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Die Deltavariante hat die Lage in Deutschland wieder verändert. Foto: Paul Zinken/dpa
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Update Kampf gegen die Deltavariante Kommt Deutschland ohne Lockdown durch den Herbst?

Die Corona-Lage in Großbritannien und den USA weckt auch in Deutschland Befürchtungen. Und welche Grenzmarken wann und wo greifen sollen, ist längst nicht klar.

Die Zahl der Neuinfektionen steigt auch in Deutschland seit mehr als zwei Wochen wieder kontinuierlich an, die Inzidenz klettert, die Impfkampagne kommt nicht mehr recht voran: Auch wenn sich das Infektionsgeschehen noch auf einem deutlich geringeren Niveau abspielt als beispielsweise in England, Spanien, Italien oder den USA, sind auch Experten und Politiker in Deutschland in Sorge.

Denn die deutlich ansteckendere Deltavariante des Coronavirus dominiert inzwischen auch hier, ist nach Angaben des Robert Koch-Institut (RKI) für 84 Prozent der neuen bestätigten Fälle verantwortlich. Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hatte erst Mitte der Woche vor einem drastischen Anstieg der Sieben-Tage-Inzidenz gewarnt. Im September schon könne die Marke von 400, im Oktober die von 800 überschritten werden. Angesichts der Entwicklung stellt sich die Frage, wie Deutschland dieses Mal auf eine mögliche weitere Welle vorbereitet ist.

Zwar haben führende Politiker wie Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) den Bürgerinnen und Bürgern versprochen, die Situation aus dem Frühjahr und Winter werde sich nicht wiederholen. „Wir müssen und werden einen neuen Lockdown verhindern. Er wäre für viele Geschäfte und Restaurants, die bereits monatelang geschlossen waren, verheerend“, sagte Altmaier am vergangenen Wochenende. Dann schob er aber eine Einschränkung hinterher: „Solange keine Überlastung des Gesundheitssystems droht, gibt es keinen Grund für neue Maßnahmen oder gar einen Lockdown.“

Bei Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) klang dies in ihrer Sommer-Pressekonferenz am Donnerstag schon ein wenig anders. Deutschland habe es „mit einer deutlichen, und wie ich finde auch besorgniserregenden Dynamik“ zu tun. Die Bundesländer hätten die Möglichkeit, dagegen entsprechend Maßnahmen zu ergreifen. „Die Überlastung des Gesundheitssystems zu verhindern, bleibt Richtschnur unseres Handelns“, sagte Merkel.

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Die für Ende August geplante Ministerpräsidentenkonferenz (MPK) zur Pandemie könnte vorgezogen werden: Sie werde sich Bitten von Regierungschefs der Länder nicht verschließen, sagte die Kanzlerin. Nach Niedersachsen hatte am Freitag denn auch Mecklenburg-Vorpommerns Regierungschefin Manuela Schwesig (SPD) dafür plädiert, das Treffen vorzuziehen. Dabei solle insbesondere über die Ausbreitung der Deltavariante und das Impfen von Jugendlichen beraten werden.

Die im April eingeführte bundesweite Corona-Notbremse war am 30. Juniausgelaufen. Durch sie kann die Bundesregierung in Regionen mit hohen Inzidenzwerten einheitliche Schutzmaßnahmen festlegen. Grundlage war die Einsicht, dass sich die Pandemie am besten lokal bekämpfen lässt. Wo es mehr Infektionen gibt, bedarf es strengerer Auflagen.

Seit Juli legen die Landesregierungen fest, welche Restriktionen und Regeln in ihrem Bundesland gelten – und die sind zum Teil recht unterschiedlich, auch was die Grenzwerte bei den Inzidenzen betrifft. Merkel hatte Ende Mai aber gesagt: „Sollte sich etwas entwickeln durch Mutationen, was wir alles nicht hoffen, dann können wir das jederzeit reaktivieren.“

Niedersachsens Wirtschaftsminister Bernd Althusmann (CDU) forderte am Freitag schon mal Änderungen am Stufenplan seines Bundeslandes, um zu verhindern, dass schon bald wieder neue Beschränkungen gelten. Das sollte geschehen, bevor die steigenden Infektionszahlen in einzelnen Regionen „wieder eine Marke erreichen, die mit spürbaren Einschränkungen oder gar Schließungen verbunden ist“, sagte der CDU-Politiker der „Hannoverschen Allgemeinen Zeitung“.

