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Deutschland wurde 20 Jahre lang auch am Hindukusch verteidigt: Bundeswehr-Soldaten im Befehlsstand bei Masar-i-Scharif. Foto: Maurizio Gambarini/dpa
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Lehren aus Afghanistan Das würde man so nicht nochmal machen

Christoph von Marschall

20 Jahre Auslandseinsatz? So wie nach 9/11 würde der Westen heute nicht mehr reagieren. Weltlage und Terrorabwehr haben sich gewandelt. Ein Kommentar.

Misserfolge darf man nicht einfach abhaken und vergessen. Man kann aus ihnen lernen, was man beim nächsten Mal anders macht. Und hoffentlich besser. Wie sieht die internationale Terrorabwehr der Zukunft aus? Das muss im Zentrum stehen, wenn Deutschland Bilanz nach 20 Jahren Bundeswehreinsatz in Afghanistan zieht.
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Ein Terrorangriff neuer Dimension war der Auslöser, der deutsche Soldaten zusammen mit Nato-Verbündeten an den Hindukusch brachte. Al Qaida hatte die Twin Towers des World Trade Centers in New York mit gekaperten Passagierflugzeugen zum Einsturz gebracht. Die Drahtzieher unter Osama bin Laden operierten aus Afghanistan heraus, geschützt von den dort regierenden Taliban.

Im Rückblick wirkt vieles fragwürdig, was damals selbstverständlich erschien. Gerhard Schröder, Kanzler einer rot-grünen Koalition, versprach dem später verpönten George W. Bush „uneingeschränkte Solidarität“, die Nato erklärte erstmals in ihrer Geschichte den Bündnisfall.

Angesichts der noch wochenlang glühenden und rauchenden Trümmer im riesigen Gebäudekrater in Manhattan herrschte eine Mischung aus Entsetzen, Mitgefühl mit den Opfern, dem Wunsch, die Täter zur Rechenschaft zu ziehen, und Angst vor den nächsten Anschlägen. Die Terroristen jagen und ihnen die Rückzugsräume nehmen: Das galt damals als bestes Konzept, die eigenen Bürger zu schützen.

Damals traute sich der Westen noch Weltverbesserung zu

Es blieb nicht beim Militärischen. 2001, ein gutes Jahrzehnt nach dem Triumph des demokratischen Modells über den Kommunismus, traute sich der Westen noch eine fast missionarische Weltverbesserung zu. Mit den ausländischen Truppen würde ihr Gesellschaftsmodell einziehen: gleiche Bildungschancen für Mädchen, Modernisierung der Wirtschaft statt Opiumanbau. Die Militärs hatten schon damals vor dieser zivilisatorischen Überdehnung ihres Auftrags gewarnt. Ihr Metier ist Sicherheit.

Konfrontation mit einer Kultur ohne demokratische Erfahrung: Militärabzeichen der deutschen Soldaten im Afghanistan-Einsatzes. Foto: Peter Kneffel/dpa Vergrößern
Konfrontation mit einer Kultur ohne demokratische Erfahrung: Militärabzeichen der deutschen Soldaten im Afghanistan-Einsatzes. © Peter Kneffel/dpa

Überzogener Ehrgeiz als Ursache des Scheiterns: Die Einsicht zieht sich wie ein roter Faden durch deutsche und internationale Afghanistan-Bilanzen. Die Erfahrungen im Irak weisen in die gleiche Richtung. Die Realität hat viele Glaubenssätze von damals korrigiert.

Die Nato gab als Motto aus: „Out of area or out of business“. Inzwischen hat sie sich auf Sicherheit in Europa als Kernaufgabe besonnen, auch wegen Putins Auftreten. Einsätze außerhalb des Bündnisgebiets werden nicht zur neuen Regel, wie man damals dachte. Sie bleiben eher die Ausnahmen.

Terroristenjagd per Satellit, Cyber, Drohnen

Die Weltlage hat sich seit 2001 dramatisch verändert. Der Westen ist nicht mehr so dominant wie im „unipolaren Moment“ nach 1989. Die Ressourcen werden zuhause gebraucht, um den schrumpfenden Vorsprung vor autoritären Herausforderern wie China zu verteidigen.

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Zugleich hat der technische Fortschritt die Optionen der Terrorabwehr erweitert. Man muss nicht ganze Länder besetzen, um Terroristen zu verfolgen. Aufklärung mit Cyberangriffen, Satelliten und Drohnen geben Geheimdiensten und Militär neue Möglichkeiten. Spezialeinheiten spürten Osama bin Laden 2011 in seinem Versteck in Pakistan auf.

In Syrien, der Sahelzone und Mali wurden islamistische Terrormilizen ohne massiven Einsatz westlicher Bodentruppen zurückgedrängt. Barack Obama scheute zurecht vor einer Intervention in Syrien zurück. Deutschland sowieso.

Die neue Bescheidenheit hat auch ihren Preis

Der islamische Staat wurde in einer informellen Koalition mit Russland und den Kurden besiegt – freilich um den Preis, dass Diktator Assad mit Putins Hilfe an der Macht blieb. Im Sahel und in Mali sind die Einsätze unter De-facto-Führung der Franzosen auf Terrorabwehr begrenzt, Demokratie und Rechtsstaat sind keine erklärten Ziele.

Die neue Bescheidenheit ist ein beruhigender Ausdruck von Realismus. Demokratieexport per Krieg und Sieg hat nach 1945 in Deutschland und Japan funktioniert, ist aber kein Modell für Failed States und Diktaturen im Mittleren Osten oder Afrika. Beim Schutz der eigenen Bevölkerung vor Terror wird der militärische Fußabdruck kleiner.

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