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So ruhig wie hier in der Dresdner Innenstadt soll es nach dem Willen der Regierung bundesweit auch an Ostern zugehen. Foto: Sebastian Kahnert/dpa-Zentralbild/dpa
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Kampf gegen die dritte Corona-Welle Was der Oster-Lockdown bringt

Jan Kixmüller Patrick Eickemeier Caroline Ring

Mit einem harten Lockdown zu Ostern soll die dritte Welle der Pandemie gebremst werden. Wie sinnvoll ist das, wie viele machen noch mit – und was kommt dann?

Es sind große Worte: Von einem „neuen Kapitel in der Pandemiebekämpfung“ spricht Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil. Von einem „Paradigmenwechsel“ Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller. Das, was die Kanzlerin und die Ministerpräsident:innen in der Nacht zu Dienstag beschlossen haben, soll Hoffnung machen, gar nach einem Durchbruch klingen. Doch die Kritik ist am Tag nach der Marathonsitzung groß. Der Vorwurf: Die Beschlüsse reichten nicht aus um die dritte Welle einzudämmen. Gleichzeitig würden sie die Akzeptanz der Maßnahmen untergraben.

Was verspricht sich die Politik von den Maßnahmen?

Da noch wochenlang Impfstoff fehlt und vielerorts auch ausreichend Schnelltests, soll mit den Maßnahmen versucht werden, Zeit zu gewinnen und die Zahlen im Kampf gegen die ansteckendere und laut Studien auch tödlichere B.1.1.7. Mutante zu senken. Mit Sorge wurden in den Verhandlungskreisen die Mobilitätsdaten betrachtet, die zeigen, dass sich die Bürger immer weniger an Auflagen halten. Um das Herumreisen an Ostern zu beschränken, entschieden sich Kanzleramt und Ministerpräsidenten für die „Osterruhe“ vom 1. bis zum 5. April.

Am Ostersamstag dürfen nur Läden für den täglichen Bedarf öffnen. Der Gründonnerstag (1.April) wird wie ein Feiertag behandelt, damit kaum Leute zur Arbeit fahren müssen. Ansammlungen draußen sind verboten, einige Bundesländer wollen aber etwa Restaurants für Speisen zum Abholen öffnen. Impfzentren und auch Tankstellen bleiben überall offen. Spätestens nach Ostern soll es in Kitas und Schulen dann zwei Schnelltests pro Woche geben. Am Arbeitsplatz soll es das auch geben, falls die Unternehmen nicht mitziehen, soll es noch eine Verordnung hierzu geben. Ab 6. April gilt dann wieder der etwas gemäßigtere Lockdown, bis 18.April, in Berlin bis zum 24. April.

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Wenn die Zahlen bis dahin besser werden, könnte es bei der nächsten Bund-Länder-Schalte am 12.April wieder Lockerungen geben – als Kompromiss wurde vereinbart, dass die Bundesländer bis dahin mit Schnelltests Modellprojekte für sichere Öffnungen von Theatern, Außengastronomie oder auch Fußballspielen mit Zuschauern fortsetzen können.

Wie beurteilt die Wissenschaft die neuen Maßnahmen?

Die Maßnahmen werden nach Ansicht von Mobilitätsforschenden um den TU-Wissenschaftler Kai Nagel nichts mehr daran ändern, dass die dritte Welle der Covid-19-Pandemie zu deutlich höheren Inzidenzen führen wird als die zweite. Zu der nun beschlossenen Osterruhe sagte Nagel, dass es unbedingt vermieden werden sollte, dass die Einschränkungen missachtet werden. Er erwartet keine positiven Wirkungen, aber immerhin, dass stärker negative Auswirkungen vermieden werden können.

„Wenn die Menschen ihre Aktivitäten auf das Maß von Januar zurückfahren, sich an Ostern mit den gegenseitigen Besuchen zurückhalten und es ein umfassendes Schnelltest-Regime gibt, dann besteht ohne weitere Mutationen immerhin eine gute Chance, dass es bis Mitte Mai vorbei ist.“ Der Haupteffekt der Osterruhe werde nicht in der Reduktion der Infektionen liegen, sondern in dem Signal, dass die Menschen sich möglichst wenig treffen sollten.

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Die neuen Beschlüsse würden viele richtige Dinge enthalten, aber nur als Empfehlung, nicht als Zwang. „Hier kommt es nun darauf an, dass die Menschen und die Unternehmen dies selbstständig umsetzen.“ Grundsätzlich seien die beschlossenen Maßnahmen zwar ein guter Schritt, aber immer noch zu wenig. „Es muss etwas über die Restriktionen vom Januar hinaus geschafft werden – gut wären zum Beispiel Schnelltests vor allen privaten Treffen in Innenräumen.“ Sonst sollte auf das Treffen verzichtet oder es draußen abgehalten werden.