Diese Forderung kassierte sein sozialdemokratischer Ministerpräsident Stephan Weil zwar umgehend ein. Eine „bloße Verschiebung der Grenzen“ im Corona-Stufenplan, damit Einschränkungen erst bei einer höheren Inzidenz greifen, werde es nicht geben, ließ dieser mitteilen.

Allerdings werde erwogen, die Corona-Regeln noch vor dem nächsten Treffen der Ministerpräsidenten anzupassen. Einerseits solle vermieden werden, dass mit steigenden Zahlen bald Bereiche von Einschränkungen betroffen sind, „die mit der Entwicklung des Infektionsgeschehens gar nichts zu tun haben“, sagte die stellvertretende Regierungssprecherin Kathrin Riggert in Hannover. Andererseits müsse auf die in manchen Regionen mit „besorgniserregendem Tempo“ ansteigenden Infektionszahlen reagiert werden. Das Beispiel Niedersachsen lässt erahnen, welche Debatten in den nächsten Tagen und Wochen zu erwarten sind.

Weitgehend Einigkeit besteht auch darin, dass von der Inzidenz als alleinigem Richtwert für neue Auflagen oder mögliche Lockerungen abgesehen werden soll. Stattdessen sollten Daten über die Auslastungen der Kliniken und Intensivstationen mehr Gewicht bekommen.

„Die Inzidenz verliert zunehmend an Aussagekraft“, schrieb Spahn am 11. Juli auf Twitter. Er ordnete deshalb an, dass die Krankenhäuser mehr und detaillierte Informationen über ihre Covid-19-Patienten liefern müssen.

Auch die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) forderte am Samstag ein neues Warnsystem für die Politik jenseits der reinen Inzidenzwerte als Hauptkriterium „Wir schauen natürlich auch mit Sorge auf die steigenden Infektionszahlen“, sagte Dreyer der „Rheinischen Post“. Dennoch sage „die Inzidenz heute viel weniger über die Gefahr einer Erkrankung und die mögliche Belastung des Gesundheitssystems aus als noch vor einem halben Jahr, weil immer mehr Menschen geimpft werden“.

Die Inzidenz bleibe wichtig, sagte die Ministerpräsidentin der Zeitung. Sie müsse aber mit der Lage in den Krankenhäusern verknüpft werden. „Die Bundesländer müssen mit der Bundesregierung zu einem neuen Warnwert kommen. Wir sollten uns rasch auf eine bundeseinheitliche Regelung verständigen“, forderte Dreyer. „Meine Kollegin Manuela Schwesig in Mecklenburg-Vorpommern hat ein sehr kluges Ampelsystem vorgestellt. Genau so eine Orientierung brauchen wir bundesweit.“ Im nördlichen Bundesland gilt ein Modell, das die Sieben-Tage-Inzidenz, die Zahl der Covid-19-Patienten in Kliniken und die Auslastung der Intensivstationen berücksichtigt.

Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz: Malu Dreyer (SPD). Foto: Boris Roessler/dpa Vergrößern
Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz: Malu Dreyer (SPD). © Boris Roessler/dpa

Auch Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) sieht aktuell einen kurzfristigen Abstimmungsbedarf zwischen Bund und Ländern. „Auch wenn die Lage auf den Intensivstationen deutlich besser geworden ist, dürfen wir jetzt nicht die gute Ausgangslage für den Herbst verspielen“, teilte er am Samstag der Deutschen Presse-Agentur mit.

