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Ein ukrainischer Soldat blickt während schwerer Kämpfe an der Frontlinie in Sjewjerodonezk in der Region Luhansk durch ein Fernglas. Foto: Oleksandr Ratushniak/AP/dpa
© Oleksandr Ratushniak/AP/dpa

Kampf um den Donbass Tausende ukrainische Soldaten vor der Einkesselung – droht ein Mariupol-Szenario?

Moskaus Soldaten ist im Süden von Sjewjerodonezk und Lyssytschansk der Durchbruch gelungen. Was nun folgen könnte.

Die Lage der ukrainischen Truppen, die sich im äußersten Osten des Landes der russischen Invasion entgegenstellen, wird zunehmend prekärer.

Nachdem Moskaus Armee seit Wochen erfolglos versucht, die Stadt Sjewjerodonezk vollständig zu erobern und dabei kaum vorankommt, sind russische Truppen jetzt von Süden durch mehrere ukrainische Verteidigungslinien gebrochen.

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Sjewjerodonezk und die westlich vom Fluss Siwerskyj Donez gelegene Stadt Lyssytschansk sind die östlichsten Gebiete des Landes, die ukrainische Truppen noch kontrollieren.

Fallen sie an Russland, würde Moskau das gesamte Gebiet Luhansk kontrollieren. Das wäre zumindest ein Teilerfolg für Wladimir Putin, der die Eroberung des gesamten Donbass als eines seiner Kriegsziele ausgegeben hat.

Russische Truppen rücken von Süden vor

Lyssytschansk galt in den vergangenen Tagen noch als geeigneter Rückzugsort für die ukrainischen Truppen aus Sjewjerodonezk, weil die Stadt auf einer Anhöhe liegt und als gut zu verteidigen gilt.

„In Richtung Sjewjerodonezk hat der Gegner die Siedlungen Loskutiwka, Raj-Olexandriwka erobert“, schrieb der ukrainische Generalstab aber nun am Donnerstag auf Facebook. Auch Syrotyne soll inzwischen von russischen Truppen gestürmt werden.

Damit steht den ukrainischen Einheiten in Sjewjerodonezk nur noch maximal ein Schlauch von vier Kilometern Breite für den Rückzug zur Verfügung. Nach Angaben britischer Geheimdienste zogen sich einige ukrainische Truppen auch schon zurück.

Und auch auf der anderen Seite des Flusses sind die russischen Truppen in den vergangenen Tagen vergleichsweise zügig auf Lyssytschansk vorgerückt. Zuerst eroberten die Truppen unter schwerem ukrainischen Gegenfeuer das Dorf Toschkiwka.

Inzwischen stehen Moskaus Truppen der russischen Nachrichtenagentur Tass zufolge kurz vor der Einnahme des Dorfes Wowtschojariwka, das etwa zwölf Kilometer südwestlich von Lyssytschansk liegt.

Fünf Kilometer Gebietsgewinn können schon als Erfolg gelten

Tass beruft sich in dem Bericht auf mit der Angelegenheit vertraute Personen, die den Truppen der Separatisten-Region Luhansk nahe stehen. Das Dorf liegt in der Nähe einer Hauptverkehrsstraße, die von Lyssytschansk in die südwestlich gelegene und noch von der Ukraine kontrollierte Stadt Bachmut führt.

Nach Angaben des britischen Verteidigungsministeriums hat Russland im Süden von Lyssytschansk innerhalb weniger Tage fünf Kilometer Gebiet gewonnen. Was auf den ersten Blick wenig erscheint, ist in dem weitgehend festgefahrenen Kampf im Donbass durchaus ein Erfolg.

Mit dem Vorrücken der russischen Truppen auf beiden Seiten des Flusses, drohen jetzt die Nachschubwege der Ukrainer unterbrochen zu werden. In den vergangenen Tagen hatte Kiew die Truppen in Lyssytschansk noch deutlich verstärkt.

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Dem Vertreter der Luhansker Separatisten in Moskau, Rodion Miroschnik, zufolge haben die russischen Truppen bereits die letzte Verbindungsstraße von Lyssytschansk nach Westen gekappt. Damit sind seinen Schätzungen zufolge mindestens 5000 ukrainische Soldaten eingekesselt. 500 Soldaten sollen es in den Dörfern Zolote und Hirske sein. Überprüfen lässt sich diese Behauptung nicht.

