Ein Gletscher auf Grönland kalbt im Sommer. Das Eis in der Arktis schmilzt schneller als von Klimaforschern befürchtet. Das erhöht die globalen Meeresspiegel. Foto: mauritius images
p
Im Anthropozän Was wird aus unseren Paradiesen?
3 Kommentare

Die Arktis schmilzt

„Vor 30 Jahren“, sagt Professor Kim Holmén, „hat der Frühling auf Svalbard zwei Wochen später begonnen.“ Der internationale Direktor des norwegischen Polarinstituts ist Schwede, lebt aber seit Jahren im Nachbarland und forscht seit vielen Jahren in der Arktis. „Die Schneeschmelze beginnt viel früher. Und der Fjord friert immer seltener zu“, berichtet er weiter. Svalbard ist einer der wichtigsten internationalen Forschungsstandorte in der Arktis. Die Inselgruppe, deren größte Insel Spitzbergen mit der Hauptstadt Longyearbyen ist, liegt nördlich des Polarkreises. Ny Alesund, wo auch das Alfred-Wegener-Institut gemeinsam mit französischen Partnern eine Forschungsstation betreibt, liegt 1211 Kilometer vom Nordpol entfernt. Im arktischen Sommer, den drei Monaten, in denen die Sonne nie untergeht, arbeiten dort bis zu 1000 Wissenschaftler. In der deutschen Station betreuen die Forscherinnen („wir sind die Messsklaven“) allein rund 50 Messprogramme. In Ny Alesund merken sie den Wandel ganz direkt. Noch vor ein paar Jahren konnten sie die meisten Strecken mit dem Schneescooter bewältigen. Doch die Eisdecke wird immer schneller instabil, und ins Eis einzubrechen, wenn Eisbären unterwegs sind, kann schnell gefährlich werden. Einige der Häuser der ehemaligen Minenstadt – auf Svalbard wurde seit 1900 Kohle gefördert – sind im Permafrostboden eingesunken. Diese gefrorene Bodenschicht von 80 Zentimeter bis einen Meter taut im Sommer immer weiter auf. Das bedroht auch einige Gebäude in Longyearbyen.

Neue Tier- und Pflanzenarten

Die Polarforscher haben noch andere Veränderungen wahrgenommen. Seit einigen Jahren bestimmen sie immer neue Pflanzen- und Tierarten, die vor 30 Jahren in der Arktis noch nicht zu finden waren. Das Packeis, das einmal eine Dicke von neun bis zehn Metern gehabt hat, ist nahezu verschwunden, berichtet Kim Holmén. Seit 2007 schmilzt das Meereis immer schneller, in diesem Jahr hat es die zweitgeringste Ausdehnung seit Beginn der Messungen in den 1970er Jahren erreicht, berichtete die amerikanische Ozeanbehörde Noaa vor Kurzem. Der Rückgang des Meereises hat dramatische Auswirkungen auf das Ökosystem in der Arktis. Unterhalb des Eises finden Kleinstkrebse ihre Nahrung, die wiederum von Fischen oder Walen verspeist werden. Das Nahrungsnetz in der Arktis verändert sich wegen des schmelzenden Meereises dramatisch. Schwimmende Eisschollen sind zudem für Walrösser, Robben und Eisbären überlebenswichtig. Walrösser und Robben bringen ihren Nachwuchs auf den Eisschollen zur Welt, weichen aber immer öfter auf Inseln oder Festlandgebiete aus. Und Eisbären jagen von den Eisschollen aus – und schaffen es immer seltener, sich die notwendige Speckschicht für den Winter anzufressen. Das wiederum hat dramatische Auswirkungen für die Bewohner der unwirtlichen Eiswüsten im hohen Norden: Immer öfter treffen Menschen und Eisbären aufeinander. Meistens geht es für die Bären schlecht aus, aber sie können eben auch den Menschen gefährlich werden. In der Nähe der Siedlungen plündern sie Mülleimer und dringen manchmal sogar in Häuser ein. Das ist in Longyearbyen zwar noch nicht passiert, aber dass ein Eisbär im Dorf übernachtet, das haben sie schon oft erlebt. Hochspezialisierte Tierarten, die es in den Gewässern um Svalbard vor einigen Jahren noch gab, sind weiter nach Norden gewandert. Viele Möglichkeiten, auszuweichen, haben sie allerdings nicht mehr. Kim Holmén sagt: „Der Narwal kann nirgendwo hin.“

In Ny Alesund auf Svalbard arbeiten im arktischen Sommer Hunderte Wissenschaftler, um die Arktis und ihre schnellen Veränderungen präzise zu vermessen. Foto: Jens Büttner/dpa
p

Wie bei den Korallenriffen auch, gibt es auch in der Arktis Spuren der von Menschen ausgelösten Veränderungen, die ganz woanders entstanden sind. So gibt es westlich von Svalbard zwischen der Inselgruppe und Grönland einen Meereswirbel, in dem sich Plastikpartikel sammeln. Das Polarinstitut hat verendete Polarvögel, den Fulmar, untersucht. In den 1980er Jahren haben sie in den Mägen von etwa 20 Prozent der toten Albatrosverwandten Plastikmüll gefunden, 2013 fanden sie ihn in 90 Prozent der Vogelmägen. Immer wieder werden Geisternetze an den Küsten angeschwemmt, also Netze, die Fischer verloren haben, und in ihnen finden sich alle möglichen Tierarten – Fische, Vögel, Robben.

