Ein Mann wirft einen Schatten. Foto: dpa
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Integration und Demokratie Der Fall Özil und die Doppelmoral

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Seit dem WM-Aus und der erfolgreichen Sündenbocksuche tobt zwischen Rassisten und Antirassisten eine wütende Debatte: um Kultur, Identität und Ethnie. Ein viel wichtigeres Thema kommt nur am Rande vor. Ein Essay.

Angenommen, das deutsche Team hätte die Weltmeisterschaft gewonnen oder wäre immerhin Vizeweltmeister geworden. Angenommen, viele der Siegestore hätte Mesut Özil vorbereitet oder selbst geschossen. Was wäre?

Kein Hahn würde heute nach dem Fototermin des Sportstars mit Recep Tayyip Erdogan krähen, kein Huhn deshalb aufflattern. Nicht einmal die Rechtesten unter den rechten Neonationalisten würden das Meckern wagen. Im Jubeln und Hupen wäre jeglicher Verdruss um das Fußballgenie Özil untergegangen. Wer hätte ihm angesichts brodelnder Fanmeilen und begeisterter Titelblätter die paar Aufnahmen an der Seite des türkischen Autokraten vorhalten wollen?

So lange Siegesfähnchen an Autos wehen und von Balkonen herabhängen, erinnert übrigens auch nie jemand an die notorische Korruption des Weltfußballverbandes Fifa. Vergessen worden wäre bei einem Pokalgewinn in Moskau so manches. Statt über Skrupel im Umgang mit dem Machtstrategen Wladimir Putin, dem Gastgeber der Weltmeisterschaft, hätte man über die fröhliche, russische Gastfreundschaft geredet und über die tollen Moskauer Fanpartys. Aber bekanntlich kam es ganz anders.

Vor der Weltmeisterschaft, als das Özil-Erdogan-Bild entstand, war das Klima in Deutschland toxisch aufgeladen. Von der CSU angezettelte Gefechte zwischen Innenminister und Kanzlerin um das Sichern von Grenzen und angeblichen „Asyltourismus“ drohten zum ultimativen Machtkampf „Vati“ gegen „Mutti“ zu entgleisen. Parallel wurde darüber gestritten, ob denn der Bundestrainer, der große Bruder der Mannschaft, überhaupt die richtigen kleinen Brüder für die Spiele ausgewählt hatte. Zum allgemeinen Ärger posierten noch dazu zwei der kleinen Brüder mit dem falschen Vati. Nationale Krise an zwei Fronten! Einige Kommentatoren gingen so weit, vom Fußballerfolg der Vorzeigekinder der Bundesrepublik den Erfolg der Bundeskanzlerin, ja, ihren Verbleib im Amt, abhängig zu machen – als sollten die Söhne draußen im Felde die Konflikte der Eltern daheim lösen. Mit solchen Hypotheken zogen sie los, spielten, kämpften – und verloren niederschmetternd. Desaster.

Ein Sündenbock wurde gesucht und gefunden. Nicht falsches Management, uninspiriertes Spiel oder ein glückloser Trainer waren Urheber des WM-Debakels. Nein, da war ja Mesut Özil. Als Beweisstück des Indizienprozesses gegen ihn galt sein Foto mit dem türkischen Autokraten: Özil, der Illoyale, Özil, der nie deutsch geworden war, Özil, der Nichtintegrierte. Hätte man so einen Vaterlandsverräter doch gar nicht erst mitgenommen! Schon hatte sich die Hitze der Asyl-Debatte übertragen auf eine Özil-Debatte. Diskriminierende, feindselige bis rassistische Kommentare zirkulierten nicht nur in rechten Nischen im Netz. Insofern hatte Mesut Özil völlig recht mit seiner Wahrnehmung, als Gewinner gehöre er dazu, als Verlierer nicht. Schon 2011, 2012 und 2016 hatte Özil, noch als Sieger, sich ja mit Recep Tayyip Erdogan getroffen, was damals kaum sonderlich Wogen schlug.

