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Eine Flagge und ihr Trainer: Bei der Nationalmannschaft geht es auch um ein gesellschaftliches Modell. Foto: Jan Woitas/dpa-Zentralbild/dpa
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Jogi Löw, die Mannschaft und Deutschland Das Hochtrabende ist vom Lächerlichen kaum noch zu trennen

Peter von Becker

Oft wurde aus der National-Elf eine Chiffre für Deutschland – jetzt ist Zeit, ihre Zukunft wieder als gesellschaftspolitisches Thema zu sehen. Ein Kommentar.

Fußball gehört weltweit zu den berühmten Mythen des Alltags. Dabei hat es die deutsche Fußballnationalmannschaft auch zum Mythos vieler Feiertage geschafft. Ob einst das Wunder von Bern oder von Belo Horizonte, ob Weltmeister auf dem Rasen oder auch nur in den Herzen. Selbst Niederlagen wie die in Wembley ’66 oder bei legendären WM-Halbfinalkämpfen gegen Italien hatten noch mythischen Charakter. Waren mal grausame, mal begeisternde Sommermärchen.

Das alles erscheint heute sagenhaft fern. Selbst die Niederlagen sind nicht mehr das, was sie waren.

Vom Deutschen Fußballbund eben noch großmannssüchtig in Marketingmanier als „Die Mannschaft“ stilisiert, ist die Nationalelf samt ihrem Trainer nurmehr ein verblasster Mythos. Wobei der DFB nach dem Null-Sechs-Desaster von Sevilla die wahre, über das rein Sportliche hinausreichende Dimension offenbar noch immer nicht begriffen hat. Trotz zweier (vermeintlicher) Lehrjahre seit dem WM-Fiasko in Russland 2018.

Geben die Fußballfans Fersengeld, fließt tendenziell weniger Fernsehgeld. Darum schaut der DFB zuerst immer auf sinkende Einschaltquoten. Doch gehört zum Mythos Nationalmannschaft auch: eine gesellschaftliche Realität. Und diese reicht über die schiere Verbindung von Sport und Fan-Szene weit hinaus.

Das Bedürfnis nach Selbstvergewisserung wächst

Die Nationalmannschaft bedeutete, mindestens bis vor Kurzem, noch ein Stück allgemein verbindender Identifikation. Heute in Zeiten sozialer Spannungen und Belastungen gibt es die zunehmenden Fliehkräfte und Partikularinteressen, andererseits wächst das Bedürfnis nach Selbstvergewisserung. Nach Bestätigung und Identifikation – bis hin zu den verschwörungsverrückten, irrationalen Vorstellungen der „Identitären“.

Gerade in dieser Situation wirkte die Nationalmannschaft eher vorbildhaft zivil. Der heilige Wahnsinn der Fußballliebe setzte die Vernunft nicht völlig außer Kraft, und Hooligans oder Ultras sind bis heute ein, wenn auch lautstarkes, Minderheitenphänomen.

Schon 1954 waren die Deutschen in West und Ost in ihrer Begeisterung über das Weltmeisterwunder von Bern in der Mehrheit vereint. Aber trotz kurzfristig aufkeimender neuer Chauvinismen im Sinne des „Wir sind wieder wer“ taugten die Helden von Bern zu keiner revanchistischen Verkehrung der Jahre ’45 und ’54.

Fritz Walter und seine Frau Italia - Sinnbild bürgerlicher Offenheit. Foto: dpa /säumer Vergrößern
Fritz Walter und seine Frau Italia - Sinnbild bürgerlicher Offenheit. © dpa /säumer

Sinnbild der bürgerlichen Bescheidenheit und zugleich neuer Offenheit war der Weltmeister-Kapitän und frühe Weltklassespieler Fritz Walter, dessen Ehefrau Italia, eine gebürtige Italienerin, mit dem noch nicht so genannten Migrationshintergrund als Übersetzerin damals für die im pfälzischen Kaiserslautern stationierten französischen Behörden arbeitete.

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Trotz der überwiegend konservativen DFB-Verbandsführung stand die bundesdeutsche Nationalelf als gemeinsamer Identifikationsfaktor für West- und auch Ostdeutsche gewiss für sportlichen Patriotismus, doch kaum für nationalistischen Hochmut.

In Sevilla hat Löw nicht nur ein Spiel, sondern seine Mannschaft verloren

Und wenn, dann kam er vor dem Fall. Als Franz Beckenbauer im Sommer 1990 den kurz vor der Wiedervereinigung gewonnenen dritten WM-Titel eher unbedacht mit der Prognose künftiger deutscher Unschlagbarkeit verband, stand auf internationalem Parkett erstmal ein ungeahnter jahrelanger sportlicher Niedergang bevor.

Joachim Löw war die Verzweiflung beim 0:6 gegen Spanien in Sevilla ins Gesicht geschrieben. Foto: imago images/Eibner Vergrößern
Joachim Löw war die Verzweiflung beim 0:6 gegen Spanien in Sevilla ins Gesicht geschrieben. © imago images/Eibner

An dieses Menetekel hatte sich 2018, als Titelverteidiger Deutschland mit „Der Mannschaft“ als einer der Favoriten zur WM nach Russland reiste, wohl keiner mehr erinnert.

