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Die Impfkampagne in Israel läuft schleppend, zugleich steigen die Infektionszahlen an. Foto: Nir Alon/ZUMA Press Wire/dpa
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Impfquote in Israel stagniert Der selbsternannte Corona-Bezwinger taumelt

Einst gefeiert, nun nur noch Mittelmaß: In Israel ist die anfängliche Impf-Euphorie verpufft. Wegen steigender Corona-Fallzahlen droht ein neuer Lockdown.

Vom „Impfweltmeister“ zum mahnenden Negativbeispiel: Drei Wochen vor dem jüdischen Neujahrsfest Rosch ha-Schana bedrückt Israel eine dritte Welle – und eine pandemiepolitische Krise. Das Impftempo stagniert, längst weisen einstige Corona-Sorgenländer wie Portugal und Belgien eine höhere Quote auf.

Weitaus fataler: Seit Mitte Juni steigt die Verlaufslinie der neu registrierten Ansteckungsfälle mit dem Coronavirus schier unaufhaltsam an, die israelische Sieben-Tage-Inzidenz steuert auf die 500er-Schwelle zu.

Nun gilt Israel als Hochrisikogebiet. Premier Naftali Bennett schwor das Land jüngst auf „harte Tage“ ein, die ersten Verschärfungen sind bereits vollzogen. Und laut der „Times of Israel“ liegen Lockdown-Pläne bereits in der Regierungsschublade. Dabei galt Israel noch vor wenigen Monaten als Musterland der Pandemiebekämpfung.

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Masse, Tempo, Entschlossenheit – mit einer Macher-Mentalität schien Israel eindrucksvoll den Weg aus der Pandemie zu weisen. Das war im Frühjahr. Damals wurde im Akkord geimpft, dank weitsichtiger Bestellungen des Vakzins von Biontech/Pfizer und eines effizienten Managements. Rasch schnellten die Impfzahlen empor, während Deutschland etwa einen unrühmlichen Stotterstart hinlegte. „Israel ist das erste Land der Welt, das Corona besiegt hat“, jubelte Ex-Premier Benjamin Netanjahu. Die Maskenpflicht fiel, die Fallzahlen auch. Die Strände und Clubs von Tel Aviv und anderen Partyorten füllten sich, die Wirtschaft atmete auf.

Doch obwohl seit Juni sogar Kinder ab zwölf Jahren geimpft werden dürfen, sind die anfängliche Euphorie und vor allem aber der Effekt der nachhaltigen Pandemiebekämpfung verpufft. Ohne Frage: Mit Quoten von knapp 63 Prozent bei den Zweitimpfungen und rund 68 Prozent bei den Erstimpfungen weist Israel hohe Werte auf. Ein Alleinstellungsmerkmal sind diese im internationalen Vergleich allerdings längst nicht mehr.

Ohnehin beeindrucken derlei hohe Zahlen das Virus kaum. Erst recht nicht in Gestalt der Delta-Variante. Das muss die israelische Gesellschaft nun schmerzlich erfahren. Die Zahl der Ansteckungsfälle steigt stark an, die der schwerkranken Corona-Patienten auch. Unter den Infizierten sind nicht nur Ungeimpfte, sondern auch Personen, deren Impfung mehr als ein halbes Jahr zurückliegt. Die Wirkung des Vakzins von Biontech/Pfizer kann also nachlassen. Deshalb startete Israel als erstes Land mit Drittimpfungen – erst bei über 60-Jährigen, seit Freitag bei über 50-Jährigen.

Diese aufgrund ihrer wenig erforschten Wirksamkeit dritten Spritzen sind allerdings umstritten – Medienberichten zufolge hat sich bereits mehr als ein Dutzend sogenannter Booster-Impflinge infiziert. Darüber hinaus lösen die Drittimpfungen ein Problem keineswegs: die Impfmüdigkeit. Wie in Deutschland, das mit einer Vollimpfungsquote von fast 57 Prozent in Reichweite des israelischen Wertes liegt, verfängt auch in Israel die Impfkampagne noch zu wenig. Der selbsternannte Impfweltmeister taumelt.

Eine Million Impfunwillige

Mehr noch: Offenbar will sich rund ein Zehntel der Impfberechtigten in Israel überhaupt nicht gegen Covid-19 impfen lassen. Laut einer Umfrage der „Jerusalem Post“ lehnen rund eine Million Menschen in dem 9,4-Millionen-Land eine Impfung weiter ab. Demnach sind knapp ein Viertel von ihnen ultra-orthodoxe Juden und ein Fünftel Araber. Beide Gruppen charakterisiert unter anderem eine skeptische bis ablehnende Haltung gegenüber dem Staat Israel – was auch die Corona-Politik betreffen kann, definitiv aber das Ziel einer Herdenimmunität ad absurdum führt. Zudem stehen viele junge Menschen einer Impfung skeptisch gegenüber.

Und so feiert Sars-CoV-2 ein bitteres Comeback, das teure Rituale gefährdet. In drei Wochen startet das jüdische Neujahrsfest Rosch ha-Schana, etwas später folgt Mitte September Jom Kippur, der höchste jüdische Feiertag. Bereits jetzt wurde mit einer Konvention gebrochen: Um die Impfkampagne anzukurbeln sind seit dem Wochenende Termine rund um die Uhr möglich – und somit auch am Schabbat. Das böse „L“ soll weiter der Vergangenheit angehören.

Noch ringt die Regierung um Ministerpräsident Bennett also darum, die anstehende Feiertagssaison zu retten. „Wir werden alles tun, um Lockdowns zu vermeiden“, schrieb er am Samstag auf Facebook. Israel stehe vor „harten Tagen“. Um möglichst viele und insbesondere junge Menschen zu erreichen, setzt der Premier bereits auf die Kraft der sozialen Medien, auch verschiedene Influencer konnte er für die Impfagenda gewinnen. „Lasst euch impfen“, schrieb er nun erneut. Dieser Appell klingt zwar nicht weltmeisterlich. Doch er könnte mit Blick auf die düsteren Aussichten verfangen.

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