Elizabeth Warren bei einem Wahlkampfauftritt in Indianola in Iowa am 03.02.2020 Foto: Chip Somodevilla/Getty Images/AFP
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Kehrtwende bei Vorwahl in Iowa Wie Elizabeth Warren die moderaten Wähler gewinnen will

Elisabeth Warren gibt sich im Endspurt in Iowa nicht mehr so radikal, sie will nicht anecken. Davon könnte Bernie Sanders profitieren.

Zum Aufwärmen, bis die Kandidatin kommt, läuft laute Musik. „Wake Up Everybody“ von Harold Melvin & The Blue Notes und „Fighter“ von Christina Aguilera. Eine Kämpferin, ja, das ist Elizabeth Warren. Rekordverdächtig oft war sie in Iowa unterwegs, hat auf über 100 Veranstaltungen unermüdlich Reden gehalten, Hände geschüttelt und mehr als 100.000 Selfies gemacht. Das zahlte sich aus. Doch in den letzten Wochen ist ihre Kampagne etwas ins Stocken geraten, zumindest, wenn man den Umfragen vertraut.

Noch im Herbst hatte Elizabeth Warren in Erhebungen für Iowa zeitweise vorne gelegen, dem Staat, in dem an diesem Montag die erste Vorwahl der US-Demokraten stattfindet. Jetzt schafft sie es teilweise gerade noch unter die ersten vier. Dabei hatte sich die „New York Times“ vor wenigen Wochen erst für Warren und ihre Senatskollegin aus Minnesota, Amy Klobuchar, ausgesprochen. Und die bekannteste Regionalzeitung „Des Moines Register“ hatte ebenfalls eine Wahlempfehlung für Warren abgegeben.

Aber die Stärke von Bernie Sanders, dem unabhängigen Senator aus Vermont, der in Umfragen kurz vor dem „Caucus“ in Iowa den Spitzenplatz übernahm, geht auch auf ihre Kosten. Die beiden vertreten eine ähnliche Politik: eine gesetzliche Krankenversicherung für alle, höhere Steuern für Reiche und Konzerne, schärfere Waffengesetze.

Aber wenn schon Revolution, dann doch eher mit einem, der wie ein Revolutionär daherkommt, scheinen viele zu denken. Sanders, das spürt man in Iowa, elektrisiert seine Anhänger enorm.

Warren zahm, wo Sanders aneckt

Wo Sanders klar ausspricht, dass es mit ihm „unbequem“ werden wird, versucht Warren, nicht zu arg anzuecken. Gelegentlich ist so aber nicht ganz klar, was denn genau nun ihre Position ist, zum Beispiel bei der Frage, wie sie ihre Gesundheitsreform bezahlen will. Die Senatorin aus dem Ostküstenstaat Massachusetts klingt im Schlussspurt des Iowa-Wahlkampfs manchmal wie die Moderaten in ihrer Partei, die das gespaltene Land wieder mehr zusammenbringen wollen.

Das ist zwar sympathisch, bringt aber die Emotionen im eigenen Lager auch nicht zum Überkochen. Andererseits könnte sie so für Wähler attraktiver wirken, die keine beinharten Anhänger der Demokraten sind, sondern noch unentschieden.

Dagegen hat die Auseinandersetzung zwischen Warren und Sanders über die Frage, ob er ihr tatsächlich ins Gesicht gesagt hat, dass sie als Frau keine Chance habe, eher ihr geschadet. Selbst manche junge Frauen, die die Vorstellung einer ersten US-Präsidentin doch eigentlich begeistern müsste, nehmen ihr übel, dass sie das Gespräch unter vier Augen - und damit den Streit - öffentlich gemacht hat. „Ich glaube ihr nicht“, sagte Dziyana Zubialevich. „Das war einfach nicht in Ordnung und bringt doch nichts.“

Die Politikstudentin aus Pittsburgh ist mit ihrem Freund am Wochenende nach Iowa gekommen, um die Energie mitzuerleben, die hier gerade herrscht. Sie sind „Caucus“-Touristen, wie so viele andere, die die Chance wahrnehmen, die Bewerber mal so nah zu erleben. Und sie sind Sanders-Fans.

