Warnung vor Gake News. Im vietnamesischen Hanoi ist die Infodemie innerhalb der Pandemie schon im öffentlichen Raum angekommen. Foto: Kham/REUTERS
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Lebensgefährliche Falschinformation Die Infodemie ist ausgebrochen

Max Tholl

Facebook und andere soziale Medien verschlimmern die Coronakrise durch Fake News. Wie kann man sie zur Verantwortung ziehen?

Knoblauchwasser gegen Corona trinken, oder doch besser Bleichmittel? In den sozialen Medien kursieren seit Beginn der Pandemie nicht nur haarsträubende, sondern auch höchstgefährliche Falschinformationen und wilde Verschwörungstheorien zum Virus. Längst warnt die Weltgesundheitsorganisation vor der „Infodemie“, einer Flut von Fehlinformationen, die die Pandemie begleitet.

Die sozialen Medien, über die sich die Desinformationskampagnen verbreiten, stehen nun in einer überfälligen Handlungspflicht mit weitreichenden Konsequenzen. Denn die „Infodemie“ grassierte schon lange vor Corona und wird die Pandemie ohne striktes Durchgreifen auch problemlos überdauern.

Social-Media-Gigant Facebook ist sich seiner Verantwortung in dieser Krise bewusst. Schon im März kündigte das Unternehmen im Schulterschluss mit anderen Plattformen wie Twitter, Google oder Youtube an, die Verbreitung von Corona-Falschinformationen zu bekämpfen und ließ den Worten Taten folgen.

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Ein digitales Corona-Informationszentrum soll mit Fakten Desinformation entgegenwirken, die Zusammenarbeit mit unabhängigen Faktenprüfern wurde verstärkt, und Fehlinformationen werden gelöscht, falls sie gesundheitliche Schäden verursachen können, andernfalls als falsch markiert.

Vor zwei Wochen entschied sich das Unternehmen ebenfalls dazu, Nutzer rückwirkend zu benachrichtigen, falls diese auf Fake News mit einem Kommentar oder Like reagiert haben.

22 Tage bis zum ersten Handeln

Eine Untersuchung des einflussreichen Kampagnen-Netzwerk Avaaz, das 100 Corona-Falschmeldungen auf Facebook zwischen Mitte Januar und April analysierte, ergab, dass die Beiträge über 117 Millionen mal gesehen wurden und es bis zu 22 Tage dauerte, bis Facebook handelte.

Bei 41 Prozent der Beiträge wurde die Plattform gar nicht erst aktiv. Mit der rückwirkenden Kennzeichnung der Falschmeldungen hofft Facebook nun, deren Einfluss zu unterbinden. Lobenswerte Schritte, doch sie hätten längst implementiert gehört. Denn nicht nur in Corona-Zeiten ist gezielte Desinformation eine große gesellschaftliche Gefahr. Doch Facebook will die neuen Maßnahmen vorerst nur auf die Pandemie beschränken.

Spätestens seit den Wahlerfolgen von Donald Trump und dem Brexit-Lager, sieht sich Facebook immer wieder mit dem Vorwurf konfrontiert, Desinformation nicht nur zuzulassen, sondern aus ihr Profit zu schlagen. Schließlich sträubt sich das Unternehmen beispielsweise, politische Werbung zu überprüfen, selbst wenn diese nachweislich Lügen enthält.

Boost first, moderate later

Facebook-Chef Mark Zuckerberg begründet die Entscheidung als Verteidigung der Meinungsfreiheit. Doch die erwirtschafteten Gewinne dürften eine ebenso wichtige Rolle spielen. Die Datenanalystin Nathalie Maréchal erklärte jüngst im Interview mit dem amerikanischen Techportal „The Verge“, dass Facebooks gesamte Strategie darauf fußt, Werbekunden den größtmöglichen Einfluss zu geben – egal welche Absichten diese haben. Und selbst bei der Zensur und Eingrenzung von Desinformation würde das Unternehmen der Maxime „boost first, moderate later“ folgen.

Verschwörungstheorien, gezielte Desinformation und hetzerische Kommentare sind keine Seltenheit mehr und münden immer wieder in reale Diskriminierung, Gewalt und sogar Mord. Die Dringlichkeit mit der Facebook nun in der Coronakrise agiert, muss zur Zäsur für die zukünftige Ausrichtung des Unternehmens werden. Hetze und Desinformation dürfen nicht nur im Kontext des Virus eine absolute Priorität sein. Auch sie sind höchstansteckend. Auch sie gefährden Menschenleben.

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