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Lars Klingbeil. Foto: Michael Kappeler/dpa
© Michael Kappeler/dpa

Lars Klingbeil und Saskia Esken Die SPD setzt harmoniebedürftig auf Versöhner

Man könnte sagen: Wenn zwei sich einigen, freut sich der dritte - nämlich Olaf Scholz. Warum für ihn die neue Parteispitze eine gute Sache ist. Ein Kommentar.

Auf den ersten Blick ist es ein ungleiches Duo, das demnächst die größte der drei Regierungsparteien führen soll. Hier Saskia Esken, die Linke, die vor zwei Jahren aus der zweiten Reihe der Fraktion zu aller Überraschung nach vorne trat und dem sogenannten Establishment der Partei einen solchen Schock versetzte, dass sich im Wahlkampf hartnäckig das Gerücht hielt, Esken werde „versteckt“.

Dort Lars Klingbeil, Manager von ebendiesem Wahlkampf, loyaler Generalsekretär unter gleich mehreren Vorsitzenden, eher konservativ, beziehungsweise pragmatisch. Auf dem Video, mit dem er seine Bewerbung für den Parteivorsitz in einer Doppelspitze mit Esken verkündet, ist er allein zu sehen.

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Und dennoch: Was die beiden eint, ist ihre Fähigkeit, Gegensätze auszuhalten, wenn nicht sogar miteinander zu versöhnen – eine Eigenschaft, die die SPD jetzt umso dringender braucht, wo es darum geht, den knappen Sieg bei der letzten Bundestagswahl auf dem Weg zur nächsten auszubauen.

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Bei Klingbeil liegt das Versöhnliche schon im Auftritt. Ein freundlicher Mensch, kein breitbeiniger Basta-Politiker, eher der Typ „Was denkt ihr dazu?“. Die alten Machtrituale seien „nicht mehr zeitgemäß“, erklärte er kürzlich, Führen sei auch ohne Angst möglich.

Mit Olaf Scholz versteht er sich ebenso wie mit Kevin Kühnert oder den Führungsspitzen der künftigen Koalitionspartner. Lars Klingbeil kommt aus der Generation von Annalena Baerbock und Christian Lindner, das passt.

Esken hat ihre Verdienste

Und Esken? Über ihr unkonventionelles Auftreten und ihren Kommunikationsstil ist viel gelästert worden. Dennoch hat sie in ihrer nur zweijährigen Amtszeit einige Entscheidungen (mit-)getroffen, für die ihr selbst parteiinterne Gegner einigen Respekt zollen. Anders als es nach ihrer Wahl zur Co-Vorsitzenden von nicht wenigen Skeptikern erwartet worden war, hat Esken die SPD nicht aus der großen Koalition herausgesprengt.

Sie hat den in der Partei damals nicht übermäßig beliebten Olaf Scholz zum Kanzlerkandidaten gemacht und es im Verbund mit Norbert Walter-Borjans und Kevin Kühnert geschafft, die Parteilinke bei dieser Entscheidung mitzunehmen. Esken hat da ihre Verdienste.

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Die SPD hat die Wahl auch deshalb gewonnen, weil sie so geschlossen aufgetreten ist wie lange nicht. Den Stil müssen die künftigen Vorsitzenden beibehalten, wenn sie die Partei dauerhaft zusammen und regierungsfähig halten wollen.

Ein Duo mit Klingbeil hat da deutlich mehr Potenzial als es etwa ein Olaf Scholz gehabt hätte. Der Kanzler in spe tut gut daran, seine Politik parteiintern von denen erklären zu lassen, denen die Parteimitglieder abkaufen, dass sie im Team spielen, nicht jeder für sich.

Und nicht nur das. Esken, das wird gern vergessen, ist ja nicht bloß eine Linke, sondern auch Fachfrau mit Ahnung von Digitalpolitik; ein Thema, das in der kommenden Legislaturperiode wichtig werden sollte. Schon in der vergangenen hat sie bewiesen, was ihr wichtig ist: etwa digitale Bildung, die mehr beinhaltet, als Kinder vor ein Tablet zu setzen.

Beide sind Experten für Digitales

Gemeinsam mit Kanzlerin Angela Merkel hatte Esken diverse Akteure aus dem Bereich zu Gipfeltreffen im Kanzleramt geladen. Das beweist ihre Teamfähigkeit, vor allem aber einen Stil, der an der Sache orientiert ist. Auch Klingbeil, Gründungsmitglied des netzpolitischen Vereins D64, hat ein Faible fürs Digitale und war netzpolitischer Sprecher seiner Fraktion. Von der neuen Spitze sind also auch inhaltliche Impulse zu erwarten.

Bleibt am Ende die Frage, wem das Duo mehr nützt: dem SPD-Kanzler Scholz, der Kompromisse mit FDP und Grünen vertreten muss, oder dem SPD-Abgeordneten Kühnert, der die Interessen der Linken wahren will. Darüber entscheiden auch Saskia Esken und Lars Klingbeil in ihren aktuellen Rollen. Dass die beiden sich schon kennen und in der Zusammenarbeit erfahren sind – zum Schaden der SPD ist das sicher nicht.

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