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Grüne beschreiben Gerlinde Kretschmann als "herzensgute" Frau. Hier mit ihrem Mann in San Francisco. Foto: Nico Pointner/dpa
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Krebserkrankung von Kretschmanns Frau Wenn der Wahlkampf zur Nebensache wird

Einen Monat vor der Wahl macht Baden-Württembergs Ministerpräsident Kretschmann die Krebserkrankung seiner Frau öffentlich. Er kommt damit Spekulationen zuvor.

Es ist nur ein knapper Satz, doch der Inhalt hat den heiß geführten Wahlkampf in Baden-Württemberg am Freitag für einen Moment komplett ausgebremst. „Meine Frau Gerlinde ist an Brustkrebs erkrankt“, teilte Ministerpräsident Winfried Kretschmann in einer Mitteilung des Staatsministeriums mit. Es gehe ihr den Umständen entsprechend, schrieb der Grünen–Politiker. „Aber es kommen nun schwere Zeiten auf sie zu. Ich will für sie da sein, so gut es geht.“

Für den 72-jährigen Amtsinhaber, der auf eine dritte Amtszeit im Südwesten spekuliert, ist das ein schwerer Schlag. Doch anders als es in den ersten Minuten nach der Meldung wirkt, zieht sich Kretschmann nicht komplett aus dem Wahlkampf zurück. „Er sagt einige Termine ab“, erklärte Regierungssprecher Rudi Hoogvliet. Am Freitag beispielsweise zwei Veranstaltungen, bei denen die Spitzenkandidaten für die Wahl am 14. März debattieren sollten.

Auch in den kommenden Wochen will Kretschmann kürzertreten, „je nachdem, wie es seiner Frau geht“. Das Ganze sei natürlich auch eine psychische Belastung, sagte Hoogvliet, betonte aber, dass Kretschmann weiter die Amtsgeschäfte führen werde. Nach bisheriger Planung werde er nur Termine wahrnehmen, die auch für das Regierungshandeln notwendig sind.

Das Ehepaar Kretschmann ist seit 1975 verheiratet, hat drei erwachsene Söhne. Wie ihr Mann ist auch Gerlinde Kretschmann ausgebildete Lehrerin. Von den beiden ist bekannt, dass sie gerne zusammen wandern. Eine Abgeordnete, die Kretschmanns Frau Gerlinde gut kennt, beschreibt die 73-Jährige als herzensgute, warmherzige Frau. Im Landesverband war große Betroffenheit zu spüren, zumal die Krankheit in diesem Alter ein großes Risiko darstellt.

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Im Tagesspiegel-Interview hatte Kretschmann vor wenigen Tagen noch erwähnt, wie schwer es ihm falle, sich auf den Wahlkampf einzulassen. „Ich komme auch allgemein nicht in die Stimmung und den Modus für einen Wahlkampf. Das ist zu hart mit Corona, da haben die Menschen ganz andere Sorgen“, sagte er damals. Nun zeigt sich, welche Sorgen der Landesvater mit sich herumträgt.

Schwere Zeiten. Winfried Kretschmann gab am Freitag die Erkrankung seiner Frau bekannt. Foto: Marijan Murat/dpa Vergrößern
Schwere Zeiten. Winfried Kretschmann gab am Freitag die Erkrankung seiner Frau bekannt. © Marijan Murat/dpa

Seine Partei trifft die Nachricht nicht ganz unerwartet. Vertraute wussten schon länger von der Erkrankung, andere Parteifreunde weihte Kretschmann in einer Videokonferenz am Freitagmorgen ein. „Er musste in die Offensive gehen“, hieß es bei Landes-Grünen.

Es gab schon Fragen, weil er Termine absagte

Kretschmann habe zuletzt schon mehrere Termine abgesagt, das sei bereits aufgefallen. Und bevor Gerüchte über eigene Schwäche- oder Krankheitsprobleme entstehen, sei der Schritt richtig. Es habe schon Fragen gegeben: „Was ist mit Kretschmann los?“ Diese Darstellung bestätigte indirekt auch Kretschmann in seiner Mitteilung: „Eigentlich ist es eine rein persönliche Angelegenheit. Meine Frau und ich haben gemeinsam entschieden, sie dennoch öffentlich zu machen.“ Dabei lief der Wahlkampf für Kretschmann zuletzt erfolgreich. Jüngste Umfragen sahen die Grünen wieder deutlicher vor der CDU.

Deren Spitzenkandidatin, Kultusministerin Susanne Eisenmann, hatte mit ihrem vehementen Versuch, die Kitas und Grundschulen frühzeitig wieder zu öffnen, viele Wähler verschreckt. Im persönlichen Vergleich mit dem Landesvater schmiert die 56-jährige Eisenmann vollkommen ab. Selbst 65 Prozent der CDU-Anhänger wollen lieber den Grünen Kretschmann behalten.

Im Sommer 2019 hatte sich Kretschmann nach längerer Bedenkzeit dazu bereit erklärt, für eine dritte Amtszeit zu kandidieren. Mit entscheidend, verriet er damals, sei auch das Votum seiner Frau gewesen: „Mach das noch mal!“, habe sie ihm geraten.

Kein Nachfolger für Kretschmann in Sicht

Nötig geworden war die Entscheidung auch, weil in der Reihe hinter Kretschmann eine Lücke klafft. In den vergangenen Jahren ist es ihm nicht gelungen, einen Nachfolger aufzubauen. Der Grüne Freiburger Oberbürgermeister Dieter Salomon scheiterte 2018 überraschend bei seiner Wiederwahl, der Stuttgarter OB Fritz Kuhn trat gleich gar nicht mehr an, und der Tübinger Boris Palmer wird im Wahlkampf nicht einmal mehr von seiner eigenen Partei unterstützt.

Auch im Kabinett hat sich kein Nachfolger hervorgetan. Einige Minister gehen in den Ruhestand, andere, wie der Gesundheitsminister Manfred Lucha, stehen in der Corona-Pandemie in der Kritik. Kretschmann, der von vielen Landesgrünen darum gebeten wurde, fühlte sich verpflichtet.

Doch auch im Privaten fühlt Kretschmann nun eine Pflicht. Dass Politik dabei zur Nebensache wird, haben vor ihm schon andere Spitzenpolitiker erlebt. 2007 war der damalige Vizekanzler und Bundesarbeitsminister Franz Müntefering (SPD) überraschend von seinen Ämtern zurückgetreten. Seine Frau Ankepetra litt zu dieser Zeit bereits lange an Krebs, Müntefering entschloss sich, sie bis zu ihrem Tod drei Jahre später zu pflegen. Auch der heutige Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier spendete 2010, damals noch als SPD-Fraktionsvorsitzender, seiner Frau Elke Büdenbender eine Niere. Mehrere Wochen setzte er aus.

"Niemand will einen kalten Machtpolitiker"

Beiden Politikern schadete die Auszeit – zumindest mit Blick auf ihre Beliebtheitswerte – nicht. Auch Kretschmann könnte es so ergehen. „Vom Herzen her sind jetzt alle bei ihm“, sagt ein Spitzengrüner aus dem Südwesten. Er rechne nicht damit, dass andere Parteien die Erkrankung in irgendeiner Weise in den Wahlkampf einbringen könnten.

Eine Verknüpfung mit Kretschmanns Alter sei pietätslos und eine Brustkrebserkrankung könne man auch im jungen Alter schon bekommen. Er schätzt, dass die Menschen in Baden-Württemberg empathisch mit der Situation umgehen. „Es will doch auch niemand so einen kalten Machtpolitiker, der nur seinen Wahlkampf durchzieht.“

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