Demonstration der AfD und der ausländerfeindlichen Pegida-Bewegung Anfang September in Chemnitz. Foto: Ralf Hirschberger/dpa
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Leipziger Autoritarismus-Studie "Wer rechtsextrem ist, findet seine neue Heimat bei der AfD"

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Jeder dritte Deutsche hat Überfremdungsängste - so die neue Leipziger Autoritarismus-Studie. Die Ausländerfeindlichkeit steigt, vor allem im Osten.

Die Ausländerfeindlichkeit nimmt zu, sechs Prozent der Deutschen haben ein geschlossenes rechtsextremes Weltbild, antisemitische Denkmuster bewegen sich in gefährlichen Größenordnungen - das sind zentrale Ergebnisse der Autoritarismus-Studie der Universität Leipzig, die am Mittwoch in Berlin vorgestellt wurde. Besonders besorgniserregende Resultate liefert die Studie unter dem Titel "Flucht ins Autoritäre" aus Ostdeutschland. Der Wissenschaftler Oliver Decker als einer der Autoren analysierte: Wer rechtsextrem sei, wende sich von den Volksparteien ab "und findet seine neue Heimat bei der AfD".

Beispielsweise stimmen 36 Prozent der Deutschen der Aussage zu, dass Ausländer nur hierherkommen, um den Sozialstaat auszunutzen (Ost: 47,1 Prozent, West: 32,7 Prozent). Über ein Viertel würde Ausländer wieder in ihre Heimat zurückschicken, wenn in Deutschland die Arbeitsplätze knapp werden (Ost 32,4, West: 25). Rund 36 Prozent halten die Bundesrepublik "durch die vielen Ausländer in einem gefährlichen Maß überfremdet" (Ost 44,6, West: 33,3).

Einen höheren Wert zur letzten Frage (56 Prozent) hatte zuletzt die sächsische Landesregierung Ende vergangenen Jahres in ihrem "Sachsen-Monitor" erhoben. Deckers Kollege Elmar Brähler sagte: "Je geringer der Migrantenanteil in einer Region ist, umso mehr fühlen die Menschen sich überfremdet."

"Rechtsextreme Taten werden geleugnet oder relativiert"

Decker sagte, es gebe in Deutschland hohe Zustimmungswerte für Einstellungen, die als "Einstiegsdroge in den Rechtsextremismus gelten". Er kritisierte: "Ob Morde, Angriffe auf Geflüchtete, Andersdenkende oder Migranten - über Jahre reagierten relevante Teile der Öffentlichkeit immer nach demselben Muster: Erst wurden die die rechtsextremen Taten geleugnet oder entpolitisiert, und wenn sich das nicht aufrechterhalten ließ, wurden sie relativiert, wie zuletzt die Hetzjagden in Chemnitz." Der Wissenschaftler bezog sich dabei unter anderem auf Tagesspiegel-Recherchen zu den Todesopfern rechter Gewalt. In Ostdeutschland liegt der Anteil der Menschen mit geschlossenem rechtsextremem Weltbild bei 8,5 Prozent, in Westdeutschland bei 5,4 Prozent.

Decker kritisierte das Phänomen, jede Erwähnung von Rechtsextremismus mit dem Wort "Linksextremismus" zu kontern, "ein Echo, das mittlerweile so erwartbar wie irrational ist", wie er sagte. Die Linke sei nicht einfach eine gespiegelte Rechte, weder in ihren politischen Zielen, noch in ihrer Ideologie und auch nicht im Ausmaß der Gewalt, ganz besonders der Gewalt gegen Menschen.

Intensiv nimmt die Studie die rechtsradikalen Netzwerke auseinander, die sich in Deutschland verfestigt haben. Sie nennt die neonazistische "Freie Kameradschaft Dresden" als Beispiel dafür, dass sich die ausländerfeindliche Pegida-Bewegung "als Gelegenheitsstruktur für rechtsmotivierte Gewalttäter eignet". Laut der Studie gibt es unter den Pegida-Anhängern eine starke Ausprägung rechtsextremer Einstellung.

