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Francesco La Camera, Chef der Internationalen Agentur für Erneuerbare Energien, bei den Berlin Energy Transition Days im März. Foto: Photothek/BETD
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Irena-Chef La Camera im Interview „Das alte Energiesystem ist suizidal“

Die Welt müsse „drastisch“ schnell ihre Energieversorgung umbauen, mahnt Francesco La Camera, Chef der Internationalen Agentur für Erneuerbare Energien (Irena).

Herr La Camera, die Gefahren des zentralisierten Energiesystems mit fossilen Brennstoffen sind offenkundig. Dennoch läuft der Umbau zu dezentralen Erneuerbaren zäh. Wird der Russland-Schock das ändern?
Was jetzt geschieht, verursacht geopolitischen Druck auf diejenigen, die bisher nicht an die Ziele der Energie-Transition glaubten. Jetzt verstehen sie, wie wichtig erneuerbare Energien für die Energieunabhängigkeit sind. Ja, das könnte dazu beitragen, dass die Regierungen sich beeilen. Aber wir müssen realistisch sein: Vor zwei Jahren hat Irena eine sehr klare und konsistente Agenda für die Zeit nach Covid verfasst. Darin wurde skizziert, wie die Energie-Transition von der tragischen Krise sogar profitieren könnte. Doch die Welt hat diese Chance verpasst. Weniger als zehn Prozent der Hilfsgelder sind in saubere Energiesysteme geflossen.

Das bleibt weit hinter dem zurück, was laut Ihrem neuen World Energy Transition Outlook notwendig ist.
In der Ausgabe 2021 haben wir gewarnt, dass sich das Window of Opportunity schließt. Wir entwarfen ein Szenario, in dem wir Regierungsmaßnahmen vorschlugen, mit denen man dieses Ziel erreichen kann. Wir haben auch die Vorteile für die BIPs eingeschätzt. Im diesjährigen Ausblick sendet Irena eine sehr starke Botschaft: Wenn wir nicht schnell und drastisch handeln, werden das 1,5-Grad-Ziel und vielleicht auch das 2-Grad-Ziel verschwinden.

Trotzdem konzentrieren sich die Debatten jetzt eher auf Energiesicherheit als auf Dekarbonisierung. Führt diese Krise dazu, dass Regierungen die langfristigen Klimaziele vernachlässigen?
Es gibt diese Idee einer kurzfristigen Reaktion auf den Gasmangel. Aber wir können uns nicht den Luxus leisten, kurzfristige und langfristige Probleme unterschiedlich zu behandeln. Die Antwort auf beides muss sein, die Energie-Transition zu beschleunigen. Das zu erreichen ist keine Frage des politischen Willens. Der Wille ist da. Es ist eine Frage der politischen Fähigkeit, den Willen in die Tat umzusetzen. Die deutsche Regierung zeigt in dieser Richtung echte Führung. Soweit ich sehen kann, ist ihr Verständnis dafür, dass man kurzfristig arbeiten muss, verbunden mit mittelfristigen Zielen, sehr klar.

Als der deutsche Wirtschaftsminister kürzlich nach Katar reiste, um Flüssigerdgas als Ersatz für russisches Pipelinegas zu beschaffen, wurde ihm vorgeworfen, der ersetze eine Autokratie durch eine andere. Wie sollten die europäischen Regierungen mit diesem Dilemma umgehen?
Indem sie mehr Partner haben. Diversifizierung ist der richtige Weg. In der Politik kann man nicht nur ein Land heiraten. Soweit ich weiß, spricht Deutschland mit einer Reihe potenzieller Lieferländer. Es gibt viele, die in diesen Markt streben. Wenn man mit vielen Ländern Vereinbarungen trifft, ist es einfacher, einen wettbewerbsfähigen Preis zu erzielen und Risiken zu verringern. Ich sehe, was die deutsche Regierung tut, und ich denke, sie macht das ziemlich gut.

