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Der Klimaforscher Michael Mann ist Direktor des Earth System Science Center der Pennsylvania State University. Foto: Joshua Yospyn
© Joshua Yospyn

Interview mit Michael E. Mann Klimaforscher ist „vorsichtig optimistisch“

Als unermüdlicher Kommunikator von Erkenntnissen seines Fachs mischt sich Michael Mann gern in Debatten ein. Jetzt ist sein neues Buch auf Deutsch erschienen.

Herr Mann, was ist die Botschaft Ihres Buchs „Propagandaschlacht ums Klima“?
Wenn ich es in einem Slogan ausdrücken müsste, würde ich sagen „Dringlichkeit und Handlungsfähigkeit“. Es ist dringlich, dass wir jetzt handeln, um die katastrophalen Folgen des Klimawandels abzuwenden, aber es ist nicht zu spät dafür. Wir sind nah dran, die notwendigen Aktionen zu sehen.

Welche Hindernisse gibt es?
Die Auswirkungen des Klimawandels können nicht mehr geleugnet werden. Die „Inaktivisten“, wie ich sie im Buch nenne, haben sich deshalb anderen Taktiken zugewandt. Es ist kein Leugnen mehr, hat aber immer noch zum Ziel, eine Bewegung weg von fossilen Brennstoffen zu verhindern. Dazu gehört ein Ablenkungsmanöver fort von einem Systemwandel hin zu individuellen Verhaltensänderungen. Als ginge es nur um Sie und mich und unseren Lebensstil. Wenn wir dann auf Leute mit dem Finger zeigen, weil sie fliegen oder Fleisch essen, dividiert uns das auseinander, statt den Wandel mit einer Stimme zu fordern.

Welche Ablekungsstrategien gibt es noch?
Falsche Lösungen wie Carbon Capture, Geoengineering und eine neue Generation von Atomkraftwerken. Dabei geht’s um Verzögerung in dem Sinne: „Wir haben in zehn Jahren eine Lösung, traut uns!“ Um dann weiterzumachen mit dem Verschmutzen. Statt einfach die Technologien zu nutzen, die wir haben, spielt das in die Hände der Inaktivisten. Oder softes Leugnen wie: „So schlimm wird es nicht kommen.“ Oder: „Wenn wir keine fossilen Brennstoffe mehr nutzen, wird das die Wirtschaft zerstören.“

Warum zählen Sie auch den Versuch dazu, eine Weltuntergangsstimmung zu schaffen?
Wenn uns die Kräfte des Inaktivismus glauben machen, dass es zu spät ist, um etwas zu tun, weil wir ohnehin dem Untergang geweiht sind, kann das genau die gleiche Wirkung haben wie regelrechtes Leugnen. Wir müssen aufpassen, dass wir nicht in diese Falle tappen, denn es raubt einem die Energie.

Lippenbekenntnisse sind anscheinend auch eine beliebte Taktik.
Ich nenne es anders, aber ja, absolut. Ich beschreibe im Kapitel über Scheinlösungen, wie fossile Unternehmen und ihre Unterstützer versuchen, verbal gut dazustehen, weil sie den Druck der Klimabewegung spüren. Sie wissen, dass sie so klingen müssen, als wären sie an einer Lösung des Problems interessiert. Auch wenn die Lösungen, die sie dann vorbringen, nicht sinnvoll sind. Wie Erdgas zum Beispiel. Das ist ein fossiles Gas. Wie kann das die Lösung für ein Problem sein, das von fossilen Energien verursacht wurde? Und, oh ja: „Wir werden 2050 klimaneutral sein. Traut uns.“ Um dann keine Politik zu unterstützen, die uns in diese Richtung bringt.

Haben Sie da jemand Bestimmten im Auge?
Scott Morrison, den Premierminister von Australien zum Beispiel. Früher war er Klimaleugner. Jetzt spürt er den Druck der USA, die zurück sind auf der Klimabühne, der EU und sogar von China. Selbst wenn er sagt, er unterstütze nettonull bis 2050, Jahrzehnte in der Zukunft, schlägt er jetzt eine Erdgas-getriebene Erholung von der Pandemie vor.  Wir müssen uns bewusst sein, dass das eine hohle Rhetorik ist.

Der australische Premierminister Scott Morrison. Foto: William West/AFP Vergrößern
Der australische Premierminister Scott Morrison. © William West/AFP

Gehört „Innovation“ auch dazu und dass sie uns auf zauberhafte Weise retten wird?
Innovation ist wichtig. Aber sie wird oft benutzt, um von sinnvollen Maßnahmen abzulenken. Es geht darum, den Worten Taten folgen zu lassen.