Politische Erfolge und Hundeleckerlis

Andere Frauen sagen, Elizabeth Warren gebe ihnen die Kraft zum Kämpfen. Jamie zum Beispiel, die die Senatorin in Ames begrüßt. Sie erzählt, wie sie als Kind auf einmal ohne Dach über dem Kopf dastand, weil die Eltern ihr Haus in der Finanzkrise 2008 verloren hatten. Jene Krise, durch die Elizabeth Warren berühmt wurde, weil sie sich für mehr Regulierung der Banken einsetzte - mit Erfolg. Das hat Jamie inspiriert, nun macht sie für Warren Wahlkampf.

Am Sonntag stürmt diese zu Dolly Partons „9 to 5“ auf die Bühne. Hier an der Iowa State University sprich sie am Nachmittag vor rund 200 Zuhörern über ihre politischen Pläne. Beantwortet Fragen zum Impeachment-Prozess gegen US-Präsident Donald Trump, bei dem sie zwei Wochen lang an den Senat in Washington gefesselt war - und, willkommen beim Wahlkampf in Amerika, zu ihrem Hund „Bailey“. Welche Leckerli Bailey denn am liebsten möge, will ein Mann wissen, angeblich für seinen Sohn. Warren überlegt kurz und lüftet das Geheimnis: „Käse“.

Elizabeth Warren ist nahbar

Dass die Wähler solche Fragen an die Präsidentschaftsbewerber richten können, liegt an dem intensiven Vorwahlkampf, der in Iowa stattfindet. Die Bedeutung des ersten Bundesstaats, der seinen Favoriten für die Schlacht gegen Donald Trump bestimmt, bringt es mit sich, dass die Bewerber hier gefühlt jedem Interessierten einmal die Hand schütteln. Elisabeth Warren kann das. Sie ist nahbar. Und sie ist selbstbewusst.

Auf die Frage, was sie von den anderen Kandidaten unterscheidet, antwortet sie: „Ich weiß, wie man kämpft, und ich weiß, wie man gewinnt.“ An dieser Stelle ist der Jubel besonders groß.

Denn der andere Kandidat, der in Umfragen vor ihr liegt, wird immer wieder als derjenige bezeichnet, der die besten Chancen habe, Trump zu schlagen: Der ehemalige Vizepräsident Joe Biden gilt als der „wählbarste“ Kandidat. Auch dagegen kämpft Elizabeth Warren.

Sie ist es auch, die lautstark dagegen protestiert, auf welche Art und Weise Michael Bloomberg, der ehemalige New Yorker Bürgermeister, seinen Wahlkampf betreibt. Der lässt die Vorwahlen in Iowa und drei anderen Bundesstaaten aus und will erst zum „Super Tuesday“ am 3. März eingreifen, wenn die Demokraten in 14 Staaten gleichzeitig ihre Delegierten für den Wahlparteitag im Juli bestimmen.

Es sei bedauernswert, dass ein Milliardär sich einfach einen Platz in den Fernsehdebatten der Präsidentschaftsbewerber „kaufen“ könne, sagt Warren bei einem Auftritt vor rund 900 Wählern in Iowa City am Samstag. Einen Tag später mahnt sie dann wieder, dass die Demokraten zusammenstehen müssten. „Jeder von uns muss nur eine Aufgabe erledigen: Donald Trump schlagen.“

Fast jeder Zweite ist noch unentschieden

Bis es soweit ist, müssen die Bewerber jetzt erst einmal Iowa unbeschadet überstehen. Wie die Vorwahl ausgeht, kann keiner wirklich vorhersagen. Laut einer aktuellen Umfrage ist fast jeder zweite als Demokrat registrierte Wähler noch unentschieden.

Wie erfolgreich Elizabeth Warrens Schwenk zur Mitte sein wird, wird sich zeigen. Joe Biden ist dort schon, in der Mitte. Sein Wahlkampfabschluss war zwar im Großen und Ganzen erfolgreich. Er zeigte sich versöhnlich gegenüber den Gegnern. Als er jedoch beteuerte, dass er nicht akzeptieren werde, dass die andere Seite böse sei, da gab es kaum Applaus. Vielleicht ist die Sehnsucht nach mehr Einigkeit geringer, als gemeinhin angenommen wird.

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