Eisbären sind mit Schwermetallen belastet

In Ny Alesund messen die Wissenschaftler aber auch Substanzen, die in der Arktis nie zum Einsatz kamen, beispielsweise das Insektenvernichtungsmittel DDT, das sich in verendeten Eisbären, Walrössern oder Walen findet. Das Gift reichert sich über die Nahrung der Tiere im Fett der Tiere an. Das Gleiche gilt für Quecksilber, dessen Werte in der Luft in Ny Alesund jeden Tag gemessen werden. Dafür ist die norwegische Forschungsstation zuständig. Auch andere Schwermetalle reichern sich in den Tieren an, die am Ende der Nahrungskette stehen, also Eisbären oder Schwertwalen (Orcas), die wegen der Meereserwärmung immer öfter dort gesichtet werden.

Die Kohleindustrie auf Svalbard lohnt nicht mehr

Im Arctic Council, einem Beratungsgremium, in dem alle Staaten der Arktis seit Jahren zusammenarbeiten, sind wegen der vielen Gefährdungen der Region um den Nordpol bedeutende Schutzbestimmungen beschlossen worden. Rund 98 Prozent der Arktis ist – schon allein, weil es so schwierig ist, dort zu leben – noch immer Wildnis, rund 60 Prozent der Landflächen sind unter Schutz gestellt. Aber am Beispiel der Kohleindustrie auf Svalbard lässt sich gut beschreiben, was auf die Arktis zukommt. Die Kohle hat dort Tradition. Schon um die Jahrhundertwende ist Steinkohle gefunden worden, bis in die 1960er Jahre ist auch in Ny Alesund noch eine Kohlemine betrieben worden, bis eine Staubexplosion 1963 mit vielen Toten die Förderung zumindest dort beendet hat. Nicht weit von Longyearbyen sind noch sieben Minen in Betrieb, teils in norwegischem, teils in russischem Besitz, die aber vermutlich nicht mehr lange überleben werden. Der Kohlepreis ist in den vergangenen fünf Jahren auf unter 60 Euro pro Tonne gefallen. Um in Svalbard an der Kohle noch etwas zu verdienen, müsste er bei mindestens 75 Euro liegen, berichtet Ole Arve Misund, Leiter des Universitätszentrums auf Svalbard. Nur noch 255 Menschen arbeiten in der Kohleindustrie der Inselgruppe, im vergangenen Jahr baute der Minenbetreiber schon 100 Jobs ab, in diesem Jahr sollen noch einmal 150 Arbeitsplätze wegfallen. „Es ist mit Blick auf den Klimawandel schwer zu rechtfertigen, die Minen weiter zu betreiben“, sagt Misund.

Zu viele Touristen gefährden die Ökologie

Aber die Kohle hat die Insel geprägt. Überall sind aufgelassene Stollen zu sehen, in der Hauptstadt steht ein nicht mehr genutztes Transportsystem, eine Seilbahn mit daran hängenden Behältern. Der Tourismus spielt zwar eine viel größere Rolle. Rund 80 000 Übernachtungen zählt die Tourismusbehörde. Aber sehr viel weiter kann dieser Sektor nicht mehr wachsen. Die Kreuzfahrtschiffe, die Longyearbyen anlaufen und auf einen Schlag 4000 Menschen in einen Ort mit 2000 Einwohnern ausspucken, haben so viel Ruß auf dem Eis hinterlassen, dass es noch schneller schmolz. Seit Januar dürfen nur noch Schiffe den Hafen anfahren, die nicht mit dem besonders schmutzigen Schweröl betrieben werden. „Aber das hat uns Geld gekostet“, berichtet Misund. Die rund 3000 Bewohner der Inselgruppe – die meisten sind Norweger, aber insgesamt leben Menschen aus 40 Nationen auf Svalbard – machen sich Sorgen um ihre Zukunft. Und je mehr das Meereis schmilzt, der Schiffsverkehr zunimmt und womöglich auch noch mit einer Bergbauindustrie auf hoher See nördlich des Polarkreises zu rechnen ist, desto schneller werden die ökologischen Veränderungen fortschreiten. Zwar hat der Ölkonzern Shell in der vergangenen Woche entschieden, seine Bohrungen vor Alaska nicht fortzuführen. Doch das dürfte vor allem dem aktuell niedrigen Ölpreis geschuldet sein. Wenn er wieder auf mehr als 100 Dollar pro Barrel (159 Liter) steigen sollte, wie noch vor drei Jahren, dürfte es mit der momentanen Ruhe in der Arktis vorbei sein.

Zur Startseite