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Der President-elect Joe Biden und seine Vize Kamala Harris bei ihrem Auftritt in Delaware. Foto: Jim WATSON / AFP
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Joe Biden und Kamala Harris Zwei, nach denen sich auch viele Deutsche sehnen

Die Deutschen werden sich in Biden und Harris verlieben, wie sie sich in die Obamas verliebt haben. Nebenwirkungen eingeschlossen. Ein Kommentar.

Der Fehler, den die Deutschen als nächstes machen werden, ist spätestens mit dem gestrigen Abend schon absehbar, aber vielleicht auch nicht so schlimm. Sie werden sich in Kamala Harris und Joe Biden verlieben wie sie sich auch in Barack Obama verliebt haben, auf eine etwas naive, teenagerhafte Weise, aber um so doller.

Als sich der gewählte Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika und seine zukünftige Vizepräsidentin gestern Abend in Wilmington, Delaware, zum ersten Mal nach ihrer Ausrufung als Wahlsieger an die Amerikanerinnen und Amerikaner wandten, waren eine Energie und ein Charisma spürbar, wie man sie seit Barack Obama nicht mehr erlebt hat, eine ansteckende Freude am Leben und an der Politik und an der Veränderung, die genau dem entspricht, was Deutsche an ihren eigenen Politikern manchmal vermissen – und wonach sich auch viele Amerikaner, besonders die Jungen, in den vergangenen vier Jahren gesehnt haben.

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Joe Biden und Kamala Harris machten alles richtig. Sie sprachen zwar all jene Gruppen besonders an, die ihnen zur Präsidentschaft verholfen haben, jene, die während sie sprachen in den Straßen tanzten und die vergangenen vier Jahre als besonders quälend empfunden haben: Frauen, Afroamerikaner, Amerikaner aus Familien mit Einwanderungsgeschichte, die LGBTQ-Community und junge Menschen (also insgesamt eine ganze Menge Menschen, die Mehrheit, bevor jetzt wieder jemand anfängt, über Identitätspolitik für Minderheiten zu mosern). Aber Joe Biden betonte auch, er werde der Präsident aller Amerikaner sein – und das ist glaubwürdig.

Sehen Sie hier die Rede von Joe Biden:

Was aber den größten Unterschied ausmachte und so ansteckend und sympathisch, eben zum Verlieben war: Mit Joe Biden und Kamala Harris kehrt die Empathie, kehrt die Menschenfreundlichkeit in die amerikanische Politik zurück.

Endlich mal wieder zwei, die nicht nur über sich sprechen

Wie sehr die letzten vier Jahre die Seh- und Hörgewohnheiten verändert haben, zeigte sich darin, dass auffiel, wie viel Zeit beide in ihren Reden dafür aufwandten, nicht über ihre eigenen, sondern über die Verdienste anderer zu sprechen, wieviel Zeit sie für Dankes- und Liebesbekundungen aufwandten.

Kamala Harris reklamierte nicht einfach für sich, die erste Frau und die erste Frau aus einer Einwandererfamilie in diesem Amt zu sein. Sie würdigte die Leistung all jener, die das ermöglicht haben, nicht zuletzt die ihrer Mutter und der Frauen der Bürgerrechtsbewegung: „Ich stehe auf ihren Schultern.“

Sehen Sie hier die Rede von Kamala Harris:

Joe Biden sprach den Angehörigen der mehr als 200.000 Covid-19-Toten in den Vereinigten Staaten sein Beileid aus. Wir haben gelernt: Das ist nicht selbstverständlich.

In der liberalen Demokratie ist Empathie eigentlich kein Luxus. Empathie ist Ausdruck einer besonderen Wertschätzung für jedes einzelne Leben, jeden einzelnen Menschen, die den Kern der Demokratie ausmacht.

Donald Trump fehlte auf geradezu pathologische Weise die Fähigkeit dazu: Er ließ an der Grenze der Vereinigten Staaten Kinder von ihren Eltern trennen, um Einwanderer abzuschrecken. Als ein Sturm Puerto Rico traf, reiste Trump an und warf gelangweilt Papiertücher in die Menge als veranstalte er eine Tombola.

„It is what it is“

Er verlor kein Wort des Mitgefühls für die Angehörigen der von Polizisten getöteten Afroamerikaner wie George Floyd. Und er vermochte es anders als Joe Biden nicht, um die Covid-Toten zu trauern. Das Emotionalste, was der Präsident jemals über die Toten der Pandemie gesagt hat, war: „It is what it is.“

[Mehr zum Thema: Donald Trump - ein Nachruf zu Lebzeiten - der Zerstörer wird gehen müssen, sein Schutt bleibt]

Mit Joe Biden und Kamala Harris kehrt eine genuine Wertschätzung des Lebens auf fröhliche, charismatische und energische Weise in die Politik zurück. Für Donald Trump ist das Survival of the Fittest ein akzeptabler und sogar begrüßenswerter Naturzustand. Armut und Krankheit sind für ihn Teil dieses Naturzustands, kein politisches Problem, das es zu lösen gilt.

Trump steigerte die amerikanische Idee der Eigenverantwortlichkeit in das Extrem einer völligen Entsolidarisierung – dass er seine eigene Covid-19-Erkrankung gut überstand, war für ihn nur ein Beleg für die Richtigkeit dieser Ideologie.

Joe Biden und Kamala Harris stehen für das Invers dieses Weltbildes.

Die Amerikaner, aber auch die Deutschen, haben gerade in Zeiten der Pandemie ein tiefes Bedürfnis nach dieser Art des entschlossenen, aber empathischen Politikers, wie Biden und Harris ihn verkörpern: Beste Voraussetzung für einen „big crush“, ein hoffnungloses Verlieben. Das wird sicher gelegentlich einem analytisch-kritischen Blick auf die transatlantischen Beziehungen im Wege stehen und erwartbare Enttäuschungen verschlimmern. Aber was soll’s. Da ist nicht viel zu machen.

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