Simulationen der Forschenden zufolge könne auch das fortschreitende Impfprogramm und das wärmere Wetter im Frühjahr am Fortschreiten der dritten Welle nichts ändern. Beim derzeitigen Impftempo würden Mitte April knapp 15 Prozent der Bevölkerung mindestens eine Erstimpfung haben. „Das senkt den R-Wert ungefähr um 15 Prozent und ist damit deutlich zu wenig, um die durch die Virus-Variante B.1.1.7 verursachte Erhöhung des R-Wertes um 35 bis 70 Prozent auszugleichen“, erklärt Kai Nagel. Der massive Einsatz von Tests könnte die dritte Welle immerhin bremsen.

Werden die Menschen sich an die Restriktionen halten?

Nach Weihnachten war es immerhin nicht zu dem befürchteten Peak bei den Infektionen gekommen. „Weil die Warnungen offenbar funktioniert hatten“, glaubt Modell-Forscher Nagel. In den Simulationen sei zu beobachten gewesen, dass die Bevölkerung bislang die Restriktionen zumeist vorweggenommen hätte, sowohl im Frühjahr als auch November. Im Dezember habe allerdings die Mobilität wegen der Einkäufe vor Weihnachten zunächst zugenommen, um dann deutlich zurückzugehen. Bis Mitte Februar war das Bild konstant, dann ging die Aktivitäten der Menschen – bereits vor den Beschlüssen – wieder nach oben.

Wenn es denn sein muss: Wie sollte man sich an Ostern treffen?

An Ostern sei wichtig, kurz vor privaten Besuchen Schnelltestes zu machen, und den Personenkreis so klein wie möglich zu halten. Wenn möglich sollten die Treffen draußen stattfinden; in Innenräumen sollten „im Prinzip“ Masken getragen werden. Bei den Treffen sollte diszipliniert auf die Maßnahmen geachtet werden. Dass der zusätzliche Feiertag an Gründonnerstag zu einem Ansturm auf die Lebensmittelläden führen könnte, sieht Nagel weniger als Problem. Mit Maske sei das Infektionsrisiko in Geschäften auf jeden Fall kleiner als in privaten Innenräumen ohne Maske und Schnelltest. Der aktuelle R-Wert liege deutlich über 1 und führe nach allen Simulationen zu höheren Inzidenzen und noch stärkerer Krankenhausbelastung als im Dezember 2020.

Startet nach Ostern das große Testen?

„Nach Ostern wird umfangreiches Testen für die Bekämpfung der Pandemie noch mehr eine entscheidende Rolle spielen“, heißt es im Beschluss. An der Menge der verfügbaren Tests soll es nicht scheitern, verspricht Gesundheitsminister Spahn. Die „Taskforce Testlogistik“ habe den Bundesländern Abrufkontingente von mehr als 130 Millionen Selbsttests für März und April vermittelt, heißt es aus dem Gesundheitsministerium. Schnelltests seien schon seit Anfang März genügend verfügbar. Somit gebe es keine Probleme, die Tests zu bekommen. Fraglich ist aber, ob diese dort ankommen, wo sie gebraucht werden.

Für Bestellung und Verteilung sind laut Gesundheitsministerium die Länder zuständig. Die Teststrategie sieht drei Säulen vor. Einerseits das Testen von Lehrer:innen, Erzieher:innen und Schüler:innen. „Baldmöglichst“ soll zwei Mal pro Woche getestet werden. In vielen Bundesländern läuft das aber gerade erst an. Die zweite Säule umfasst die kostenlosen Tests für Bürgerinnen und Bürger. Seit dem 8.März übernimmt der Bund die Kosten für mindestens einen Schnelltest in der Woche. Die dritte Säule bilden die Tests für die Beschäftigten in den Betrieben, bei denen Präsenz nötig ist. Hier ist die Regierung angewiesen, dass die Unternehmen mitziehen – eine Pflicht gibt es nicht. Dabei ist am Arbeitsplatz das Infektionsrisiko besonders hoch.

Was unternimmt die Wirtschaft?

Jedes zweite Unternehmen testet bereits oder plant Tests für Mitarbeiter, zeigt eine Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertags unter 8000 Betrieben. Je größer das Unternehmen, desto größer ist auch das Testangebot. 20 von 30 Dax-Konzernen wollen laut Handelsblatt ihren Mitarbeitern Tests zur Verfügung stellen. Vielen kleineren Betrieben hingegen fehlt dafür das Geld. Gleichzeitig zeigen Studien, dass eigentlich noch mehr Unternehmen ihre Mitarbeiter ins Homeoffice schicken könnten. Im Februar haben gerade einmal 30 Prozent der Beschäftigten von Zuhause gearbeitet – dabei hätten laut Ifo-Institut 56 Prozent theoretisch die Möglichkeit dazu.

