Zum Corona-Überblick: Alle Zahlen zu SARS-CoV-2 in Deutschland
Der britische Premier Boris Johnson am 31. Januar 2022 vor seinem Amtssitz Downing Street 10 Foto: Reuters/Henry Nicholls
© Reuters/Henry Nicholls

Update Inmitten der „Partygate“-Affäre Fünf hochrangige Mitarbeiter Johnsons treten zurück

Exodus in der Downing Street: Der durch die „Partygate“-Krise angeschlagene britische Premier Boris Johnson muss fünf wichtige wichtige Posten neu besetzen.

Nach den Rücktritten von gleich fünf Beratern wird es um den britischen Premierminister Boris Johnson in der „Partygate“-Affäre immer einsamer. Zwar lobten andere Vertraute des konservativen Regierungschefs die Abschiede am Freitag als Teil eines „Kulturwandels“.

Kommentatoren sahen darin jedoch eher Anzeichen für den Anfang vom Ende des Premierministers. Es handle sich um einen „völligen Kollaps“ im Regierungssitz, zitierte die BBC am Freitag einen wichtigen konservativen Abgeordneten, der allerdings namenlos blieb.

[Wenn Sie aktuelle Nachrichten aus Berlin, Deutschland und der Welt live auf Ihr Handy haben wollen, empfehlen wir Ihnen unsere App, die Sie hier für Apple- und Android-Geräte herunterladen können.]

Besonders der Abgang seiner wichtigsten politischen Beraterin Munira Mirza dürfte den Premierminister ins Mark treffen. Die Chefin der politischen Abteilung galt als eine seiner engsten Vertrauten. Sie hatte Johnson seit seiner Zeit als Londoner Bürgermeister begleitet.

Nun brachte ein scharfer persönliche Angriff auf Oppositionsführer Keir Starmer, bei dem sich der Premier einer in rechten Kreisen verbreiteten Verschwörungstheorie bediente, das Fass zum Überlaufen.

In ihrem Abschiedsschreiben forderte Mirza ihren bisherigen Chef auf, sich doch noch zu entschuldigen. „Es ist nicht zu spät für Sie, aber - es tut mir leid, das zu sagen - es ist zu spät für mich“, schrieb sie. Mit der 44-Jährigen verliere Johnson sein „Gehirn“, hieß es in London.

2020 hatte er selbst Mirza als eine der fünf einflussreichsten Frauen in seinem Leben bezeichnet. Ihr Rücktritt hinterlasse eine Riesenlücke, zitierte das Online-Portal „Politico“ einen Regierungsbeamten. „Dies ist gewaltig.“

Munira Mirza, eine enge Beraterin des britischen Premiers Johnson, hat ihren Rücktritt angekündigt. Foto: dpa/PA Wire/Yui Mok Vergrößern
Munira Mirza, eine enge Beraterin des britischen Premiers Johnson, hat ihren Rücktritt angekündigt. © dpa/PA Wire/Yui Mok

Namentlich nicht genannte Mitarbeiter von „Number 10“ erläuterten, dass Johnson sich nicht in einer derart desaströsen Lage befinden würde, wenn er mehr auf Mirza gehört hätte. „Ein Haufen unerfahrener oder unqualifizierter Leute scheint den unmittelbaren inneren Kreis zu bilden, und Nischenthemen überholen die wichtigsten politischen Angelegenheiten“, zitierte das Portal seine Quellen.

Fliehkräfte durch „Partygate“-Affäre

Die übrigen Kündigungen waren hingegen erwartet worden. So war Johnsons Büroleiter Martin Reynolds selbst in „Partygate“ verwickelt. Er hatte im Mai 2020 mit der Aufforderung „Bringt Euren eigenen Alkohol mit“ zu einer Lockdown-Feier im Garten der Downing Street eingeladen. Auch Stabschef Dan Rosenfield und Kommunikationsdirektor Jack Doyle kündigten. Inwiefern die Personalien freiwillig waren oder von Johnson erzwungen wurden, blieb zunächst offen. Doyle sagte der „Daily Mail“, die vergangenen Wochen hätten sein Familienleben stark belastet.

