Der Atlantische Regenwald in Brasilien wird von allen Seiten angenagt. Die Landwirtschaft breitet sich darin aus. Minen werden eröffnet, und die Städte wachsen auch. Foto: Ralf Hirschberger/picture-alliance/ dpa
p
Im Anthropozän Was wird aus unseren Paradiesen?
3 Kommentare

Regenwälder unter Druck

Das Kreischen in den Bäumen könnte von den Nashornvögeln stammen. Doch Caroline, die junge Rangerin des Kenyan Forest Service (KFS), schüttelt den Kopf. Nein, es sind die Affen, die im Kakamega-Forest im Westen Kenias einen Höllenlärm veranstalten. Hoch oben wippen einige Äste, und ein langer Schwanz ist zu sehen, bis er wieder vom Grün verschluckt wird. Die knapp 25 Hektar Regenwald sind der letzte Rest, den KFS und der Kenyan Wildlife Service (KWS), die den Wald gemeinsam verwalten, haben retten können. Vor 50 Jahren reichte der Wald von der ugandischen Grenze bis zur Küste. Der KFS hat einen Teil seines Landbesitzes an die Bewohner rund um den Wald abgegeben. Sie haben dort Tee angepflanzt, den sie für sich selbst vermarkten dürfen. Das Kernproblem: „Die Menschen rund um die Schutzgebiete haben kaum etwas davon“, sagt die Rangerin. Und genau genommen haben auch die Ranger nicht viel davon. Im KWS-Teil des Parks berichtet einer ihrer Kollegen, dass er nur dann bezahlt wird, wenn er auch jemanden durch den Wald führt. Doch angesichts der wegen der prekären Sicherheitslage nach mehreren Terroranschlägen der somalischen Al-Schabaab-Miliz sind die Besucherzahlen in Kenia dramatisch gesunken. Der Ranger kann immer weniger Gäste durch das kleine Wunder führen. Der Druck auf diesen letzten Rest des Waldes nimmt stetig zu. Bei einem Besuch im Januar sind überall Holzbündel zu sehen, und eine Gruppe von Frauen trägt sie schließlich auf dem Kopf aus dem Wald. „Eigentlich müsste ich sie melden“, sagt der Ranger resigniert. „Aber sie müssen kochen. Und es gibt nirgendwo sonst noch Holz.“ Genau das hat den Wäldern in ganz Afrika zugesetzt. Feuerholz und Holzkohle haben die Wälder aber vor allem in Ostafrika dramatisch dezimiert.

In Brasilien bedrohen Landwirtschaft und Bergbau die Regenwälder

Auch in Brasilien ist es vor allem der Bevölkerungsdruck, der die Wälder des atlantischen Küstenregenwalds fast vollständig zum Verschwinden gebracht hat. Nicht weit von Rio de Janeiro steht noch etwas Küstenregenwald. In der Nähe der Millionenstadt werden Bauern mit Mitteln aus den Wassergebühren der Stadtbewohnern dafür entlohnt, dass sie bereits abgeholzte Wälder wieder aufforsten. Denn langfristig ist die Wasserversorgung Rios in Gefahr. Weiter nördlich in den letzten Resten der Küstenregenwälder haben sich Landlose angesiedelt und bewirtschaften dort jetzt Flächen, die nach langem Hin und Her legalisiert worden sind. Aber Umweltschützer bemühen sich sehr darum, mit den Bauern Bewirtschaftungsmethoden auszuhandeln, die den Erhalt der Wälder nicht komplett infrage stellen. Das größte Risiko für die Küstenregenwälder sehen sie auch nicht in der Landwirtschaft, sondern im Bergbau. Für neue Minen – Brasilien ist mit nahezu allen Bodenschätzen gesegnet, die für die Hightech-Industrien der Welt benötigt werden – werden Wälder abgeholzt, um sie aufzuschließen, weitere Bäume fallen den Straßen zum Opfer, auf denen die Rohstoffe in Richtung Küste transportiert werden, und dort werden die Häfen vergrößert. Diese Landnutzungsänderungen stellen die Ökosysteme insgesamt infrage.

