobiografische Literatur leisten kann, wenn Holocaust-Opfer selbst nicht mehr von ihren Erfahrungen erzählen können.

Der Schriftsteller und Holocaustüberlebende Elie Wiesel sagte einmal, ein Roman über Auschwitz sei entweder kein Roman oder er handele nicht von Auschwitz. Jedes Bemühen, die Welt der Konzentrations- und Vernichtungslager mit literarischen Mitteln zu ergründen, müsse am Gegenstand notwendig scheitern.

Die unvorstellbare Erfahrung der Schoah, so sahen es viele Überlebende, ist in das Symbolsystem der Sprache schlichtweg nicht zu übersetzen. Die Erzählung ist immer ein dürftiges Zerrbild dessen, was wirklich gewesen ist.

Und doch haben sich zahlreiche Autorinnen und Autoren in immer neuen Anläufen darum bemüht, die von ihnen durchlebte Hölle zu beschreiben. Der ungarisch-jüdische Schriftsteller Imre Kertész erklärte sogar, vom größten Verbrechen, das Menschen jemals an Menschen verübt haben, sei nur in Form eines Romans zu berichten. Denn naturgemäß wird die geschichtswissenschaftliche Darstellung, die die Ebene der subjektiven Wahrnehmung ausblendet und sich auf bloße Fakten konzentriert, der „Lebenswelt“ der Opfer noch weniger gerecht.

75 Jahre nach der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz durch die Rote Armee sind nicht mehr viele Zeitzeugen am Leben. Wer kann uns noch vom Zivilisationsbruch erzählen, wenn dessen Zeugen verstummt sein werden – zumal in einer Zeit, in der jüngere Leute immer weniger vom Holocaust wissen?

Wer erzählt uns 75 Jahre nach Auschwitz darüber?

Neben aufgezeichneten Interviews mit Überlebenden kommt literarischen Berichten nun noch stärker die Aufgabe zu, die historiografische und dabei zuweilen abstrakte Vermittlung der Schoah um subjektive Dimensionen zu ergänzen. Dies ist auch die Auffassung des Literaturprofessors Sascha Feuchert, der an der Uni Gießen die „Arbeitsstelle Holocaustliteratur“ leitet. Die bundesweit einzige Einrichtung ihrer Art befasst sich vor allem mit der literaturwissenschaftlichen Untersuchung und didaktischen Aufbereitung von Lagerliteratur.

„Natürlich wird die literarische Überlieferung die Zeitzeugen nicht ersetzen können, sie kann aber womöglich einen Teil der uns wegbrechenden Zeugenschaft kompensieren“, sagt Feuchert. So könnten die zahlreichen Texte, die es gebe, ein empathisches Verhältnis zu den Opfern befördern.

Die Beschreibung von Auschwitz als "schwarzem Loch"

Nicht von ungefähr schrieb der Schriftsteller Wolfgang Herrndorf in seinem autobiografischen Werk „Arbeit und Struktur“, dass man einem anderen Bewusstsein höchstens in der Literatur begegnen könne. Bezogen auf den industrialisierten Massenmord der Nationalsozialisten heißt das: In der anonymen Masse der entmenschlichten Menschen offenbaren sich die Schicksale konkreter Personen.

Imre Kertész brachte die Praxis einer totalen Entmenschlichung und die zielgerichtete Vernichtung von Individualität auf den Begriff der Schicksallosigkeit. Foto: picture alliance / dpa Vergrößern
Imre Kertész brachte die Praxis einer totalen Entmenschlichung und die zielgerichtete Vernichtung von Individualität auf den Begriff der Schicksallosigkeit. © picture alliance / dpa

Diese einzelnen Schicksale sind natürlich hochgradig divers. Der Umgang der Betroffenen mit der grauenvollen Situation, deren Leben nach der Rückkehr in die Gesellschaft sowie die spätere Interpretation des Lebens im Lager und die einem Ort wie Auschwitz als angemessen erachtete Sprache variieren von Zeugnis zu Zeugnis.

Zwar gebe es in der Holocaustliteratur durchaus vergleichbare Motive und wiederkehrende Muster, sagt Feuchert. Die Praxis einer totalen Entmenschlichung und die zielgerichtete Vernichtung von Individualität, die Imre Kertész auf den Begriff der Schicksallosigkeit bringt, werden zum Beispiel immer wieder erörtert.

