Von links außen ab durch die Mitte: Die Ex-Juso-Chefs Gerhard Schröder und Andrea Nahles (von links). Fotos: imago/Rust, Sepp Spiegl/imago/stock&people, imago/Garcia, imago/Heiko Feddersen
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Jungsozialisten Übermut tat meistens gut

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Kevin Kühnert kämpft gegen SPD-Pläne für eine große Koalition. Auch früher waren Juso-Vorsitzende die schärfsten Kritiker der Parteiführung.

Die Jungsozialisten sind traditionell eine wichtige Nachwuchsschmiede für die SPD. Viele ihrer früheren Vorsitzenden haben später bei den Sozialdemokraten große Bedeutung und Macht erlangt. Gerade kämpft Kevin Kühnert gegen die Pläne der SPD-Führung für eine große Koalition. Juso-Vorsitzende waren oft die innere Opposition der deutschen Sozialdemokratie.
Er sei die „Abrissbirne der SPD-Programmatik“, schimpfte etwa die SPD-Politikerin Andrea Nahles im Jahr 1998 über ihren Genossen Gerhard Schröder. Der war damals Kanzlerkandidat der Sozialdemokraten und Nahles war Bundesvorsitzende der Jusos. Heftige Kritik an der Parteispitze gehörte zu ihrem Job als Chefin der Jungsozialisten.

Heute ist Nahles längst keine Rebellin mehr. Sie war Generalsekretärin ihrer Partei sowie Bundesarbeitsministerin – und wirbt jetzt als Chefin der SPD-Bundestagsfraktion für eine Neuauflage der großen Koalition. „Deswegen komme ich auch zu euch, um mich mit euch anzulegen“, rief sie im November 2017 beim Juso-Bundeskongress in Saarbrücken. „Ich werbe heute bei euch darum, dass wir im Streit beisammenbleiben.“ Aus der „roten Andrea“ ist eine Gegenspielerin der Jusos geworden.

Schröder schwärmte für Marx, seine Nachfolger nannten ihn "Abrissbirne" und "Genosse der Bosse"

Eine ähnliche Wandlung hat auch Gerhard Schröder durchgemacht. 1978 wurde er zum Juso-Chef gewählt und schwärmte damals für den Marxismus. Gut zwanzig Jahre später wurde er Bundeskanzler und legte sich mit den Jusos an: Vor allem der von Rot-Grün 1999 beschlossene Bundeswehreinsatz im Kosovo sorgte bei der Parteijugend für heftige Kritik. Auch in der Innenpolitik verscherzte es sich der vom Juso- zum Regierungschef aufgestiegene Schröder mit dem SPD-Nachwuchs. „Genosse der Bosse“ nannte ihn dann der damalige Juso-Vorsitzende Niels Annen – das war die Schelte für Schröders Agenda-Politik. „Die Agenda hat keine Gerechtigkeitslücke, sie ist eine einzige Gerechtigkeitslücke“, sagte Annen im Jahr 2003.

Auch Heidemarie Wieczorek-Zeul, Schröders Vorgängerin im Amt des Juso-Chefs, begann ihre bundespolitische Karriere bei den Jungsozialisten. Eine „Radikale im öffentlichen Dienst“ nannte sich die damals 31-jährige Lehrerin bei ihrer Wahl zur Juso-Vorsitzenden 1974 selbst. Später rückte sie in den Parteivorstand auf und war von 1998 bis 2009 Bundesentwicklungsministerin, sowohl unter Rot-Grün als auch in einer großen Koalition.

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