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"Sind Sie etwa infiziert? Muss ich etwa Ihretwegen in Quarantäne? Foto: Getty Images/iStockphoto
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"Infizierte aller Länder, entstigmatisiert euch!" Eine Coronainfektion ist keine Schuld

Caroline Fetscher

Die Viruseindämmung wird auch behindert durch die Furcht von Infizierten, sich zu erkennen zu geben. Sie fürchten Ausgrenzung. Das ist fatal. Ein Kommentar.

In Südkorea, dem Musterland der Corona-Vorsorge, besuchte ein junger, infizierter Mann vor kurzem in einer Nacht mehrere Clubs. Er ahnte nicht, dass er Träger des Covid-19-Virus war. Angesteckt haben sollen sich in der Nacht Dutzende in den Clubs, und potenziell Dutzende, zu denen diese anderntags Kontakt hatten, fürchten die Behörden in Seoul.

Wer glaubt, sich angesteckt zu haben, ist aufgefordert, sich bei den Gesundheitsämtern zu melden. Nur dann können Betroffene in Quarantäne kommen, um andere zu schützen. Im aktuellen Fall in Korea sei das Nachverfolgen mühsam, besagen Berichte, auch da es sich bei einigen der Clubs um Treffs von Homosexuellen handelt, und sich die traditionsgeprägte, südkoreanische Gesellschaft mit Schwulen und Lesben noch schwertut. Gleich doppelt blockieren dann Tabus und Ängste vor Stigmatisierung die Effizienz der Gesundheitspolitik.

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Angst vor dem Stigma des Ansteckenden begleitet jedes Infektionsgeschehen, auch in weniger traditionsverhafteten Gesellschaften, auch in Europa, auch hier im Land. Eine wesentliche präventive Maßnahme ist daher auch die gesellschaftlich völlig klar vermittelte Entstigmatisierung. Neben den Verschwörungsideologien, die die Aufklärung und Einsicht sabotieren, ist die Angst vor Stigmatisierung eines der stärksten Hindernisse.

Sie ist durchaus real und ernstzunehmen – es gilt, sie zu bekämpfen. Stigmatisiert sehen sich nicht nur „Ausländer“, wie schwarze Menschen in China oder asiatisch Aussehende in Europa. Stigmafurcht existiert überall, bei allen möglichen Nachbarn, direkt nebenan.

Nicht "Schuldige" werden gesucht, sondern Verläufe

Weltweit ist das Ziel guter Corona-Politik – fast – überall dasselbe: Die Anzahl der Fälle reduzieren. Erst wenn die Zahl der Fälle klein genug ist, um jeden Fall verfolgen zu können, lässt sich der Weg der Viren nachvollziehen. Wer sich auf dem Weg oder am Wegesrand befand, kann in Sicherheit gebracht werden, um andere vor sich in Sicherheit zu bringen. Der Virenweg wird abgeschnitten, die Infektionskette gestoppt, das Virus „ausgetrocknet“.

Glasklar erläutert das etwa Viola Priesemann, Leiterin einer Max- Planck-Forschungsgruppe zur Theorie neuronaler Systeme: „Je niedriger die Zahl der Infizierten, desto mehr Freiheit für umso mehr Menschen wird möglich.“ In der aktuellen Lage kann allein konsequentes Nachverfolgen die Gefahr soweit mindern und bannen, dass alltägliches Leben allmählich möglicher wird. Und so lautet die Parole der Zeit: „Infizierte aller Länder: Entstigmatisiert euch!“

So sieht die Datenspende-App des Robert-Koch-Instituts aus, weitere Smartphoneanwendungen sind in Arbeit. Foto: dpa Vergrößern
So sieht die Datenspende-App des Robert-Koch-Instituts aus, weitere Smartphoneanwendungen sind in Arbeit. © dpa

Beim Nachverfolgen, nun als „Tracing“ bekannt, kommen Ämter dem Virus auf die Spur (englisch „trace“). Die Ämter sind dabei Gesundheitsdetektive im Schutzauftrag der Allgemeinheit. Nicht Individuen, keiner individuellen „Schuld“ gilt ihre Spurensuche, sondern dem Geschehen, der akuten oder potenziellen Ansteckung. Gehofft wird auf eine anonymisierte App für Mobiltelefone, die den Vorteil verspricht, als infizierte Person namenlos zu bleiben, während andere dennoch gewarnt sind. Attraktiv am App-Versprechen ist insbesondere dieser Faktor: die Anonymität. Doch gerade für schutzbedürftige Ältere könnte das Handhaben der digitalen Geräte eine hohe technische Schwelle bedeuten, während Jüngere es zum Sport machen können, das Handy wegzulegen, um sich unbemerkt treffen zu können.