Angesichts der politischen Profile einiger wichtiger Rohstoffanbieterländer – sollte man die Lieferketten kritischer Mineralien für den Erneuerbaren-Sektor überdenken?
Ich möchte klarstellen: Wir nennen sie Seltene Erden, aber sie sind geologisch gesehen nicht selten. In allen Teilen der Welt gibt es Potenzial für die Gewinnung dieser Mineralien. Das bedeutet, dass wir eine Planung für den Abbau aufstellen müssen. Wir müssen mit Ländern zusammenarbeiten, die diese Mineralien bereitstellen können. Weil es einfacher und weniger kostspielig war, haben wir sie bisher nur aus einigen wenigen Ländern bezogen.

Seltene Erden aus China zum Beispiel...
Eigentlich liegen die Abbaustätten eher in Afrika. Aber Tatsache ist: Die Mineralien sind kein Hindernis für die Energiewende. Zumindest sind sie nicht so einschränkend wie das zentralisierte System. Wir brauchen also eine Planungspolitik und eine Planung für den Abbau in jedem Land, das Potenzial hat. Wir müssen den Abbau sozial fair und gerecht gestalten – derzeit müssen manchmal Kinder in den Minen arbeiten. Wir dürfen uns in diesen Ländern nicht wie Raubtiere mit einem kolonialistischen Ansatz verhalten. Stattdessen müssen wir den Nutzen teilen. Und dann gibt es noch technologische Innovationen, dank derer wir weniger von diesen Mineralien verbrauchen können.
Welche Art von Innovationen?
Zum Beispiel kann man Wärme speichern, ohne seltene Erden oder andere kritische Mineralien zu verwenden. Innovation kann den dringenden Bedarf an diesen Elementen verringern. Außerdem: Wenn man größere Batterien baut, wird es einfacher, eine Kreislaufwirtschaft zu entwickeln. Es wird einfacher sein, Batterien zu recyceln. Mit den richtigen politischen Maßnahmen wird es kein Hindernis für die Schaffung eines neuen sauberen Energiesystems geben, das weitgehend auf erneuerbaren Energien basiert und durch grünen Wasserstoff und nachhaltige Biomasse ergänzt wird.

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China ist der größte Anbieter von Photovoltaik-Modulen und von Polysilizium für Solarzellen. Die Rolle Russlands im Energiesystem wird jetzt neu bewertet. Sollten wir aus den Fehlern lernen und Chinas Rolle präventiv neu bewerten?
Die Energie-Transition wird, wenn sie richtig gemanagt wird, eine Lieferkette schaffen, die viele Akteure auf den Markt bringt. Sie wird anderswo Anreize schaffen, sich einzubringen. In Deutschland baut ein Unternehmen gerade eine große Produktion von Solarzellen auf. Das könnte genauso in Argentinien und Brasilien passieren. Die Abkehr von einem zentralisierten System auf Basis fossiler Brennstoff wird vielen Akteuren den Markt öffnen. Wenn wir wirklich zusammenarbeiten, bietet das die Möglichkeit, eine Welt zu schaffen, die nicht nur sauberer und sicherer, sondern auch gerechter ist. Potenziale gibt es überall.

Wo liegt das größte Potenzial für grünen Wasserstoff?
In Afrika. Die Zusammenarbeit mit Afrika wird nicht nur grünen Wasserstoff in den Norden bringen, sondern auch das Wachstum einer grünen Industrie in Afrika ermöglichen. Das ist eine Gelegenheit, die Lieferketten weltweit neu zu gestalten und ein Energiesystem aufzubauen, in dem Nord und Süd, Ost und West, enger miteinander verbunden sind.