Bill Gates glaubt, dass 50 Prozent der Technologien, die wir zur Lösung der Klimakrise brauchen, noch nicht erfunden sind. Sie haben das kritisiert. Warum?
Der Klimasondergesandte der USA, John Kerry, hat sich neulich ähnlich geäußert wie Bill Gates. In Kerrys Fall war es wohl so, dass er eine Aussage aus dem jüngsten Bericht der Internationalen Energieagentur falsch verstanden hat. Dort steht, dass im Jahr 2050 ein großer Teil der dann noch nötigen Minderung von Emissionen aus Technologien kommen wird, die wir heute noch nicht haben. Aber nicht 50 Prozent dessen, was von heute an bis 2050 gebraucht wird. Bis zu 90 Prozent aller Reduktionen bis 2050 können mit existierenden Technologien bewältigt werden. Bill Gates unterschätzt die Rolle von erneuerbaren Energien in seinem Buch deutlich, wenn man es mit den Einschätzungen von Experten vergleicht. Deshalb bevorzugt er weitaus riskantere Technologien wie die Atomkraft. Klar, neue Technologien werden es einfacher machen. Aber wir können nicht auf magische Lösungen warten.

Manchmal hat man den Eindruck, dass Sie sich ganz gern wegen solcher Dinge streiten. Sind Sie reizbarer geworden, seit Sie wegen des Hockeysticks massiv angegriffen wurden?
Damals hat man versucht, mich zu diskreditieren. Das war ein Schubs mitten ins Zentrum der Klimadebatte. Ich habe das als Chance verstanden, die Diskussion mit Argumenten zu füttern. Das ist eine Rolle, die Wissenschaftler haben. Auch für uns als Bürger ist es angemessen, dass wir die politischen und ethischen Dimensionen der Klimakrise kommentieren. Diese Ansichten sind aber unterrichtet durch unsere Arbeit. Zweifel an der Wissenschaft zu säen ist eine alte Taktik, die nicht von Klimaleugnern erfunden wurde, sondern von der Tabakindustrie, der Getränkeindustrie und der Waffenlobby.

Die Rolle des Kämpfers gegen diese Mächte haben Sie aber ganz gern angenommen, oder?
Mein Vorbild, der große Klimawissenschaftler und Kommunikator Steve Schneider, wurde von den Medien als Faustkämpfer bezeichnet. Es gibt böse Akteure, die hart daran arbeiten, die Wissenschaft mit heimtückischen Methoden zu diskreditieren. Ich denke, wir müssen diese Akteure beim Namen nennen. Manchmal macht einem das Feinde. Das kann man nicht vermeiden. Darum nenne ich es den Klimakrieg. Wir haben uns diesen Krieg nicht ausgesucht. Es ist natürlich ein Risiko, Dinge mit einem militaristischen Vokabular belegen. Wir müssen weiter eine positive Botschaft überbringen, und die lautet, dass wir handeln müssen, aber noch Zeit haben, die schlimmsten Auswirkungen des Klimawandels zu verhindern.

Die Klimawissenschaft weiß inzwischen, dass die Erderwärmung innerhalb weniger Jahre endet, wenn wir die Klimagase auf null bringen. Warum hat man das früher anders eingeschätzt?
In den alten Tagen hatten wir einfachere Modelle und Kohlendioxid wurde im Modell wie mit einem Regler aufgedreht um zu sehen, wie das Klima reagiert. Aber in der echten Welt läuft das anders. Da bestimmt das Klimasystem, was mit dem Kohlendioxid geschieht. Manches bleibt in der Atmosphäre, manches wird von Pflanzen aufgenommen, manches von den Meeren. Deshalb akkumuliert sich das CO2 nicht so schnell in der Atmosphäre, wie man annehmen sollte. Wenn man das Klimasystem mit einem interaktiven Kohlenstoffkreislauf modelliert, dann findet man, dass die CO2-Konzentrationen in der Atmosphäre sinken. Das gleicht die sogenannte eingepreiste Erwärmung nahezu aus. Das bedeutet: Sobald wir aufhören, Kohlenstoff zu verbrennen, wird die Temperaturkurve flach.

Das ist eine gute Nachricht!
Sie hat auch eine negative Seite, denn es bedeutet, dass unser Budget sinkt, mit dem wir unter einer verheerenden Erderwärmung von 1,5 Grad bleiben können. Die Emissionen weltweit müssen in den nächsten zehn Jahren halbiert werden. Ich bin vorsichtig optimistisch, dass wir das schaffen.

Der Paläoklimatologe Michael E. Mann ist Professor an der Pennsylvania State University und war einer der Leitautoren des 2001 erschienenen dritten Sachstandsberichts des Weltklimarats IPCC. Eine von Mann mitentwickelte Rekonstruktion der Temperaturen des letzten Jahrtausends weist ab dem 19. Jahrhundert einen nach oben abknickenden Verlauf auf, der die Erderwärmung veranschaulicht. Sie wurde bekannt als „Hockeyschläger-Diagramm“. Das Buch „Propagandaschlacht ums Klima“ ist im Verlag Solare Zukunft erschienen.

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