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Nur mit Mundschutz: New Jerseys Gouverneur Phil Murphy bei seinen täglichen Pressekonferenzen zur Corona-Krise. Foto: Chris Pedota/Pool The Record/AP/dpa
© Chris Pedota/Pool The Record/AP/dpa

Interview mit New Jerseys Gouverneur Phil Murphy „Wir brauchen Washington an unserer Seite“

New Jersey ist nach New York der von Corona am stärksten betroffene US-Staat. Gouverneur Phil Murphy über den Verlauf der Krise, Donald Trump und warum er stets Maske trägt.

Gouverneur Murphy, Ihr Kollege aus New York, Andrew Cuomo, sagte gerade, dass es New York State gelungen sei, die Kurve der Coronavirus-Infektionen abzuflachen. Wie ist die Situation in New Jersey?
Das ist uns noch nicht gelungen. Wir sind zeitlich ein bisschen hinter New York. Man könnte sagen: Wir haben mit dem Abflachen begonnen, aber wir haben das Plateau noch nicht erreicht. Wir sind noch nicht an unserem Höhepunkt angekommen. 

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Aber der Anstieg bei der Zahl der Infizierten verlangsamt sich etwas. Leider steigt die Zahl der Toten weiter, denn diese Menschen haben sich bereits vor mehreren Wochen angesteckt. Wir befinden uns also immer noch mitten in diesem Krieg.

Ist denn der Höhepunkt schon in Sicht?
Nein, ich vermute, das wird erst in den nächsten paar Wochen der Fall sein.

New Jersey ist nach New York der am härtesten betroffene US-Bundesstaat. Woran liegt das?
Der nördliche Teil unseres Staates gehört im Grunde zum Großraum New York. Das Virus wütet zwar überall, und auch in 19 von 21 unserer Bezirke gibt es Todesfälle. Aber der überwiegende Teil der Infektionen und Todesfälle stammt aus den Gebieten New Jerseys, die zum Großraum New York zählen.

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Also von Pendlern.
Ja, Menschen, die hin- und herreisen, um zur Arbeit, zur Schule, in den Gottesdienst oder einfach nur ins Restaurant oder Kino zu gehen.

Gemeinsam mit fünf Nachbarstaaten, darunter New York, wollen Sie über erste Schritte beraten, wie die Corona-Auflagen wieder gelockert werden könnten. Was müsste dazu geschehen?
Zuerst müssen wir das Rückgrat dieses Virus brechen. Wir müssen eine medizinische Verbesserung sehen, bevor wir die wirtschaftliche Erholung angehen können. Andersherum wird es nicht funktionieren. Natürlich ist es wohl auch nicht machbar, dass wir die Infektionsrate erst auf Null bringen. 

Daher brauchen wir vor allem flächendeckende Tests, und das haben wir derzeit noch nicht, weder in New Jersey noch im Rest des Landes. Wir tun alles, was wir können. Aber ohne das geht es nicht. Das Virus darf nicht wiederkommen, oder wenn es wiederkommt, müssen wir in der Lage sein, schnell zu handeln, damit es sich nicht wieder so rasant ausbreitet.

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Präsident Trump hat erklärt, dass er die Macht habe, das Land und die Wirtschaft wieder zu öffnen - denn der Präsident habe "allumfasssende Macht". Werden wir Zeuge einer Verfassungskrise in den USA?
Nein, das glaube ich nicht. Ich bin optimistisch, dass wir uns auf eine gemeinsame Herangehensweise verständigen können. Wenn wir irgendwann an dem Zeitpunkt einer Wiederöffnung angekommen sind, ist für uns wichtig, dass es für New Jersey und dann für die Region funktioniert. 

Wenn wir uns nicht absprechen, kann das unbeabsichtigt schlimme Folgen haben, denn wir leben hier ja alle so nah beieinander. Gleichzeitig brauchen wir die Bundesregierung, die ist die ganz zentrale Figur in dieser Krise. Wir brauchen Washington an unserer Seite.

Haben Sie in der Krise denn genug Hilfe aus Washington erhalten?
Wir haben viel Hilfe erhalten, ganz besonders beim Testen, bei Beatmungsgeräten und Schutzkleidung. Aber wir können immer mehr gebrauchen. Daher bin ich dankbar und gleichzeitig froh über jede zusätzliche Unterstützung.

Krisenzeiten sind Zeiten der Regierung. Wie lässt sich das Vertrauen der Bevölkerung gewinnen - und behalten?
Wichtig ist: Du musst überkommunizieren, und du musst ehrlich sein. Und zwar auf zwei verschiedene Arten. Zum einen muss man die Bevölkerung glasklar über die Größe der Herausforderung informieren, auch wenn es sich um tragische Entwicklungen handelt. 