Obwohl die Politik eigentlich ein Gedränge in vollen Geschäften coronabedingt vermeiden will, rechnen Einzelhändler an den Tagen rund um Ostern mit einem Ansturm. Während am Gründonnerstag alle Läden geschlossen bleiben müssen, sollen Supermärkte am Karsamstag öffnen dürfen. Entsprechend voll könnte es dort dann werden, warnt der Handelsverband Deutschland. „Den Lebensmittelhandel mit seinen nachweislich hervorragend funktionierenden Hygienekonzepten symbolisch für einen Tag zuzumachen, hilft im Kampf gegen die Pandemie nicht weiter“, sagt Hauptgeschäftsführer Stefan Genth.

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Die Supermärkte bereiten sich vor. „Die Kunden können sich darauf verlassen, dass die Warenversorgung gesichert ist und am Ostersamstag ein sicherer Einkauf unter Einhaltung der Hygieneregeln möglich sein wird“, teilt die Rewe-Gruppe mit. Sie appelliert an ihre Kunden, so früh wie möglich die Osterkäufe zu machen. Alternativ bieten Händler Abholservice und Lieferdienste an. Allerdings könnten auch die schnell ausgebucht sein. Noch unklar ist, ob Ketten wie Real und Marktkauf öffnen dürfen, die auch andere Waren wie Elektronik oder Kleidung verkaufen. Womöglich müssen sie diese Bereiche absperren. Weil auch Drogerien am 1. und 4. April geschlossen bleiben müssen, stellen sich auch Ketten wie Rossmann und Müller auf einen Kundenansturm an den Tagen davor ein.

Wann hilft die Impfkampagne?

Bis Mitte April wird die Impfkampagne in Deutschland voraussichtlich ein bisschen schneller geworden sein, aber noch nicht dramatisch an Fahrt aufgenommen haben. Das liegt daran, dass nach jetzigem Stand erst in der letzten Aprilwoche die Liefermengen spürbar steigen werden – auf voraussichtlich 5,3 bis 5,5 Millionen Dosen in der Woche. Etwas mehr Flexibilität beim Impfen könnte es vorher schon dadurch geben, dass auch die niedergelassenen Ärzte in der Woche nach Ostern mit Impfsprechstunden loslegen können. Allerdings erhalten sie anfangs umgerechnet nur 20 Dosen pro Woche – der Rest geht an die Impfzentren.

Wie steht es um die Akzeptanz der Schutzmaßnahmen?

„Das Jo-Jo der Maßnahmen schlägt deutlich auf die Stimmung der Menschen und damit auch auf die Akzeptanz der Maßnahmen“, sagt Frank Roselieb, der das Institut für Krisenforschung in Kiel leitet. Dass es für die Bekämpfung der Pandemie Einschränkungen braucht – das sehen zwar viele Bürgerinnen und Bürger nach wie vor so. Allerdings sinkt das Vertrauen in die Regierung, die diese Maßnahmen beschließt, immer weiter. Laut der Cosmo-Erhebung der Uni Erfurt fiel es im März auf einen „neuen absoluten Tiefpunkt“. Demnach hat nur noch ein Drittel der Befragten Vertrauen in das Pandemiemanagement der Bundesregierung. „Gleichzeitig muss die Bevölkerung aber noch viele Monate den Vorgaben der Politik folgen“, sagt Roselieb.

Experten weisen auch darauf hin, dass viele nicht mehr durchsehen, welche Maßnahmen gerade gelten. Die fehlende Perspektive in der Pandemie mache zusätzlich mürbe. Die Menschen sehnten sich nach Verlässlichkeit, sagt der Grünen-Gesundheitspolitiker Janosch Dahmen. Doch statt einem detaillierten Risikostufen-Modell, wie es das RKI vorgeschlagen habe, gebe es nur einen „völlig halbherzigen Öffnungsplan mit einer unspezifischen Notbremse drin.“ Wann diese gezogen werde, sei vielen Bürgern aber nicht klar. Krisenforscher Roselieb glaubt, die Politik müsse jetzt erklären, warum sie einen anderen Kurs fahre als andere Länder. Gleichzeitig hält er von sprachlichen Verrenkungen und immer neuen Begriffen („Team Vorsicht“, „Oster-Ruhetage“) nichts. „Bei den Menschen bleibt das ungute Gefühl zurück, dass die Politik das Spiel einfach neu definiert, statt das Team besser zu trainieren oder von anderen Nationalmannschaften zu lernen. Das kann so nicht funktionieren."

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