Premierminister Boris Johnson sitzt 2016 mit seinem nun zurückgetretenen Büroleiter Martin Reynolds zusammen. Foto: dpa/AP/Kirsty Wigglesworth Vergrößern
Premierminister Boris Johnson sitzt 2016 mit seinem nun zurückgetretenen Büroleiter Martin Reynolds zusammen. © dpa/AP/Kirsty Wigglesworth

Am Freitag berichteten die BBC und das gut vernetzte konservative Blog „Conservative Home“, mit Elena Narozanski - zuständig für Frauen- und Gleichstellungspolitik, das Kulturministerium und Extremismus - habe eine weitere Beraterin ihren Abschied eingereicht. Narozanki stand laut BBC immer loyal an der Seite von Munira Mirza, die nur wenige Stunden zuvor ihren Rücktritt bekannt gab.

Wer sind die Mitarbeiter, die zurückgetreten sind:

  • Munira Mirza war eine der engsten Beraterinnen des Premiers. Sie arbeitete 14 Jahre für Johnson – schon zu seiner Zeit als Bürgermeister von London.
  • Bevor Jack Doyle in die Downing Street wechselte, war er Journalist bei der „Daily Mail“. Unter Johnson wurde er Kommunikationsdirektor.
  • Martin Reynold leitete das Büro des Premierministers in der Downing Street. Der Beamte ist selber in „Partygate“ verwickelt. Er versendete die Einladungen zu einer Gartenparty während des Lockdowns im Mai 2020.
  • Stabschef Dan Rosenfield kam erst im Januar 2021 in die „Number 10“. Zuvor arbeitete er im Finanzministerium.
  • Elena Narozanski beriet als Bildungsexpertin während Johnsons Amtszeit als Londoner Bürgermeister das Schulbauprogramm – damals geleitet von Theresa May, berichtet die BBC. In ihrer Freizeit soll sie Amateurboxerin sein.

Johnson-Vertraute bemühten sich, das Personalkarussell als Zeichen des Durchgreifens zu verkaufen. „Nun übernimmt der Premierminister das Kommando“, sagte Energie-Staatssekretär Greg Hands dem Sender Sky News. Bei einem Meeting mit Mitarbeitern soll Johnson sich eines Zitats aus „König der Löwen“ bedient haben: „Veränderung ist gut.“ Ein Downing-Street-Sprecher sagte am Freitagmittag, der Premier habe seinen Amtssitz noch immer im Griff.

Während der Corona-Lockdowns fanden in der Downing Street immer wieder Partys statt, bei denen Regeln gebrochen wurden. Johnson soll bei einigen auch selbst dabei gewesen sein. Ein Untersuchungsbericht wirft den Verantwortlichen Führungsversagen und Regelbrüche vor. Zudem ermittelt die Polizei.

Lesen Sie mehr zum Thema auf Tagesspiegel Plus:

Einige Abgeordnete seiner eigenen Partei haben Johnson bereits schriftlich ihre Unterstützung entzogen. Der BBC zufolge sollen bereits 17 solche Briefe eingegangen sein - bei 54 käme es zu einem parteiinternen Misstrauensvotum. Kommentatoren schreiben, mittlerweile sei die Frage, wann es dazu kommen werde - nicht ob.

Noch hat Johnson jedoch wohl noch viele Tory-Abgeordnete auf seiner Seite. Doch der Exodus der Berater zeigt nach Ansicht von Analysten, dass die Stimmung kippt. Bald werde nur noch Kater Larry mit dem Premier in der „Drowning Street“, der „Straße der Ertrunkenen“, wohnen, scherzten Twitter-Nutzer. Der Letzte möge bitte das Licht ausmachen, titelte die „Daily Mail“ zu einem Foto Johnsons. Die Zeitung „The Times“ zitierte ein Regierungsmitglied: „Es fühlt sich an wie das Ende. Alles fällt auseinander.“ (dpa)

Zur Startseite