Er solle sich erklären!, erscholl es. Und Özil erklärte: „Eine Absage des Treffens mit dem Präsidenten“ so glaubte er, wäre „eine Respektlosigkeit für all meine Vorfahren gewesen.“ Das Treffen selber sei „nicht politisch“ gemeint gewesen. Aufgrund der Rassismen im DFB nehme er Abschied von der Nationalmannschaft. Damit ging der wahre Sturm los; das Foto hatte vollends seinen Rahmen gesprengt. Doch diese Explosion ist vor allem ein Symptom für tiefer liegende Verwerfungen. Sie zu erkennen, könnte gerade hier die Chance sein.

Mal wieder stößt die Fußballwelt eine Debatte an

Typischerweise hat wieder mal die Fußballwelt – Ersatzreligion der Postmoderne, Ersatzkrieg des Nationalismus – mit dem Streit um den rollenden Ball politische Debatten um Moral und Doppelmoral ins Rollen gebracht. 2009 war es nach dem tragischen Suizid des Nationaltorwarts Robert Enke zur bundesweiten Debatte um das Tabuthema Depression gekommen. 2013 nahm durch die Anklage der Staatsanwaltschaft gegen FC-Bayern-Präsident Uli Hoeneß wegen 30 Millionen Euro, die er dem Fiskus vorenthalten hatte, die Diskussion um Steuerhinterziehung rasant an Fahrt auf. Was an den heiligen Ball und seine Männerbünde rührt, das trifft den Nerv der Mehrheit. Auch jetzt. Während derzeit Deutschlands Funktionseliten zur sommerlichen Kultstätte Bayreuth pilgern, schwirren nicht nur dort in den Opernpausen, sondern überall im Land, die Argumente zur Causa Özil hin und her.

Die Öziliade 2018, begonnen als Drama um einen jungen Sportmillionär, ruft sämtliche Akteure auf den Plan, die zanken und zetern, Profit aus der Affäre ziehen oder Lehren aus ihr ableiten wollen. Rassisten und Antirassisten melden sich zu Wort, Migranten und Nichtmigranten, Islamkritiker, muslimische Funktionäre, Integrationsmahner, türkische und deutsche Nationalisten.

Von rechts dröhnt das Rassistenorchester, nicht mal ein Privilegierter wie Özil könne „wirklich deutsch“ werden, Integration werde mit Muslimen wie ihm nie gelingen. Im biologistischen Diskurs von AfD, Pegida, Sarrazin und Co wird ohnehin vor keiner Doppelmoral zurückgeschreckt. Sogar am Antisemitismus hat man dort nur Interesse, sofern er bei Migranten auffällt. Ansonsten gibt es keine Skrupel, etwa die Wehrmacht rehabilitieren oder das Holocaust-Mahnmal abschaffen zu wollen.

Bei den Opponenten des Rassismus wird weit ausgeholt, um jeglichen Rassismus, auch im Fall Özil, im „westlichen“ Kolonialismus zu verankern. Bezugspunkt ist heute nicht das grausamste und größte Verbrechen des Rassismus’, die Shoah, sondern der historisch allein bei den heutigen Demokratien verortete Kolonialismus. Dass die post-osmanische Türkei ebenfalls ein post-kolonialer Staat ist, dass es arabischen Sklavenhandel gab und große, außereuropäische Imperien, blendet man gern aus.

Um das Kernthema Demokratie geht es beiden Diskursen nur am Rande. Demokratie klagen erstaunlicherweise vor allem türkischstämmige, nichtrassistische Kritiker von Özils Posieren mit Erdogan ein. So der Boxer Ünsal Arik, der Özil vorhält, sich „politisch auf die Seite eines Diktators gestellt und ihn im Wahlkampf unterstützt“ zu haben. Er empfiehlt Özil, er solle „mal recherchieren, wofür Erdogan verantwortlich ist“. Ähnlich äußern sich Cem Özdemir und auch die 30 Jahre alte Autorin Tuba Sarica. In Özils kritikloser Akzeptanz von Erdogan sieht sie ein Symptom für die „Scheinintegration vieler Deutschtürken“, die am liebsten unter sich blieben und ihrerseits rassistisch über „die Deutschen“ sprächen. Sarica kommt aus unkonventionellem türkischem Arbeitermilieu, ihren Vater beschreibt sie als eine Art „Hippie“. Wohl auch deshalb traut die Autorin sich zu, den Blick von außen auf die türkisch-deutsche Community zu lenken. „Ihr Scheinheiligen! Doppelmoral und falsche Toleranz. Die Parallelwelt der Deutschtürken und die Deutschen“ ist der Titel ihres provokanten Buchs zum Thema.