Das Impfen müsse unkomplizierter werden. „Jede Impfung zählt, auch um die aktuellen Freiheiten zu sichern.“ Gleichzeitig müssten Ungeimpfte wieder umfassender mit negativen Tests nachweisen, dass sie nicht ansteckend sind, wenn sie irgendwo Zugang haben wollten.

Der nordrhein-westfälische Gesundheitsminister Karl-Josef-Laumann forderte am Samstag ebenfalls ein neues Bewertungssystem. Der CDU-Politiker sagte im Deutschlandfunk, man brauche „eine neue Formel“, die den Impffortschritt berücksichtige.

Neben dem R-Wert und der Situation in den Kliniken sollten nach den Worten Laumanns auch regionale Faktoren eine stärkere Rolle spielen, da gerade in Flächenländern die Lage nicht überall gleich sei: „Wenn wir in Solingen ein Problem haben, dann ist das Problem in Solingen sehr weit weg von der Situation im Kreis Höxter“, sagte Laumann im Dlf.

Dennoch sei eine deutschlandeinheitliche Lösung nötig. Derzeit gebe es eine gemeinsame Arbeitsgruppe von Bund und Ländern. Er hoffe, dass Mitte August eine Entscheidung falle.

Dabei könnte es allerdings ein Problem geben. Zwar hatte das RKI bereits unlängst die Hospitalisierungsdaten zu einem neuen „Leitindikator“ erklärt. Erste Angaben – neue Patienten, Alter, Impfstatus – finden sich nun im aktuellen RKI-Wochenbericht, allerdings nicht die regionale Verteilung der Patienten.

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Und wie das RKI „Zeit online“ erklärte, sei dies auch für die Zukunft „bislang nicht geplant“. Zum Grund wollte sich das RKI nicht äußern. Damit bleibt die Frage, wie dann lokale Infektionsgeschehen beurteilt werden sollen. Die Zahlen der Neuinfektionen, der Inzidenz und der belegten Intensivbetten liegen für die einzelnen Landkreise vor.

Spahns Ministerium teilte „Zeit online“ dazu nur mit, vor dem Hintergrund der steigenden Durchimpfungsrate seien „der Anteil der Hospitalisierungen bei Covid-19-Fällen, der Anteil Verstorbener unter den hospitalisierten Covid-19-Fällen sowie die Inzidenz der Hospitalisierungen (insbesondere der höheren Altersgruppen)“ wichtige Indikatoren, um –gemeinsam mit der Inzidenz – das Infektionsgeschehen zu bewerten“.

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Dem neuen Ansatz liegt eben auch die Annahme zugrunde, dass durch die Impfungen schwere Verläufe weitgehend verhindert werden können und eine Überlastung der Kliniken so verhindert werde. Allerdings schätzt zum Beispiel der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach die Gefahr durch die Deltavariante deutlich höher ein als bislang vermutet. Sie sei nicht nur ansteckender, sondern führe auch zu mehr Todesfällen.

Dies zeigten erneut jüngste Auswertungen aus Kanada. „Die ursprüngliche Hoffnung, dass die Deltavariante zwar ansteckender sei, aber leichter verlaufe, hat sich leider nicht bestätigt. Auch nicht in den Daten aus England.“ Dies mache ihn „sehr sorgenvoll für den Herbst“.

Und Christian Drosten, Leiter der Virologie der Berliner Charité, zeigte sich „zunehmend besorgt über den Impffortschritt“. Viele Menschen wähnten sich angesichts einer niedrigen Inzidenz in Deutschland fälschlicherweise in Sicherheit. „Ohne höhere Impfquoten kommt die Winterwelle“, sagte er dem Tagesspiegel. Dabei wünsche auch er sich, dass nicht noch einmal Einschränkungen des gesellschaftlichen Lebens notwendig werden.

