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An Freiwilligen mangelt es nicht - hier bei Kiew, aber an schweren Waffen. Foto: IMAGO
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Lage der Ukrainer wird schwieriger Der Westen muss jetzt klären, was genau ein Sieg wäre

Stephan-Andreas Casdorff

Eine Definitionsfrage wird zum Prüfstein: Soll es schon reichen, wenn Russland am Donbass stoppt? Das wäre ein schaler Sieg. Ein Kommentar.

Nun wird also über zwei Tage hinweg darüber geredet, wie ein Wiederaufbau der Ukraine gelingen kann. Wiederaufbau nach Art eines Marshallplans; so hieß der Plan, der unter den europäischen Staaten nicht zuletzt Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg half, aus den Trümmern aufzuerstehen. Auf heutige Zeiten umgerechnet wurden damals, 1948 bis 1952, gut 140 Milliarden Dollar gegeben.

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Bei der Konferenz jetzt im schweizerischen Lugano wird den Teilnehmenden klar sein, dass es um einen noch längeren Zeitraum und noch erheblich mehr Geld gehen wird: Hunderte Milliarden stehen im Raum, für Verheerungen in der Ukraine. Die Regierung in Kiew sagt, dass sie 720 Milliarden Euro zum Wiederaufbau braucht.

Verheert auch deshalb, weil das Kriegsgeschehen sich gerade wandelt. Die russische Armee hat sich neu orientiert, neu gestaffelt, und das ist keine gute Nachricht.

Denn ihrer Führung, zumal der im Kreml, an der Spitze Wladimir Putin, ist es egal, ob 30.000 oder schon 50.000 Soldaten gefallen sind. Wenn nur am Ende ihr Sieg steht. Hier verbindet sich Nihilismus mit Imperialismus zu diesem Gift: dem der Menschenverachtung.

Für die Ukraine wird es immer schwieriger. Die Menschen dort geben alles, sogar ihr Leben, und das freiwillig, weil sie sich an ihrem Land festkrallen und an ihrer Würde festhalten. Anrührend ist das, und bewundernswert.

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Positive Meldungen sind der Situation geschuldet, um die Moral hochzuhalten. Aber die Kräfte schwinden, die Verluste nehmen zu, in jedem Fall die Berichte darüber. Das Material reicht nicht mehr. Die Tragik nimmt augenscheinlich ihren Lauf. Der Donbass wirkt verloren, zumal die Russen alles daransetzen, ihn zu gewinnen. Mindestens das.

Durchhalten erfordert da mehr als Moral. Daher kommt die wiederholte Frage nach Waffen und Militärgerät; die Ukraine lässt nicht locker. Denn sie braucht viel, eigentlich alles, von Handgranaten und Zündern bis hin zu Panzern, denen für den Kampf. Panzerhaubitzen können ein Gefecht entscheiden, nicht den Krieg. Das können alle sehen, auch wissen. Die Briten teilen dazu ihre sehr gute „Intelligence“.

In einer Hinsicht hat die Ukraine sicher gewonnen

Vor dem Hintergrund stellt sich die Frage nach der Moral bald täglich neu in den Staaten, die sagen, dass sie der Ukraine helfen wollen. Wenn sie das wirklich wollen, wird es höchste Zeit, sich Rechenschaft abzulegen über das bisher Erzielte; sich klar zu machen, was am Ende erreicht sein soll: dass die Ukraine entweder nicht verloren oder dass sie gewonnen hat. Das fordert sogar die grüne deutsche Außenministerin: Die Ukraine soll gewinnen. Eine Definitionsfrage wird zum Prüfstein der Ernsthaftigkeit.

In einer Hinsicht hat die Ukraine sicher gewonnen: an Achtung bei denen, die sich mit ihr verbündet haben. Der ihr winkende EU-Beitritt ist ein Zeichen dafür. Aber das ist ja nicht gemeint. Oder doch? Militärisch erforderte ein Sieg ganz anderes. Oder soll es schon einer sein, wenn die Russen am Donbass stoppen? Das wäre ein schaler Sieg.

Die Staaten, voran Deutschland als europäische Orientierungsmacht, stehen am Scheideweg. Gewinnen oder nicht verlieren – was jetzt? Die Antwort bestimmt das Handeln. Dann ist klar, auch der Ukraine, ob alles Nötige geliefert wird, und ob der Westen bereit steht, letzten Endes sich selbst einzubringen. Um nicht weniger geht es in diesen Tagen. Der Wiederaufbau kommt danach, und er wird sich über Jahrzehnte hinziehen.

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