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Mehmet Gülers abstraktes Ölgemälde „Genuss der Hitze“ ist seit 2019 Teil der Kunstsammlung des Bundestages. Mehmet Güler
© Mehmet Güler

Kunstsammlungen von Bundestag und Regierung Wie politisch ist ein Gemälde?

Im Kulturbetrieb wird immer hitziger über Politik diskutiert. Die Kunstsammlungen von Bundestag und Bundesregierung werden über Parteigrenzen hinweg geschätzt.

Kunst muss nicht politisch sein. Das betonen Mitglieder des Kunstbeirats immer wieder. Dabei geht es um Werke an einem der wichtigsten politischen Orte der Republik, dem Bundestag. Und doch: Selbst wenn sich ein Künstler wie der Leipziger Axel Krause AfD-nah positioniert, hängt sein Gemälde „Das Puppenhaus“ im Büro des FDP-Abgeordneten Hartmut Ebbing. Und die Grüne Claudia Roth kann sich für Werke katholischer Ordensbrüder begeistern, wenn sie ästhetisch überzeugen.

Dass sich Abgeordnete aller Fraktionen überhaupt mit diesen Fragen befassen, liegt daran, dass sie entscheiden, welche Werke in die Sammlung des Parlaments aufgenommen werden. 175.000 Euro hat der Kunstbeirat jedes Jahr für Ankäufe der sogenannten Artothek zur Verfügung.

Die Geschmäcker sind natürlich verschieden, aber sie verlaufen nicht immer entlang ideologischer Grenzen. Besonders freute sich Roth zuletzt über die Anschaffung eines „gigantisch tollen“ Ölbilds von Mehmet Güler. Der für die CDU im Kunstbeirat sitzende Abgeordnete Rüdiger Kruse nennt Tapisserien von Stephan Schenk als seine Favoriten.

Sie zeigen Nahaufnahmen ehemaliger Kriegsschauplätze, Gras in Verdun, Wellen des Skagerrak. Simone Barrientos von der Linkspartei mag die Frauenporträts des Zeichners Simon Schwartz. Und Marc Jongen von der AfD gefallen Moritz Götzes Emaille-Tableaus, die sich mit dem Parlamentarismus auseinandersetzen.

Zierde der Abgeordnetenbüros

Die Geschichte der Artothek beginnt 1968. Damals wurde der „Lange Eugen“ fertig, das Hochhaus mit Abgeordnetenbüros in Bonn. Für die Arbeitsräume sollten die Parlamentarier*innen zeitgenössische Kunstwerke ausleihen können. Seit 1976 wird die Sammlung jährlich erweitert. Zusätzlich zu dem Budget für Ankäufe fertiger Werke gibt es nochmal 100.000 Euro für Auftragsarbeiten.

Den Vorsitz im Kunstbeirat hat der Parlamentspräsident, Wolfgang Schäuble, CDU. Für die großen Fraktionen gehören je zwei Abgeordnete dem Beirat an, bei den vier kleineren nur eine. Mit Schäuble und den beiden Abgeordneten Kruse und Brandl hat der Beirat eine christdemokratische Mehrheit. Am Ende müssen sich mindestens fünf der neun Mitglieder überzeugen lassen, damit ein Werk gekauft wird.

So polarisiert die Zeiten sein mögen: Wenn es um Kunst geht, scheint die überparteiliche Einigung zu funktionieren. „Die Sitzungen sind total harmonisch“, sagt FDP-Vertreter Hartmut Ebbing aus Berlin. „Weitgehend frei von parteipolitischen Auseinandersetzungen“ seien sie, schreibt der AfD-Politiker Jongen. Die Linke Simone Barrientos formuliert als Standards: „Keine revisionistischen, rassistischen, homophoben, frauenfeindlichen, antisemitischen, antiziganistischen und sonst reaktionären Inhalte.“ Das, so fügt sie hinzu, verstehe sich wohl von selbst.