Das Bildungsziel muss Demokratie sein, statt dessen herrscht politische Infantilität vor

An Berliner Schulen wünschen sich so manche deutsch-türkischen Kinder, treuherzig bis aufgebracht: „Sagen Sie nichts gegen Erdogan, Herr Lehrer – Erdogan ist unser Vater!“ Das hören sie zu Hause. Auch Mesut Özil beruft sich auf seine Mutter und deren Erwartung, er möge seine „Herkunft, sein Erbe und seine Familientradition im Blick“ behalten. Seine Treffen mit Erdogan seien ein Ausdruck von „Respekt vor dem höchsten Amt im Land meiner Familie“. Sonnig strahlend, fast kindlich, wie ein glücklicher Schuljunge, blickte denn auch Mesut Özil neben dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan in die Kamera. Der türkische Landesvater hat inzwischen erklärt, er „küsse ihm die Augen“ und begrüße seinen Ausstieg aus der Nationalelf. Zentral an Özils Versuch, seine Position zu erklären ist seine Selbst-Ethnisierung. Hier liegt der Hase im Pfeffer, wenn Begriffe wie Kultur, Identität und Ethnie die Diskurse von Rassisten wie Antirassisten dominieren, anstatt Demokratie, Rechtsstaat und Menschenrechte.

Mesut Özil, hochbegabter Sportler, geboren 1988 in Gelsenkirchen, hat die Realschule in einem demokratischen Rechtsstaat abgeschlossen und versteht ganz offensichtlich wenig von Demokratie. Wenn Schülerinnen und Schüler keine klare Beziehung zu Rechtsstaat und Demokratie entwickelt haben, sondern stattdessen dem Auftrag ihrer Community folgen, sich an antidemokratischen Ideologien und vermeintlichen Traditionen zu orientieren, hat in erster Linie das Bildungssystem versagt.

Wo immer Demokratiedemontage betrieben wird, müssen Bildungspolitik und Medien hellwach sein. Das gilt bei der AfD, bei Erdogan-Verehrern türkischer Herkunft, Putin-Begeisterten russischer wie deutscher Herkunft, bei Deutsch-Polen, die auf Kaczynski schwören oder Ungarisch-Deutschen, die Orbáns Xenophobie hochhalten. Hellwach sein muss Bildungspolitik auch beim Antisemitismus, den das Gros dieser Gruppen teilt, und der sich bei 20 und mehr Prozent der Deutschen hartnäckig hält. Dem folkloristisch verbreiteten Antiamerikanismus liefert Donald Trumps Präsidentschaft derzeit zusätzlich Stoff. Und für Dauerbeschuss mit Ressentiments sorgt das Internet.

Mehr denn je muss lebendiges, demokratisches Selbstbewusstsein oberstes Bildungsziel sein. Angesichts eines Ozeans aus Datenmüll und rückwärts gewandter Nationalismen wie Rassismen nicht allein in Europa muss es der Bildungspolitik um die Fähigkeit gehen, Kontexte zu erkennen, Informationen zu überprüfen, säkular zu argumentieren und Zivilcourage zu zeigen. Nur so bleibt eine Basis für dynamische, demokratische Prozesse erhalten, die Basis für den Bestand der Europäischen Union. Aktuelle deutsche Schulpolitik setzt auf das Mehren von MINT-Kindern, auf eine technisch trainierte Computergeneration. Was aber sollen die tollsten Programmierer und Massen an Klickmeistern, wenn sie politisch infantil geblieben sind? Gerade erst hat der jüngste Bericht des Verfassungsschutzes das Erodieren demokratischer Normen belegt und die Zunahme von Parallelgesellschaften wie Reichsbürgern und Salafisten.

In der Debatte um den „Fall Özil“ offenbart sich massenhafter Mangel an demokratischen Kompetenzen, an politischem und sozialem Bewusstsein. Doch darum geht es – nicht um „ethnische“ oder „kulturelle“ Fragen. Wie dringlich das Desiderat ist, davon zeugen der offenkundige Rassismus einiger Teile des DFB ebenso wie die offenkundige Naivität eines Fußballers wie Mesut Özil. Die Demokratie, deutlicher könnte es sich kaum zeigen, muss am Ball bleiben.

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