Mit dem Aufflammen regionaler Konflikte ist die 3. Phase erreicht

Kampf um das Einflussgebiet Der schleichende Machtverlust Russlands

3. PHASE: DAS AUFFLAMMEN REGIONALER KONFLIKTE

Die Forschung unterscheidet zwischen akuten – aktiven und meist gewaltsam ausgetragenen – und latenten, also schwelenden Konflikten. Wenigstens fünf akute Konflikte eskalierten seit dem Ende der Sowjetunion zu lokalen Kriegen zwischen UdSSR-Nachfolgestaaten. Dabei gab es tausende Tote und Millionen Flüchtlinge. Eine einvernehmliche Beilegung von Konflikten ist die Ausnahme, die Waffenruhe ist häufig fragil.

Es begann 1988 mit der Unabhängigkeitserklärung der zu Aserbaidschan gehörenden, aber mehrheitlich von Armeniern bewohnten Region Berg-Karabach. Die Fortsetzung folgte 1993, als Armenien, das keine direkten Grenzen mit Karabach hat, einen Korridor in die Exklave schlug und bis heute nicht willens ist, das dabei eroberte Gebiet an Aserbaidschan zurückzugehen. Daran scheiterten bisher Friedensverhandlungen unter OSZE-Führung, an denen auch Russland beteiligt ist. Moskau unterstützt die Position Armeniens, seines strategischen Partners im Südkaukasus.

Anfang der 90er Jahre verabschiedeten sich auch Südossetien und Abchasien in die Unabhängigkeit. Zuvor hatte Georgien ihnen die Autonomierechte gestrichen. Moskau alimentierte die Separatisten von Anfang an, rüstete sie aus und schickte Truppen, als Tiflis 2008 versuchte, die Gebiete mit Gewalt zurückzuholen. Russland erkannte beide gleich nach dem militärischen Sieg als unabhängig an, de facto sind sie seither russische Protektorat. Der Westen unterstützt Georgien bei den Bemühungen um Wiederherstellung seiner staatlichen Einheit. Nach georgischen Angaben sind in Südossetien und Abchasien noch immer jeweils 3500 russische Soldaten stationiert.

Anfang der 90er Jahre sagte sich die mehrheitlich russischsprachige Region mit einer halben Million Einwohner von Moldau los. In der Folge kam es zu Kämpfen zwischen moldauischen Streitkräften und von russischen Soldaten unterstützten transnistrischen Milizen. Seit 1992 überwacht eine trinationale Friedenstruppe mit Soldaten aus Russland, Moldau und Transnistrien das einst blutig umkämpfte Gebiet. 2006 stimmte die Bevölkerung von Transnistrien mit einer überwältigenden Mehrheit von 97,1 Prozent für die Angliederung an Russland. Verhandlungen zwischen Moldau, Russland, Transnistrien, der Ukraine und der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) über einen Kompromiss laufen seit Jahren.

Vor allem der uralte Kampf um Zugriff auf Wasser führte 2010 auch im ethnisch bunt durchmischten Fergana-Tal – eine der wenige Oasen in der Wüsten-Region Zentralasien - zu blutigen Auseinandersetzungen zwischen Kirgisen und Usbeken. Sie beschränkten sich allerdings auf Südkirgistan, wo Usbeken die Mehrheit haben. Befeuert wurde der Konflikt durch den Machtkampf zwischen Clans der nördlichen und südlichen Landeshälfte, die historisch und kulturell wenig Gemeinsamkeiten haben. Der Nord-Süd-Konflikt führte schon 2005 zu einem Umsturz, den der Westen voreilig zur demokratischen Revolution hochjubelte. Moskau gewährte dem gestürzten Präsidenten Askar Akajew Asyl und unterstützt traditionell die Clans im Norden. Dort gibt es eine russische Militärbasis. Der Konflikt kann jederzeit neu aufflammen und mit Spaltung enden.

Auch im benachbarten Tadschikistan entlud sich das Machtgerangel der regional organisierten Clans 1992 in einem Bürgerkrieg, der erst 1997 unter UN-Ägide beigelegt wurde. Präsident Emomali Rachmon war zuvor schon mit russischen Waffen an die Macht gekommen. Er ist wirtschaftlich von Moskau abhängig, das dort eine ganze Division stehen hat.

Russland unterstützt Tadschikistan und Kirgistan bei den Auseinandersetzungen um Wasser mit Usbekistan, das als unsicherer Kantonist bei Moskaus Integrationsprojekten gilt.

Um Land und Jobs, künstliche Grenzen und Verwaltungseinheiten geht es auch bei dem Konflikt der Völker im russischen Nordkaukasus. Er vor allem verhinderte bisher eine Einheitsfront gegen Moskau und die Abspaltung der Region, die Moskau erst seit dem 18. Jahrhundert kontrolliert. Um sich an Russland für den Verlust von Südossetien und Abchasien schadlos zu halten, versucht auch Georgien, Einfluss auf die Völker des Nordkaukasus zu gewinnen. Tiflis und Grosny unterhielten freundschaftliche Beziehungen, als Tschetschenien sich 1991 von Russland lossagte. Die Rebellenrepublik wurde erst nach zehnjährigem Krieg befriedet. Moskau zahlt Reichsverweser Ramzan Kadyrow einen hohen Preis dafür, dass er in seinem Gebiet mit eiserner Faust für Ordnung sorgt. Doch Reste der Untergrundkämpfer destabilisieren nun die Situation in anderen Regionen des Nordkaukasus. Experten schließen einen neuen Waffengang Moskaus in der Region nicht aus.

Ähnlich gefährlich wie die akuten sind die unzähligen latenten, schwelenden Konflikte. In Russland könnte sich nicht nur im Nordkaukasus die verkorkste Nationalitätenpolitik rächen, sondern auch im Wolga-Ural-Gebiet, wo die Tataren leben, Russlands größte ethnische Minderheit, die immer selbstbewusster auftritt.

Konfliktpotential gibt es auch in Kasachstan. Ethnische Russen stellen im Norden teilweise die Bevölkerungsmehrheit und fühlen sich ähnlich diskriminiert wie die Brüder in der Ukraine. Vor allem durch das Sprachengesetz, das von Beamten und Angestellten im öffentlichen Dienst ausreichende Kenntnisse der Staatssprache verlangt: Kasachisch, das zu Sowjetzeiten als unfein galt. Von der Regierung angebotene, kostenlose Kasachisch-Crash-Kurse empfinden Russen nach wie vor als Zumutung.

In den anderen zentralasiatischen Ex-Sowjetrepubliken, wohin Russen zu Sowjetzeiten massenhaft als Spezialisten und Entwicklungshelfer zwangsumgesiedelt wurden, sieht es nicht besser aus. Gleich nach dem Ende der Sowjetunion begann daher der Massen-Exodus Richtung Russland. Heimisch wurden viele auch dort nicht. Sie hatten zum Teil Sitten und Bräuche ihrer Gastländer übernommen und werden nun von den Einheimischen als Fremde wahrgenommen. (mit AFP)

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