Die Auschwitzerfahrungen sind sehr verschieden konnotiert

Auch die Beschreibung von Auschwitz als „schwarzem Loch“ und negativem Referenzereignis der menschlichen Zivilisation kommt in den Texten häufiger vor. Zudem begegnet dem Leser bei den meisten Autoren eine Skepsis hinsichtlich des eigenen Versuchs, adäquat über die Konzentrationslager zu sprechen. Nicht zuletzt ist bei vielen Autoren auch eine gewaltige Scham angesichts des eigenen Überlebens zu spüren.

Jeder Holocaust-Überlebende habe "seinen Zufall", sagte Ruth Klüger (hier 2013 in Weimar). Foto: Michael Reichel/dpa Vergrößern
Jeder Holocaust-Überlebende habe "seinen Zufall", sagte Ruth Klüger (hier 2013 in Weimar). © Michael Reichel/dpa

Ruth Klüger etwa betonte, dass „jeder Überlebende seinen Zufall habe“. Jean Améry nannte sich und die anderen Zurückgekehrten „einen Betriebsunfall der Vernichtungsindustrie“. Und Primo Levi erklärte, die Überlebenden seien keinesfalls „die wirklichen Zeugen“, sondern eine „anormale Minderheit“. Wer den tiefsten Punkt des Abgrunds berührte, so Levi, der kehrte auch nicht zurück, um zu berichten, „oder er ist stumm geworden“.

So sind wohl die meisten der autobiografischen Romane, Essays und Berichte über Auschwitz, in den Worten Jean Amérys, „Bewältigungsversuche Überwältigter“. Und doch sind etwa die Auschwitzerfahrungen des italienischen Juden Primo Levi und des von den Nazis zum Juden gemachten Österreichers Jean Améry sehr verschieden konnotiert.

„Die Menschen brachten ihre Biografien mit nach Auschwitz, ihre Professionen, Talente und Weltsichten“, sagt Feuchert. Der passionierte Chemiker Levi nutze etwa seine Kenntnisse vom Aufbau und Wandel der stofflichen Welt, um im Lager nicht zu verhungern. In seinem Buch „Das periodische System“ wird erzählt, wie er Plinsen aus hydrophiler Watte backt, wie er sich zwingt, Glycerin zu schlucken, da es als „Produkt der Fettspaltung, vom Körper verarbeitet werden und Kalorien erzeugen müsste“.

Jean Améry verzweifelte am Menschsein als solchem

Jean Améry, der in seinem Essayband „Jenseits von Schuld und Sühne“ unter anderem die Situation eines Intellektuellen in Auschwitz diskutiert, bemerkt, im Gegensatz zu Levi, dass ihm seine Kenntnisse überhaupt nichts nützen, ja dass sie ihn vielmehr in Gefahr bringen.

Die skeptische Haltung des Geistesmenschen kann in Auschwitz den Tod bedeuten. Während ein orthodoxer Jude oder Kommunist noch die Möglichkeit hat, dem Geschehen zur mentalen Stärkung eine religiöse oder ideologische Bedeutung beizumessen, ist der atheistische und undogmatische Linksintellektuelle Jean Améry im Lager völlig verloren. Die Weltsicht kritischer Vernunft kollabiert, und Améry kann schließlich nicht anders, als am Menschsein als solchem zu verzweifeln.

Für Jean Améry verkam die deutsche Sprache, die ihm vorher Heimat und Denkwerkzeug war, zur bellenden Befehlssprache der Folterer und Mörder. Foto: imago stock&people/Sven Simon Vergrößern
Für Jean Améry verkam die deutsche Sprache, die ihm vorher Heimat und Denkwerkzeug war, zur bellenden Befehlssprache der Folterer und Mörder. © imago stock&people/Sven Simon

Zudem macht der Österreicher Jean Améry, anders als der Italiener Primo Levi, die Erfahrung, aus der eigenen Sprache verstoßen zu werden. Levi erscheint das von der Lager-SS verlautbarte Deutsch ohnehin nur als Wust gefährlicher Laute, deren Bedeutungen verinnerlichen muss, wer vermeiden will, getötet zu werden.