Wie sich das Infektionsgeschehen in Deutschland derzeit entwickelt, zeigen auch aktuelle Daten des RKI:

Sieben-Tage-Inzidenz

Der Anstieg der Sieben-Tage-Inzidenz ist nach RKI-Angaben bisher vor allem bei Menschen zwischen 15 und 34 Jahren zu beobachten. Hier lag der Wert in der vergangenen Woche bei 32, schwere Erkrankungen in seien eher selten. Allerdings sind die Impfquoten bei den unter 60-Jährigen deutlich geringer als bei den über 60-Jährigen. Bei den Älteren gab es weniger als fünf Fälle pro 100.000 Einwohner binnen einer Woche. Im bundesweiten Schnitt lag der Wert am Freitagmorgen bei 13,2 – am Vortag betrug der Wert 12,2 und beim jüngsten Tiefststand am 6. Juli 4,9.

Demnach meldeten die Gesundheitsämter in Deutschland dem RKI zuletzt binnen eines Tages 2089 Neuinfektionen. Vor einer Woche hatte der Wert für Deutschland bei 1456 Ansteckungen gelegen. Deutschlandweit wurde den neuen Angaben zufolge binnen 24 Stunden 34 Todesfälle verzeichnet. Vor einer Woche waren es 18 gewesen.

Der R-Wert

Die Reproduktionszahl – kurz R-Wert – schätzt das RKI auf 1,23. Dieser Wert gibt an, wie viele Menschen ein Infizierter im Schnitt ansteckt. Liegt der R-Wert über 1 bedeutet das einen exponentiellen Anstieg der Infektionszahlen.

Impfungen in Deutschland

In Deutschland sind inzwischen 48,5 Prozent der Bevölkerung vollständig gegen das Coronavirus geimpft. Nach Angaben des RKI vom Freitag (Stand: 9.45 Uhr) wurden am Donnerstag 565.235 Impfdosen verabreicht. Damit sind nun rund 40,3 Millionen Menschen vollständig geimpft. Rund 50,4 Millionen (60,6 Prozent) haben mindestens eine Impfdosis erhalten. Der „bei weitem größte Teil“ der seit 1. Februar übermittelten Covid-19-Fälle sei nicht geimpft gewesen, heißt es im Wochenbericht.

Das RKI schätzt, dass die Effektivität der Impfung für die Zeit von Anfang Februar bis 11. Juli für die 18- bis 59-Jährigen bei circa 89 Prozent liegt, bei den Menschen ab 60 bei etwa 87 Prozent. Seit Anfang Februar seien insgesamt 6125 sogenannte Impfdurchbrüche erfasst worden. Meist verliefen solche Fälle mild, sie seien zudem im Vergleich zur Gesamtzahl der vollständig Geimpften selten. Von den Betroffenen über 60 Jahren kamen demnach gut ein Viertel ins Krankenhaus. Das RKI geht aber davon aus, dass nicht alle Betroffenen erfasst werden.

Ansteckungen bei Reisen

Zunehmend werden dem RKI auch wieder Fälle bekannt, in denen die Betroffenen dem Virus wahrscheinlich im Ausland ausgesetzt waren. Die mit Abstand häufigste Angabe derzeit sei Spanien. Das beliebte Urlaubsziel weist wesentlich höhere Inzidenzen als Deutschland auf.

Tests in Labors

Seit Wochen wird immer weniger im Labor auf Corona getestet. Der neue Tiefstand für 2021 ist vergangene Woche mit 592.221 PCR-Tests verzeichnet. Davon waren 1,64 Prozent positiv.

Zur aktuellen Lage in den Kliniken schreibt das RKI, der Rückgang der Patientenzahlen in Krankenhäusern und auf Intensivstationen setze sich aktuell nicht weiter fort. Die Werte lägen zurzeit aber auf einem niedrigen Niveau. Nach Angaben des Divi-Intensivregisters befanden sich Stand 21. Juli357 Covid-19-Patienten auf Intensivstationen, davon wurden 58 Prozent invasiv beatmet. Insgesamt gibt es in Deutschland rund 24.000 Intensivbetten. Davon waren etwa 3550 belegt.

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