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Olaf Scholz und seine SPD kommen in den Umfragen nicht vom Fleck. Foto: John MACDOUGALL / AFP
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Im Umfrageloch gefangen Olaf Scholz ist nur noch ein Schatten seiner selbst

Der SPD-Kanzlerkandidat hat zu viele seiner Kanten abgeschliffen. Die Zustimmung der Partei sollte ihm nicht wichtiger sein als die der Wähler. Ein Kommentar.

Wie viel Olaf Scholz steckt noch in Olaf Scholz? Es gab einmal einen Hamburger Bürgermeister, dem 80 Prozent der Bürger vertrauten, egal ob sie an der feinen Elbchaussee oder im Brennpunktviertel Billbrook wohnten.

Sogar die Wirtschaft lobte den Sozialdemokraten, der um jeden Arbeitsplatz kämpfte und gegen heftigen Widerstand von Naturschützern und Grünen die Elbe ausbaggern ließ.

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In der Innenpolitik fuhr er einen harten Kurs, Regeln wurden durchgesetzt, kriminelle Asylbewerber abgeschoben. Erst holte er die absolute Mehrheit, beim zweiten Mal mehr als 45 Prozent für die SPD. 

Wer hat dem heutigen Kanzlerkandidaten der SPD diese Kanten abgeschliffen? Wirtschaftskompetenz kann er noch immer beanspruchen, aber vom alten Profil ist sonst nicht viel geblieben.

Der "Scholzomat" will Kanzler werden. Glaubt Scholz das selbst noch?

Zwischen ihm und seiner SPD, die immer weiter nach links gerückt ist, soll nicht der kleinste Spalt sichtbar werden. Das ist der Preis dafür, dass die Kritiker des Establishments zu ihm halten, die 2019 an die Spitze der Partei gerückt sind.

Dabei steht es nicht gut um den Anspruch des Vizekanzlers, als erster Sozialdemokrat nach 16 Jahren wieder ins Kanzleramt einzuziehen. Seit die Grünen Annalena Baerbock ausgerufen haben, fällt er in Umfragen noch weiter zurück.

„Scholzomat“ lautete sein Spitzname zu der Zeit, als er SPD-Generalsekretär war. Daran muss man denken, wenn er nun wie eine mechanische Sprechpuppe unbeirrt den Satz wiederholt: „Ich will Kanzler der Bundesrepublik Deutschland werden.“ 

Eingerahmt von seinen Parteichefs: Ist es der Corona-Sicherheitsabstand, der Olaf Scholz von Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans trennt? Beinfreiheit hat er jedenfalls noch nicht beansprucht. Foto: imago images/photothek Vergrößern
Eingerahmt von seinen Parteichefs: Ist es der Corona-Sicherheitsabstand, der Olaf Scholz von Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans trennt? Beinfreiheit hat er jedenfalls noch nicht beansprucht. © imago images/photothek

Zwar stimmt es: Erst wenn die Corona-Pandemie eingedämmt ist, werden sich viele Deutsche ernsthaft politischen Fragen zuwenden. Dann gibt es eine neue, offene Situation. Voraussichtlich fällt das Urteil über die Grünen dann härter aus als jetzt, da das Bekenntnis zu ihnen nichts zu kosten scheint. Aber ändern muss Scholz etwas, damit er seine Chancen wahrt.

[Mehr zum Thema: Seht her, ich bin eine von euch! Was ihr Stil über Annalena Baerbock verrät (T+)]

In Hamburg war Scholz die unangefochtene Leitfigur, von ihm stammte der Satz: Wer bei mir Führung bestellt, der kriegt sie auch. Nun wirkt er im Verhältnis zu seiner Partei oft wie der Geführte, hält sich heraus, wenn Identitätspolitiker Wolfgang Thierse angreifen oder wichtige SPD-Vertreter das Zwei-Prozent-Rüstungsziel der Nato und die nukleare Teilhabe Deutschlands für obsolet erklären. In Hamburg hielt er den Mietendeckel für Gift, nun steht der prominent in seinem Wahlprogramm. 

Natürlich ist etwas Wahres dran, wenn die SPD nun darauf verweist, dass der Vizekanzler über mehr internationale Erfahrung verfügt als Baerbock und Laschet. Aber erwächst daraus auch Führungsfähigkeit?

Zugespitzt könnte man sagen: Wie sollen die Menschen einem Kanzlerkandidaten zutrauen, sich gegen Wladimir Putin und Xi Jinping zu behaupten, wenn der vor Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans kuscht?

Nur in der Konfrontation mit seiner eigenen Partei kann er kenntlicher und auch überzeugender werden. Deshalb ist es höchste Zeit, dass der Kandidat der SPD wieder den erfolgreichen Wahlkämpfer der Mitte in sich entdeckt und ihm endlich die Ketten abnimmt. Nur Olaf Scholz kann Olaf Scholz befreien. 

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