Der Klimawandel trocknet die Amazonasregion aus

Selbst die riesigen Regenwälder im Amazonasbecken, für deren Schutz Brasilien in den vergangenen Jahren viel unternommen hat, sind in ihrem Überleben nicht gesichert. Auch hier sind es viele Faktoren, die zur Zerstörung der Wälder beitragen. In Brasilien ist die Kette meistens so: Erst treiben die großen Landbesitzer Rinder in die Wälder. Dann folgen ihnen die Baumfäller, die mal legal, mal illegal Urwaldriesen zu Fall bringen. Um die Bäume abzutransportieren, werden Straßen in den Wald getrieben. Sind die Flächen dann von den Bäume befreit, kommt die Soja- oder die Zuckerrohrindustrie und bewirtschaftet die Flächen. Und wenn der Boden durch die Übernutzung dann abgetragen ist, kommt nichts mehr. Ein neues Waldgesetz, über das lange gestritten worden ist, hat es den Landbesitzern noch einmal leichter gemacht, sich in die Amazonasgebiete auszubreiten. Und aktuell wird ein Gesetz diskutiert, das die Reservate für die indigenen Völker im Amazonasbecken in ihrer Größe infrage stellt.

Weltweit liegt der Anteil der Treibhausgasemissionen durch die Abholzung von Regenwäldern bei 17 Prozent. Und genau da liegt eine weitere Gefahr für das Amazonasbecken. Gelingt es nicht, den Klimawandel zu bremsen, könnte das Amazonasbecken auf längere Sicht austrocknen und vom Klimastabilisator – derzeit speichern die tropischen Regenwälder noch viel CO2 – zum Klimaproblem werden. Einen Vorgeschmack darauf gab es 2010, als das Amazonasbecken von einer dramatischen Dürre betroffen war.

In Südostasien weichen die Wälder für Palmöl

In Südostasien ist es vor allem die Palmölindustrie, die den Regenwäldern zusetzt. Malaysia und Indonesien sind die weltgrößten Erzeuger von Palmöl. Dabei stammt die Ölpalme aus dem Kongobecken. In Indonesien sind Jahrzehntelang Torfregenwälder gerodet worden. Das Kohlendioxid, das dabei freigesetzt wird, kann von keiner noch so großen Palmölplantage je wieder gebunden werden. Dass derzeit in vielen Städten Südostasiens der Smog so dick in der Luft hängt, dass die Menschen kaum noch atmen können, liegt daran, dass wieder Waldflächen auf Torfböden gerodet werden – und zwar durch Brandrodung. Der Weltmarkt für Palmöl ist in den vergangenen zwei Jahrzehnten dramatisch gewachsen. 2004 lag der Marktanteil von Palmöl noch bei 25 Prozent, 2014 waren es nach Branchenangaben schon 33 Prozent. Palmöl ist fast überall drin, von Margarine bis zum Diesel findet sich das vielseitige Öl. 79 Prozent der gesamten Regenwaldrodungen gehen auf das Konto von Palmölplantagen.

Neben den indigenen Völkern, die vom und im Wald leben, trifft das vor allem die Orang Utans. Ihre Überlebenschancen sind von allen Menschenaffen wohl die geringsten. Obwohl es allen Menschenaffen schlecht geht. Aber die Orang-Utan-Populationen sind innerhalb von 100 Jahren um 92 Prozent zurückgegangen, berichtet das UN-Umweltprogramm Unep in seinem jüngsten Report aus dem Jahr 2011. Beim Klimagipfel in Paris in zwei Monaten wird es auch um die Regenwälder und ihren Schutz gehen. Wer auf ihre Abholzung verzichtet, soll dafür belohnt werden. Allerdings dürfte es schwer werden, mehr zu zahlen, als mit Palmöl zu verdienen ist.

Die Autorin hat sich im Juni auf Einladung der norwegischen Botschaft auf Svalbard und 2012 auf Einladung der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) in Brasilien aufgehalten.

Zur Startseite