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95 Prozent der Afghanen haben nicht genug zu essen und viele kaum mehr Geld für Einkäufe. Foto: AFP
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Internationale Geberkonferenz für humanitäre Hilfe Ganz Afghanistan hungert

Helfer warnen: Afghanistan ist unter den Taliban im freien Fall. Wie kann Hilfe geleistet werden, ohne den Islamisten in die Hände zu spielen?

Die Geflüchteten aus der Ukraine sind aus gutem Grund im Fokus der Öffentlichkeit. Doch jenseits des großen Leids im Osten Europas ist eine andere Katastrophe in den Hintergrund gerückt: Der Kollaps Afghanistans, der die komplette Bevölkerung mitzureißen droht.

Hilfsorganisationen mahnen seit Monaten, wie ernst die Lage für die Menschen am Hindukusch nach der Machtübernahme durch die radikalislamischen Taliban geworden ist. An diesem Donnerstag nun, ist eine UN-Geberkonferenz für Afghanistan angesetzt. Deutschland ist mit Großbritannien und Katar Co-Gastgeber des virtuellen Treffens auf Ministerebene.

95 Prozent der Menschen haben nicht genug zu essen

Organisationen wie die Welthungerhilfe oder Save the Children warnen, es drohe der humanitäre Kollaps der ganzen Nation. Welthungerhilfe-Landesdirektor Thomas ten Boer, sagt: „Afghanistan befindet sich im freien Fall.“ Bereits 95 Prozent der Afghanen können sich nicht mehr ausreichend ernähren, beklagen auch die Vereinten Nationen (UN).

Die Zahl der Hungernden stieg demnach von 14 Millionen Menschen im Juli 2021 auf rund 24 Millionen aktuell – eine Steigerung bisher ungekannten Ausmaßes in so kurzer Zeit.

Sieben von zehn Familien lassen längst Mahlzeiten ausfallen, können dringende Arztbesuche nicht bezahlen. Mädchen werden wieder jung verheiratet, mahnt die Welthungerhilfe. Obendrein steigen auch in Kabul, Herat, Kandahar oder Masar-i-Sharif durch den Krieg in der Ukraine Lebensmittel- und Spritpreise.

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„Wir dürfen nicht zulassen, dass die Menschen in Afghanistan von ihrer Regierung in Geiselhaft genommen werden. Wir dürfen eine ganze Generation nicht dem Hunger überlassen“, fordert Thomas ten Boer, der mit 120 Mitarbeitern am Hindukusch tätig ist. Seiner Ansicht nach sollte die Weltbank eingefrorene Gelder für Projekte zum Überleben freigeben.

„Die Konsequenzen von Nichtstun werden schnell und schwerwiegend sein – und schwierig, wenn nicht sogar unmöglich wieder umzukehren“, heißt es im UN-Konferenz-Aufruf. 4,4 Milliarden Dollar seien nötig, erst 13 Prozent davon finanziert.
Es ist ein kniffliges Unterfangen, humanitäre Hilfe zu leisten, ohne dass die radikalislamischen Taliban davon profitieren.

Auf keinen Fall will die Staatengemeinschaft das Terrorregime der sich international harmlos gebenden Taliban anerkennen, die nach Aussagen von Augenzeugen nachts Bürger aus ihren Häusern holen und sie verschleppen, wenn sie der Ansicht sind, sie sind nicht auf Linie. Noch haben die neuen Herren in Kabul keine der für eine Anerkennung ihrer Herrschaft geforderten Bedingungen erfüllt - ganz essentiell die Achtung der Menschenrechte, besonders die Rechte von Frauen und Mädchen. Im Gegenteil.

Die Taliban geben sich konziliant, halten Zusagen aber nicht ein

Seit ihrer Machtübernahme am 15. August haben sie viel versprochen, aber nicht gehalten. Jüngst erklärten sie, nun dürften doch alle Kinder wieder zur Schule, allerdings nach Geschlechtern getrennt, Mädchen dürften nur von Lehrerinnen unterrichtet werden - die es wohl nicht überall gibt. Aber auch das ist schon wieder Makulatur.

Es gibt weiterhin keinen Unterricht für Mädchen ab der sechsten Klasse - wie die Taliban nach ihrer Machtübernahme dekretiert hatten. Frauen dürfen nach Taliban-Auslegung des Scharia-Rechts nicht ohne Begleitung weitere Strecken im Land reisen – und nicht mehr fliegen.

Auch viele ehemalige Ortskräfte deutscher Arbeitgeber sind noch dort. Deutschland hatte rund 30 000 Afghanen im Sommer Papiere zugesagt. Nur 5300 Personen kamen im Rahmen der chaotischen Luftbrücke während des fluchtartigen Abzugs aller Internationalen auf einen Flieger.

Einige tausend wurden seither über Nachbarländer aus dem Land gelotst. Doch die meisten auch von ihnen sind bisher nicht in Deutschland. Ein weitergehendes Programm für die Aufnahme von Afghanen werde „derzeit erarbeitet“, heißt es auf der entsprechenden Seite des Auswärtigen Amtes. Letzte Aktualisierung: 2. Februar 2022. Vor Putins Überfall auf die Ukraine.

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