Konfrontation mit der Geschichte

Auch Claudia Roth ist gern Mitglied des Kunstbeirats. Die stellvertretende Parlamentspräsidentin zeigt die Sammlung oft ausländischen Delegationen. „Die sind schwer beeindruckt, wenn sie die vielfältige Kunst im Bundestag sehen.“ Ganz unpolitisch ist die Sammlung für Roth nicht. „Die Kunst ist eine permanente Konfrontation mit der Geschichte. Sie soll Politik kritisch hinterfragen.“ Gerade in einem Gebäude mit so bewegter Vergangenheit wie dem Reichstag sei das wichtig.

Nicht immer bleibt es so harmonisch, wenn es um Kunst im Politikbetrieb geht. Erst vergangenen Sommer ließ Bundeskanzlerin Angela Merkel, CDU, nur widerwillig zwei Gemälde des Expressionisten Emil Nolde aus ihrem Büro entfernen, die von der Stadt Berlin an Sie ausgeliehen wurden – Nolde war von neuerer Forschung als Antisemit und Hitler-Verehrer erkannt worden. Richtig Furore machte Kunst im Bundestag im Jahr 2000 mit einer Grünanlage: Der Künstler Hans Haacke installierte im nördlichen Lichthof des Reichstags den Schriftzug „Der Bevölkerung“.

Die Abgeordneten waren aufgerufen, Erde aus ihren Wahlkreisen drumherum zu streuen. Heute wachsen dort Pflanzen. Haacke wollte eine kritische Auseinandersetzung mit der Widmung über dem Reichstagsportal, wollte hinterfragen, ob das „Volk“ einen völkisch-nationalen Anklang hat. So heftig war der Streit, dass der Kauf im Parlament verhandelt wurde. In namentlicher Abstimmung kam das Werk nur mit knapper Mehrheit durch. Es sei ein „Dreckshaufen“ fand Werner Schuster, SPD, „Biokitsch“ nannte es die Grüne Antje Vollmer.

Die Quotenfrage

Wenn der Beirat neue Werke auswählt, ist das ganze Verfahren auf Überparteilichkeit ausgelegt. Vorschläge werden anonymisiert präsentiert. Niemand weiß also, ob ein Werk von dieser oder jener Partei vorgeschlagen wurde. Es fällt allerdings auf, dass in der Sammlung deutlich mehr Werke von Männern als von Frauen vertreten sind. Ob man da eine Quote brauche?

Claudia Roth sagt, die lasse sich mit den derzeitigen Mehrheitsverhältnissen nicht durchsetzen, „aber wir achten darauf“. Ähnlich sieht es Simone Barrientos. „Ihre Frage veranlasst mich, bei den nächsten Ankaufssitzungen noch mal genau zu schauen, wie das Geschlechterverhältnis ist“, schreibt sie. CDU, AfD und FDP sprechen sich gegen eine Quote aus. Thomas Oppermann, für die SPD im Beirat, positioniert sich nicht zu der Frage.

Neben dem Bundestag hat auch die Bundesregierung eine Kunstsammlung – mit einem Budget von drei Millionen Euro. Dieses Jahr wurde deutlich aufgestockt, ungefähr auf das Sechsfache.

Die Regierung will damit Kunstschaffenden durch die Pandemie helfen. Das Geld soll für etwa 150 Werke reichen, „im Regelfall“ sollen die jeweils nicht mehr als 20 000 Euro kosten. Die Auswahl trifft eine vierköpfige Kommission, darunter Anna-Catharina Gebbers, die auch für den Hamburger Bahnhof in Berlin arbeitet. Hier reden Politiker also höchstens im Hintergrund mit.

Auch eine Fachkommission kann nicht jede Entwicklung des Kunstmarkts vorhersehen. Von Anselm Kiefer etwa sind gar keine Werke in der Sammlung. Dessen Bilder werden inzwischen für Hunderttausende Euro verkauft. Selbst die Bundesregierung mit ihren Millionen kann solche Fehlstellen heute kaum mehr schließen.

Zum Marktwert ihrer Sammlungen machen übrigens weder Bundestag noch -regierung aktuelle Angaben. Man wolle die Werke nicht verkaufen, heißt es aus dem Büro der Kulturbeauftragten Monika Grütters. Es gehe schließlich nicht um Geldanlagen, sondern um Kulturpolitik.

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