"Extrem rechte Rhetorik kommt bei AfD-Wählern an"

Zur AfD heißt es: "Obwohl die AfD auch ihre Wählerbasis im konservativen politischen Milieu bedienen möchte, weisen die politischen Einstellungen der Wählerschaft stärker darauf hin, dass es die extrem rechte Rhetorik ist, die ankommt." Der Erhebung zufolge sind 76,3 Prozent der AfD-Wähler unzufrieden mit dem Funktionieren der Demokratie in der Bundesrepublik, 59,8 Prozent der Nichtwähler und 50,9 Prozent der Linkspartei-Wähler. Auf die anderen Bundestagsparteien entfallen Werte zwischen 27,2 und 34,2 Prozent.

55,6 Prozent der AfD-Wähler und 26,6 Prozent der Nichtwähler gelten der Studie zufolge als ausländerfeindlich, bei den anderen Bundestagsparteien sind es zwischen elf und 22,8 Prozent. Rechtsextreme wählen - wenn sie überhaupt zur Wahl gehen - zu 33,7 Prozent die AfD, zu 18,8 Prozent CDU oder CSU, zu 9,9 Prozent die SPD, zu 6,9 Prozent die Linkspartei, zu fünf Prozent die FDP, zu vier Prozent die NPD und zu einem Prozent die Grünen. 22,4 Prozent planen, nicht zur Wahl zu gehen oder ihre Wahlteilnahme ist unsicher.

Kundgebung "Steh auf! Nie wieder Judenhass!" im September 2014 in Berlin. Foto: Maja Hitij/dpa
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Der Studie zufolge hat die Mehrheit der Deutschen autoritäre Einstellungen - und ist deshalb auch offen für die Abwertung anderer. Zwar ist der Antisemitismus bundesweit leicht rückläufig. Doch findet noch jeder Zehnte, dass "Juden etwas Besonderes an sich haben und nicht so recht zu uns passen". Die Aggression gegen Sinti und Roma, Asylbewerber und Muslime habe kontinuierlich zugenommen, sagte Decker. Besonders die Abwertung von Muslimen sei "erschreckend hoch".

Jeder Dritte mit Verschwörungsmentalität

Rund 40 Prozent der Deutschen zeigten Merkmale eines autoritären Typus, nur 30 Prozent seien dagegen ausdrücklich demokratisch orientiert. Autoritäre Aggressionen seien bei 65 Prozent der Deutschen tiefgreifend ausgeprägt. Jeder dritte Deutsche meint latent oder manifest: "Was Deutschland jetzt braucht, ist eine einzige starke Partei, die die Volksgemeinschaft insgesamt verkörpert." Und gut 30 Prozent sagen: "Politiker und andere Führungspersönlichkeiten sind nur Marionetten der dahinterstehenden Mächte."

Oliver Decker. Foto: Swen Reichhold/Universität Leipzig
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Decker und Brähler haben mit ihrem Team im Frühjahr bundesweit gut 2400 Menschen befragt, knapp 500 von ihnen aus den neuen Ländern. Seit 2002 beobachten sie die Entwicklung autoritärer und rechtsextremer Einstellungen in Deutschland, die aktuelle Studie wurde in Zusammenarbeit mit der Heinrich-Böll-Stiftung und der Otto-Brenner-Stiftung erstellt. Die Wissenschaftler betonen: "Wir erfassen nicht, was die Menschen denken, sondern nur, was sie offenbaren." Bekannt wurde die Studienreihe unter dem Titel "Mitte-Studie der Universität Leipzig". Der Titel "Mitte-Studie" bleibt künftig den Erhebungen der Friedrich-Ebert-Stiftung vorbehalten.

Die vollständige Studie im Netz finden Sie hier.

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