Die Erschaffung Adams von Michelangelo reloaded. Foto: Linda Bucklin
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Künstliche Intelligenz Wir sind hier die einzigen Menschen!
Julian Nida-Rümelin Nathalie Weidenfeld
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Wer seinem PC gram ist, hat ein Rationalitätsproblem

Wer seinem PC gram ist, weil er sich beim Hochfahren als ungehorsam erwies, hat ein Rationalitäts- und Realitätsproblem. Er schreibt seinem Computer Eigenschaften zu, die dieser nicht hat. Nur im philosophischen Oberseminar oder in manchen Feuilletons und KI-Zirkeln kann die Ununterscheidbarkeit von Mensch und Maschine behauptet werden. Außerhalb wirkt diese Behauptung grotesk, da sie mit der tatsächlichen Praxis derjenigen, die diese aufstellen, unvereinbar ist. Natürlich schalten wir unsere Computer ab, wenn wir sie nicht mehr brauchen. Der Computer ist kein Gegenüber, sondern ein Werkzeug, weit komplexer zwar als eine Schaufel, aber eben doch nur eine physikalisch beschreibbare Apparatur ohne Wünsche und Überzeugungen. In diesem Sinne sollten wir nicht danach trachten, Roboter möglichst menschenähnlich zu gestalten.

In einer der emotionalsten Szenen des Films sehen wir, wie ausrangierte Roboter in eine Art Zirkusarena gebracht werden, wo sie unter den Augen einer grölenden Menge wahllos entweder in eine Kanone gesteckt und in die Luft geschossen oder mit heißem Öl übergossen werden, sodass am Ende nur noch einzelne Metallteile von ihnen übrig bleiben. Doch die Roboter wollen nicht sterben. „Aber ich funktioniere noch einwandfrei“, protestiert einer verzweifelt, während er in die Arena abgeführt wird. Die betrunkene Menge hat allerdings kein Mitleid. Nur weil Roboter Maschinen sind, so lautet die Botschaft des Films, bedeutet das nicht, dass sie weniger wert sind als Menschen: Sie besitzen die gleiche Würde.

Es ist in der Philosophie durchaus umstritten, was die Würde des Menschen eigentlich ausmacht. Manche meinen, dass es die besondere Sensibilität und Leidensfähigkeit ist, die eine gleichermaßen besondere Rücksichtnahme verlangt. Andere glauben, dass Menschen von Natur aus – oder von Gott – (Grund-)Rechte hätten, die unveräußerlich sind und die besondere Würde von Menschen ausmachen. Diejenigen, die in der Tradition Immanuel Kants stehen, machen die Würde an der Autonomie, präziser: an der Fähigkeit zur Autonomie fest, die Menschen eigen ist. Demnach ist es die menschliche Fähigkeit, Gründe abzuwägen, die Menschen zu autonomen Akteuren macht und ihnen den besonderen Status als Wesen verleiht, die eine Würde haben.

Der israelische Philosoph Avishai Margalit hat in seinem Buch „Politik der Würde“ (1999) die menschliche Selbstachtung ins Zentrum gestellt: Wir dürfen niemanden so behandeln, dass er Grund hat, sich in seiner Selbstachtung (existenziell) beschädigt zu sehen. Es geht nicht lediglich um das Gefühl einer Beschädigung der Selbstachtung, sondern darum, dass man niemandem einen Grund geben darf, sich in seiner Selbstachtung beschädigt zu fühlen. Künstliche Intelligenzen haben jedoch keine Selbstachtung, keine Gefühle, die wir verletzen können. Sie sind in ihrer personalen Identität nicht gefährdet, und sie haben nicht die Fähigkeit, ihre Lebenssituation zu überdenken. Die Voraussetzungen, ihnen Würde zuzuschreiben, sind nicht gegeben.

Da Menschenwürde und Menschenrechte so zentral sind für unser Selbstverständnis, aber auch für die rechtliche und politische Ordnung, in der wir leben, sollten wir darauf achten, dass dieser Kern eines humanen Ethos nicht durch Überdehnung gefährdet wird. Die Bevölkerung der Welt mit Künstlichen Intelligenzen, denen wir vergleichbare Fähigkeiten und Eigenschaften zuerkennen wie menschlichen Individuen, würde zwangsläufig zu einer Art Kernschmelze dieses Ethos führen.

Julian Nida-Rümelin lehrt Philosophie und politische Theorie an der Universität München und leitet den Bereich Kultur am Zentrum Digitalisierung Bayern. Nathalie Weidenfeld verfasst Romane und Sachbücher. Zuvor war sie Lektorin und Filmwissenschaftlerin.

Der Text ist ein Auszug aus: Julian Nida-Rümelin und Nathalie Weidenfeld, Digitaler Humanismus. Eine Ethik für das Zeitalter künstlicher Intelligenz, Piper 2018, 219 Seiten, 24 Euro.

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