Für Améry hingegen verkommt die deutsche Sprache, die ihm vorher Heimat und Denkwerkzeug war, zur bellenden Befehlssprache der Folterer und Mörder. Die Holocaustüberlebende Hilda Stern Cohen bringt diese Erfahrung auf den Punkt, wenn sie schreibt, ihre Zunge sei an eine Sprache genagelt, die sie verflucht.

Primo Levi "erleichtert und befreit" das Schreiben über Auschwitz

Primo Levi beginnt die Erfahrungen seines Jahres in Auschwitz sofort nach der Rückkehr in die piemontesische Heimat schriftlich festzuhalten. Mit dem nüchtern geschriebenen Bericht „Ist das ein Mensch?“ liefert er ein zutiefst erschütterndes Zeugnis vom Kosmos des Konzentrationslagers und vom zeitweisen Verlust der eigenen Würde und Menschlichkeit.

Während ihm die „Bürde seiner grausigen Erinnerungen“ nach eigener Aussage „zum Reichtum“ wird, das Schreiben ihn „erleichtert und befreit“, kommt Améry im Leben nicht mehr an. Mit „Jenseits von Schuld und Sühne“ legt er 1966 eine an Edmund Husserl, Jean-Paul Sartre und Maurice Merleau-Ponty geschulte „Phänomenologie der Opferexistenz“ vor. Was er beschreibt, ist, wie die Folter in ihn eingedrungen ist, wie er im Moment des Erlebens der Tortur sein Weltvertrauen dauerhaft verliert.

Primo Levi (hier um 1980) begann seine Erfahrungen aus Auschwitz direkt nach seiner Rückkehr niederzuschreiben. Mit Jean Améry geriet er über den Ungeist von Auschwitz sogar in eine Kontroverse Foto: imago images / Leemage Vergrößern
Primo Levi (hier um 1980) begann seine Erfahrungen aus Auschwitz direkt nach seiner Rückkehr niederzuschreiben. Mit Jean Améry geriet er über den Ungeist von Auschwitz sogar in eine Kontroverse © imago images / Leemage

Die ehemaligen Barackengenossen Primo Levi und Jean Améry geraten über den Ungeist von Auschwitz sogar in eine Kontroverse. „Levi hat die Hoffnung, dass seine Erfahrungen für irgendetwas gut sein könnten, dass die Überlebenden mit ihrem Zeugnis dazu beitragen werden, dass Auschwitz sich nicht wiederholt“, sagt Sascha Feuchert. Für Améry hingegen ist den Rückkehrern auf ewig das Signum der Folter in den Leib eingeschrieben. Aus Auschwitz lässt sich kein Sinn generieren. So nimmt sich der als Hans Mayer geborene Jean Améry im Jahr 1978 das Leben – nachdem er seinen Freitod mit „Hand an sich legen“ essayistisch vorweggenommen hatte.

Viel später wird Primo Levi in den Treppenschacht seines Turiner Wohnhauses stürzen. Bis heute ist nicht abschließend geklärt, ob er ebenfalls Hand an sich legte. Vieles deutet darauf hin. „Wenn Levis Tod ein Suizid gewesen ist, könnte man das als Eingeständnis werten, dass Améry letztlich Recht behalten hat“, meint Feuchert.

Der Wunsch, sich der Welt zurückzuerobern

In jedem Fall spreche aus den Werken beider Autoren – genauso wie aus Texten von anderen Zeugen – der Wunsch, sich die Welt zurückzuerobern. Auch wenn das Überleben von Jean Améry, genauso wie das des polnischen Schriftstellers Tadeusz Borowski und vieler anderer, letztlich nur ein Vorläufiges war.

75 Jahre nach Auschwitz, im Zeitalter von Schlussstrichdebatten und Vogelschiss-Zitaten, müssten diese Texte unbedingt gelesen werden – vor allem von Schülern und Studenten, sagt der Literaturdidaktiker Sascha Feuchert. Gerade weil etwa die Lektüre von „Ist das ein Mensch?“ so umfassend und nachhaltig erschütternd sei, gehöre das Buch in den Schulunterricht: „Wer Primo Levi gelesen hat, weiß, dass man Auschwitz für alle Zeit erinnern muss.“

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