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Parallel zur App bleibt nichts als das Trio Testen, Melden und Tracing. Der Erfolg hat eine elementare Voraussetzung: Gebraucht wird ein offener, tabufreier Umgang mit der Infektion, ein wissenschaftlicher und rationaler. „Soll ich mir denn ein Schild um den Hals hängen, auf dem draufsteht: ,Ich habe Corona!’?“ Aufgebracht rechtfertigte ein positiv getesteter Nachbar in einer Großstadt vor den von ihm Angesteckten im Haus, warum er niemandem mitgeteilt hatte, dass ihm vom Gesundheitsamt Quarantäne auferlegt worden war. So konnten andere im Haus nicht getestet werden und im Zweifelsfall als „Spreader“ umherlaufen und das Virus verbreiten.

Warum hatte der Nachbar den Nachbarn kein Wort gesagt? Sein Satz vom „Schild um den Hals“ gibt die Antwort. Komprimiert enthält die Aussage die typischen Ängste und Sorgen in Zeiten von Epidemien. Alle scheuen das „Pestkreuz an der Tür“, keiner will das „Kainsmal“, das einen als möglichen Mörder anderer kennzeichnet: So sieht die Logik des Stigmas aus.

"Soll ich mir etwas ein Schild umhängen?"

Das war nicht anders mit Pest oder Cholera, und auch am Anfang des Wissens über HIV-Aids. Heute suggeriert die Logik des Nachbarn: „Würde ich etwas sagen, wären andere in Sorge oder Panik, ein paar wären vielleicht angesteckt, durch meine Schuld! Einige würden Fälle in Quarantäne kommen – und mit Vorwürfen kommen, dass sie meinetwegen nicht aus dem Haus dürfen! Da halte ich lieber den Mund.“

Produktiv ist nur das ganze Gegenteil der Stigma-Logik. Je mehr Leute informiert sind, je klarer sie informiert sind, desto besser sind sie geschützt und schützen sie andere, gerade auch im nahen Bereich von Infizierten. Wer seinem Umfeld mitteilt, dass er infiziert ist, wer den Ämtern mitteilt, mit wem er in Kontakt war, der warnt und hilft. Er oder sie rettet eventuell Leben von völlig unbekannten Dritten und Vierten.

Ein Virus ist kein Fluch, kein Urteil. Es ist nichts Mystisches, kein Makel und kein Stigma. Ein Virus ist ein vollkommen absichtsloses, biologisches Programm. Weiter nichts. Es kann identifiziert werden, eingedämmt, gestoppt, und eines Tages, aber noch nicht jetzt, durch Medikamente und Impfungen aus der Welt geschafft werden.

Beim Informieren, etwa von Hausbewohnern, seien Ämter zögerlich, heißt es, da sie die irrationalen Reaktionen anderer vermeiden wollen. Doch wer mit nachweislich Infizierten in einer Hausgemeinschaft lebt, sollte das Recht darauf haben, davon zu erfahren, wobei Namen nicht genannt werden müssen. Allein das Wissen trägt dazu bei, dass sich Leute mit Symptomen eher testen lassen und melden und Infektionsketten schneller gebremst werden.

Aushänge im Hausflug, damit alle Bescheid wissen

Amtlich erfasste Fälle sollten von den Gesundheitsämtern mit Namen und Adressen in einer digitalen Datei für alle im Gesundheitsamt Tätigen adhoc nachschlagbar sein. Melden sich Menschen mit Symptomen beim Amt, lässt sich anhand der Datei sofort feststellen, ob unter derselben Adresse infizierte Personen bekannt sind. Treten Fälle im selben Haus auf, sollte es eine Informationspflicht gegenüber anderen Mietparteien und Hausverwaltungen geben.

Informieren könnten Gesundheitsämter etwa durch Aushänge im Haus, durch Anrufe bei Bewohnern und Leitfäden mit Hinweisen zum Verhalten in jedem Briefkasten, etwa für das Verhalten auf Fluren und im Treppenhaus, das Nutzen von Fahrstühlen und mit eindringlichem Rat zu Schutzmaßnahmen. Unerkannte, nichtverfolgte Fälle gefährden andere. Unerkannte, nichtverfolgte Fälle verfälschen die Statistik. Erkannte, und offen kommunizierte Fälle, tragen zu mehr Klarheit, Sicherheit und Freiheit bei. Nicht zuletzt sind Genesene, von denen andere erfahren, wenn sie von deren Infektion wussten, für alle auch Signale der Hoffnung.

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