Allerdings war es am Mittwoch noch einem Journalistenteam der „Bild“ gelungen, nach Lyssytschansk zu reisen. Wie gefährlich das ist, zeigte sich aber auf der Rückfahrt, als das Team um Reporter Paul Ronzheimer unter Beschuss geriet.

Der ukrainische Gouverneur der Region Luhansk, Serhij Hajdaj, teilte in der Nacht zu Donnerstag mit, dass die russischen Streitkräfte noch mehr Reserven um Sjewjerodonezk um Lyssytschansk zusammenziehen, um die ukrainischen Truppen vollständig einzukesseln.

Sie „beschießen Lyssytschansk mit Artillerie, Raketen, Fliegerbomben, Raketenwerfern“, hatte Hajdaj erst am Mittwoch im Online-Dienst Telegram geschrieben. „Sie zerstören alles.“

Dass Russland das Ziel eines Kessels erreicht, hält man inzwischen auch in Kiew für möglich. Präsidentenberater Oleksiy Arestovych äußerte die Sorge, dass die russischen Streitkräfte die Zwillingsstädte von den ukrainisch kontrollierten Gebieten abschneiden könnten.

„Die Gefahr eines taktischen russischen Sieges ist gegeben, aber sie haben es noch nicht geschafft“, sagte er in einem online veröffentlichten Video. Was in diesem Fall passieren würde, ist unklar.

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Noch könnte die Ukraine wohl einen strategischen Rückzug schaffen und die meisten von der Einkesselung bedrohten Soldaten retten.

Vielleicht geht der Generalstab und die Regierung in Kiew aber auch das Risiko eines zweiten Mariupol ein und die Truppen halten weiter aus und binden russische Einheiten. In diesem Fall würde in Luhansk eine blutige Kesselschlacht drohen. In Mariupol leisteten bis 20. Mai mehrere tausend ukrainische Soldaten im Asow-Stahlwerk über Wochen erbitterten Widerstand.

Fakt ist: Der zähe Kampf um die letzten Reste ukrainisch kontrollierten Territoriums in Luhansk fordert von beiden Armee jetzt schon immens hohe Verluste.

Separatisten haben die Hälfte ihrer Soldaten verloren

Eine der beiden prorussischen Separatisten-Armeen, die für Moskau im Donbass im Einsatz ist, soll inzwischen bis zu 10.000 Kämpfer eingebüßt haben; rund 2000 sollen getötet, rund 8000 verletzt worden sein, wie eine Separatistenvertreterin diese Woche bekannt gab.

Das macht rund die Hälfte der Streitkräfte der Separatisten aus. Experten schätzen, dass im Donbass pro Tag rund 100 ukrainische Soldaten getötet werden.

Dass die Ukraine die beiden umkämpften Städte in Luhansk hält, gilt schon lange als unwahrscheinlich. Nur darüber, wie lange es dauern würde, waren sich die Beobachter uneins; manche sprachen von Wochen, manche von Tagen.

Was nach einer russischen Eroberung passieren würde, ist aktuell noch Spekulation.

Kiews Strategie könnte sein, den russischen Vormarsch vollständig auszubremsen. Das Kalkül: Aufgrund der hohen Verluste muss die russische Armee nach der Eroberung von Luhansk auf weitere Offensiven verzichten.

Bis Russland Nachschub organisiert hat, wären weitere westliche Waffen und Munition an der Front. Die Ukrainer könnten sehr viel effektiver kämpfen.

Auffällig ist auch, dass sowohl Moskau als auch Kiew viele vergleichsweise untrainierte und nicht optimal ausgerüstete Einheiten in den Abnutzungskampf von Luhansk geschickt haben. Auf Seiten Moskaus sind das die Separatisten und auf Seiten der Ukraine die Fremdenlegion und die Territorialverteidigung.

Daraus lassen sich wiederum zwei mögliche Schlüsse ziehen: Entweder beide Armeen haben ihre besten Soldaten bereits verloren. Oder sie wollen sie in diesem Abnutzungskampf nicht einsetzen, um sie für eventuelle spätere Offensiven einzusetzen, die professionelles Militär benötigen. Der US-Militärexperte Michael Kofman nennt die aktuelle Lage denn auch die „gefährlichste Phase des Krieges für die Ukraine“. Wie sie ausgeht, ist völlig offen.

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