Zum anderen muss man den Menschen klarmachen, dass wir diese Schlacht gewinnen können. Sie müssen den Weg ganz genau nachvollziehen können, wie sich dieser Virus besiegen lässt. Beides widerspricht sich eigentlich ein bisschen: klar die notwendigen Opfer benennen, die die Menschen bringen und aushalten müssen und gleichzeitig daran erinnern, dass das alles aus einem bestimmten Grund passiert. So müssen die Verantwortlichen gerade handeln.

In US-Medien wurde mehrfach der Umgang Deutschlands mit der Corona-Krise als Vorbild gepriesen. Sie waren jahrelang Botschafter in Berlin: Gibt es etwas, was Sie Ihrem Land empfehlen?
Deutschland hat allem Anschein nach deutlich weniger Todesfälle zu beklagen. Die Deutschen haben viel aggressiver getestet, unter anderem mit mobilen Testeinheiten, die zu den Krisenzentren fahren. Das finde ich alles richtig gut. Ich habe gerade dem ehemaligen Gesundheitsminister Hermann Gröhe ein paar Fragen per SMS dazu geschickt. Die Deutschen haben eine Kanzlerin, die ausgezeichnet führt, und die Menschen bleiben zuhause.

Sie selbst gehören zu einer besonderen Risikogruppe, weil Ihnen erst vor ein paar Wochen ein Tumor entfernt wurde. Wie schützen Sie sich?
Gerade sitze ich ganz alleine in einem Raum. Ich halte mich von Menschen fern, mache kaum Veranstaltungen. Interviews führe ich telefonisch. Ja, es ist richtig: Mir wurde ein Tumor in der Leber entfernt. Das war am 4. März, genau an dem Tag, als New Jersey seinen ersten bestätigten Corona-Fall hatte. 

Der Tumor war bösartig, aber meine Erholung verlief viel schneller und besser, als ich gehofft hatte. Es ist eine Herausforderung, aber das geht ja vielen Menschen gerade so. Es wird schon.

Aber Sie informieren auch täglich über das Virus in Briefings. Ist das unbedenklich?
Es stimmt, an sechs Tagen die Woche gebe ich eine Pressekonferenz. Aber ich betrete den Raum mit einer Maske, alle anderen um mich herum tragen auch eine. Nur für das Briefing nehmen wir sie kurz ab. Zu meinen Kollegen halte ich mindestens zwei Meter Abstand, und mindestens vier Meter zu den Journalisten. Wir nehmen das Social Distancing sehr ernst.

Auf Ihrem Instagram-Account veröffentlichen Sie derzeit eigentlich jeden Tag kleine Nachrufe über Menschen aus New Jersey, die ihr Leben verloren haben. Wie nahe können Sie diese Schicksale an sich heranlassen?
Es ist schon hart, aber für mich längst nicht so hart wie für die Angehörigen. Wir haben uns fest vorgenommen, dass es, wie groß auch immer die Zahlen sind, nicht um abstrakte Zahlen geht. Es geht immer um einzelne Menschen. Daher wollen wir jeden Tag über ein paar von ihnen sprechen, um sicherzustellen, dass so viele Menschen wie möglich sie kennenlernen können.

Können Sie noch schlafen?
Ja, schlafen kann ich. Ich bekomme nur bei weitem nicht genug Schlaf. (Lacht.)

Sie sind Vater von vier Kindern. Wie halten Sie die unter Kontrolle und halbwegs guter Laune in diesen Zeiten?
Gott sei Dank sind sie inzwischen schon erwachsen. Drei studieren bereits, eines ist noch auf der Highschool. Alle vier lernen seit gut einem Monat von zuhause aus. Es ist eine Herausforderung, wie sie keiner von uns jemals erlebt hat. 

Meine Ehefrau Tammy leitet eine Stiftung, die Gelder für Corona-Betroffene sammelt. Gerade hat sie ein Benefizkonzert mit lauter Stars aus New Jersey angekündigt, da werden Bruce Springsteen, Jon Bon Jovi, Danny DeVito, Whoopi Goldberg und andere auftreten. Alle sind sehr beschäftigt.

Ein letztes Wort zu Joe Biden?
Ich mag ihn sehr, er hat mich immer sehr unterstützt. Aber es ist eine schwierige Situation gerade. Das Virus zieht einfach alle Aufmerksamkeit auf sich. Es ist schwer vorherzusagen, wie es weitergeht. Aber er ist ein guter Mann.

Phil Murphy arbeitete 23 Jahre lang für das Investmentbanking-Unternehmen Goldman Sachs. Von 2009 bis 2013 war er US-Botschafter in Berlin. Anfang 2018 wurde der Demokrat zum Gouverneur von New Jersey gewählt.

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