In einem Friedensszenario nach diesem Krieg: Wie könnten die Ukraine und Russland mit ihren großen Erneuerbaren-Potenzialen Teil der globalen Energie-Transition werden?
Das werden wir sehen müssen. Wir haben mit der Ukraine und mit Russland zusammengearbeitet. Sie sind Mitglieder von Irena. In der Ukraine bestand das Hauptproblem in einem Einspeisetarifsystem für erneuerbare Energien, das zu hohen Strompreisen führte. Deshalb wollte man zu einem auktionsbasierten System übergehen. Wir haben versucht, sie dabei zu unterstützen. Sie arbeiteten daran. Ich wurde in der Vergangenheit auch zur russischen Energiewoche eingeladen. Wir haben mit ihnen zusammengearbeitet. Ich möchte, dass dieser Krieg endet. Ich habe so etwas noch nie so nah gespürt. Ein Blick in die Zukunft: Wir werden mit jedem Land, das Mitglied von Irena ist, zusammenarbeiten. Wie das geschehen kann, ist jetzt nicht zu diskutieren.

Die Irena nimmt in dem Konflikt also eine neutrale Position ein?
Wir haben keine Position. Das bedeutet nicht, dass wir neutral sind. Es bedeutet, dass wir keine Position einnehmen können. Irena-Mitglieder sind auch UN-Mitglieder. Die UNO ist das Forum, in dem sie ihre Positionen in Konflikten darlegen.

Im Kontext Ihres neuen Energy Transition Outlook sagten Sie, Investitionen in neue Infrastrukturen für fossile Brennstoffe würden „unwirtschaftliche Praktiken festschreiben, bestehende Risiken verewigen und die Bedrohung durch den Klimawandel erhöhen“. Fordern Sie einen sofortigen Stopp der Erkundung neuer Öl- und Gasfelder?
Das ist Ihre Interpretation. Wir geben keine politische Erklärung ab wie „Kein Gas und Öl mehr“. Die Ölförderung musste ab 2020 zurückgehen, die Gasförderung muss ab 2025 sinken. Das muss reibungslos passieren, während wir dafür sorgen, dass genügend Energie zur Verfügung steht, um die Nachfrage zu decken. Das gesamte Geld, das in diesem Sektor ausgegeben wird, sollte eine Verringerung ermöglichen, die zu den Kapazitäten für den Aufbau eines neuen Systems passt. Das ist keine ideologische Position, sondern sie setzt in die Praxis um, was der IPCC sagt. Wir dürfen nicht davon besessen sein, das alte System abzuschalten. Das alte System ist ohnehin suizidal, der Markt macht es wegen seiner hohen Kosten kaputt. Der Punkt ist, dass es schneller geschehen muss. Geschwindigkeit und Umfang müssen drastisch erhöht werden.

Sie, die Internationale Energieagentur, Klimaforscher und Aktivisten haben schon oft gefordert, dass es schneller gehen muss. Bisher handeln die Regierungen nicht entsprechend. Sind sie fähig dazu?
Ich habe mal ein Buch darüber geschrieben, was nachhaltige Entwicklung in der politischen Theorie bedeutet. Ich habe es mit der Frage beendet, ob die Menschheit in der Lage sein wird, das zu erreichen. Meine Antwort lautete: „Ich glaube es nicht, aber ich hoffe es“. Im Vorwort unseres neuen World Energy Transition Outlook habe ich das Gleiche geschrieben. Aber ich habe den Satz „Ich glaube es nicht“ gestrichen.

Nochmals: Wir glauben, dass der politische Wille vorhanden ist. Die entscheidende Herausforderung sind jetzt die politischen Fähigkeiten – wie man Allianzen bildet, um die Dinge in die Tat umzusetzen. Politik ist eine sehr komplexe Realität. Die Aufgabe der Irena besteht darin, die Dinge sehr klar zu machen. Ich denke, dass wir das mit unserem letzten Bericht erreicht haben. Wir senden keine positive Botschaft. Wir senden eine Botschaft. Hoffentlich werden die Regierungen sie hören und konsequent handeln.

Zur Person: Francesco La Camera leitet die Internationale Agentur für Erneuerbare Energien (Irena) mit Sitz in Abu Dhabi. Ihr gehören 167 Staaten an. Zuvor hatte der Diplomat Positionen im italienischen Umweltministerium inne. Er führte Italiens Delegationen bei den Weltklimakonferenzen COP 21 bis 24.

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