Tatsächlich war und ist das spielerische Potenzial im DFB-Team zu groß, um die wiederholten Einbrüche seit 2018 ganz zu erklären. Geschweige denn den Zusammenbruch von Sevilla. Da nämlich ging nicht nur ein Spiel an jenem „rabenschwarzen Tag“ (Joachim Löw) verloren. Sondern ein Trainer hatte auch seine Mannschaft verloren. Ohne Licht- oder Richtzeichen, weder von innen noch von außen, nicht in der Kabine und nicht vor den noch immer Millionen Fernsehzuschauern.

Jetzt weisen die Umfragen zum Interesse an der Nationalmannschaft klar nach unten. Das DFB-Politbüro – man muss es angesichts der Umstände und seines anachronistischen Gehabes so nennen – tagt am 4. Dezember noch einmal. Obwohl man Anfang der Woche bereits über die Weiterbeschäftigung von Jogi Löw als Nationaltrainer entschieden hat. Auch hier ist das Hochtrabende vom Lächerlichen kaum noch zu trennen.

Tatsächlich wirkt der DFB in seiner Mischung aus betulicher Arroganz und Ignoranz inzwischen wie aus der Zeit gefallen. Geht es doch längst nicht mehr nur um die vertragliche Zukunft eines Trainers und eines mit ihm verbundenen Managers.

Löw und Bierhoff sind nur Verwalter des früheren Ruhms

Oliver Bierhoff mit seinem Tefloncharme und Jogi Löw, der badische Biederweltmann, sind sympathisch und höchst erfahren.

Aber in ihrer so erfolgsgesättigten wie erkennbar gezügelten Leidenschaft erscheinen sie nur noch als Verwalter des früheren Ruhms. Es bedürfte also schon der Raffinesse eines Baron Münchhausen (die Geschichte mit dem Sumpf und den eigenen Haaren), dass sie ihren Spielern in der Krise noch einmal den zweiten oder gar dritten Wind einhauchen. Als Motivatoren und Inspiratoren.

Das hat Philipp Lahm, der auf dem Höhepunkt seiner Karriere klug zurückgetretene Mannschaftskapitän der triumphalen Löw- Jahre, nun mit einem Brandbrief an den DFB zumindest halb offen angesprochen.

Foto mit Sprengkraft: Recep Tayyip Erdogan (r), Staatspräsident der Türkei, hält zusammen Mesut Özil ein Trikot von Özil. Foto: Uncredited/Pool Presdential Press Service/AP/dpa Vergrößern
Foto mit Sprengkraft: Recep Tayyip Erdogan (r), Staatspräsident der Türkei, hält zusammen Mesut Özil ein Trikot von Özil. © Uncredited/Pool Presdential Press Service/AP/dpa

Mit dem Verweis etwa auf den offensiven Fußball des von Jürgen Klopp trainierten FC Liverpool. Klopp freilich steht wohl erst gegen Ende seines bis zum Jahr 2024 laufenden Vertrags mit dem englischen Meister als allgemein favorisierter künftiger Coach für den DFB zur Verfügung.

Indes geht es bei der Zukunft der Nationalmannschaft um mehr, als nur ein paar Millionen TV-Konsumenten (und heimliche Bundestrainer) mit der selbstbeschworenen Hoffnung auf wiederkehrende Erfolgserlebnissen zu befriedigen. Es geht um eine Mannschaft auch als gesellschaftliches Modell.

Der DFB versagt auf ganzer Linie

Gerade in der Ära Löw ist das Nationalteam zu einem Signal dafür geworden, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist – mit der Chance auf erfolgreiche Integration und großes Gelingen. Ein Zeichen, das anders als viele sonstige sozialpädagogische Projekte potentiell alle Gesellschafts- und Bildungsschichten erreicht.

Man mag hier einwenden, dabei handele es sich nur um eine Gruppe junger Millionäre. Ähnlich wie schon seit hundert Jahren bei den schwarzen Sport- und Popstars in den USA, wo Rassismus dennoch weiter existiert. Und doch, ganz ohne solche Beispiele hätte es vermutlich noch keinen schwarzen US-Präsidenten gegeben und künftig keine schwarze Vizepräsidentin.

Die Malaise beim Deutschen Fußballbund ist indes: An der Spitze dieser größten Sportvereinigung der Welt sitzen dysfunktionale Funktionäre.

Deren Manko hatte sich zuletzt schon beim Umgang mit Korruption (Stichwort: Sommermärchen) oder im Fall Özil/Gündogan nach deren Fototreff mit dem türkischen Präsidenten gezeigt. Es bräuchte jetzt sozialpolitisch und kulturell sensibilisierte Köpfe, denen die Frage nach der Zukunft der Nationalmannschaft auch als gesellschaftliches Thema tiefer bewusst ist.

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